Kultur : Landvermesser

Alexander Kluge erhält den Georg-Büchner-Preis 2003

Marius Meller

Im Jahre 1951 wurde der Georg-Büchner-Preis, bis dahin seit 1923 alljährlich als spartenübergreifender Kunstpreis verliehen, in einen reinen Literaturpreis für „Schriftsteller und Dichter deutscher Sprache“ umgewandelt. Die diesjährige Entscheidung für Alexander Kluge, die die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gestern während ihrer Frühjahrstagung in Jena nach ungewöhnlich langer Beratung bekanntgab, muss man auch als eine kleine Korrektur an dieser Festlegung verstehen. Denn Alexander Kluge, Jahrgang 1932, der Filmemacher und Schriftsteller, der Fernsehkünstler und Sozialtheoretiker, der Jurist und Manager, ist heute der deutsche Prototyp des medienübergreifenden Multi-Künstlers. Und das, was er gedruckt von sich gegeben hat, war selten auf die eine Sparte reduzibel: Sein erstes literarisches Buch „Lebensläufe“ (1962), das „teils erfunden, teils nicht erfunden“ (Kluge) die „traurige Geschichte“ einiger durch das Dritte Reich deformierter oder zerstörter Biographien erzählte, verfilmte er 1966 mit seiner Schwester Alexandra in der Hauptrolle. Und sein jüngstes literarisches Werk, die vielgefeierte, fast zweitausend Seiten umfassende „Chronik der Gefühle“ (2000), ist kaum ohne seine Fernseharbeit denkbar, als Ko-Produkt des perpetuum mobile der Kluge’schen Medienmaschine, der unzähligen Interviews in seinen selbst produzierten Sendungen, mit denen er Geschichten und Geschichte über lange Jahre förmlich aufsaugen konnte.

Mit Kluge wird eine erfolgreich auf Dauer gestellte literarische Avantgarde geehrt, die es mit den Jahren nicht bei den gattungssprengenden, zwischen Fiktion und Dokumentarismus oszillierenden Experimenten der 60er und 70er belassen wollte, sich aber auch nicht, wie etwa Hans Magnus Enzensberger, schließlich wieder der puren Poesie zuwandte. Kluge hat die einmal erkämpften Freiräume nie aufgegeben, sondern hat sie mit beharrlich langem Atem mit Leben erfüllt und ist so einer der wenigen seiner Generation, der der Berechenbarkeit der ästhetischen und politischen Pendelschläge zugunsten eines kontinuierlichen und organischen Lebensprojekts aus dem Wege gehen konnte.

Der 13-jährige Kluge erlebte den Bombenangriff auf Halberstadt im April 1945, über den er 1977 ein anrührendes Buch veröffentlichte. Jahrzehnte vor der Debatte um literarisch unterdrückte Sujets wie Bombenkrieg und Vertreibung beschäftigte Kluge sich in mehreren Büchern genau damit – so intensiv, dass von „Verdrängung“ (Günter Grass) nicht ernsthaft gesprochen werden kann. Alexander Kluge ist Seismograph und Landvermesser deutscher Geschichte.

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