Kultur : Lang ist das Leben, kurz der Film

Heute beginnt das Potsdamer Studentenfestival „Sehsüchte“

Michaela Soyer

Am Anfang war der Kurzfilm. Fast jeder große Regisseur nutzte ihn als Türöffner zum Filmgeschäft. Steven Spielberg zum Beispiel bekam seinen ersten kommerziellen Auftrag, nachdem der damalige Universal Chef Sidney Sheinberg einen seiner Kurzfilme gesehen hatte. Die Beiträge des 33. Kurzfilmfestivals „Sehsüchte“ der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam (HFF) sind Visitenkarten der Studenten und eine Kostprobe ihres Könnens.

Gegründet wurde das Festival 1971 zu Defa-Zeiten – in den letzten Jahren entwickelt es sich zum größten Studentenfilmfestival Europas, dessen Organisation die Studenten selbst bewerkstelligen: Sie ist Teil des Medienwirtschaftstudiums an der HFF. 1000 Arbeiten wurden diesmal aus aller Welt eingereicht, 150 davon laufen nun im Wettbewerb.

Vielleicht sind die Vorbilder bei manchem Jungregisseur auch noch zu übermächtig. Der Australier Declan Mortimer Eipper gibt sich mit seinem Film „I suppose I had it coming“ sehr tarantinoesk. Sein Held hat es kommen sehen, das Unglück, schließlich handelt er mit Organspenden und hat seit früher Kindheit einen Hang zum Masochismus. Der französische Wettbewerbsbeitrag „Le fin des vacances“ dagegen ist fast schon ein reifer Film. Regisseur Geoffroi Heissler erzählt die Geschichte eines Abschieds von Vater und Sohn . Ein anderer außerordentlich gelungener Kurzfilm ist Saskia Jells Film „Blind“, eine Diplomarbeit der Filmakademie München, der bereits auf der Berlinale zu sehen war. Rena wohnt in einer Plattenbausiedlung. Um endlich genug Geld für ein Medizinstudium in Berlin zu verdienen, arbeitet sie in einer Fleischfabrik. Jell ist es gelungen, in 23 Minuten die aus Enttäuschung hervorgegangene Entwicklung einer jungen Frau darzustellen. Sie filmt die Plattenbauten nicht als Gefängnis, sondern als das Tor zu einem besseren Leben. Die meisten jungen Regisseure im „Sehsüchte“-Wettbewerb scheinen sich einer traditionellen, narrativen Struktur verpflichtet zu fühlen. Eine Ausnahme ist „Die Riesenwurst 3“ von Andy Schmid, der die sexuellen Fantasien eines spätpubertären Skaters auf die Leinwand bringt. Ein Film mit großem Ekel-, aber auch Erheiterungspotenzial.

Neben dem Preis für den besten Spielfilm prämiert die Jury, zu deren Mitgliedern der Produzent Claus Boje (der unter anderem Detlev Bucks Filme produziert) und der Trickfilmer Gabor Steisinger („Bärenbrüder“) gehören, den besten Animations- und den besten Dokumentarfilm. Ein interessanter Wettbewerbsbeitrag im dokumentarischen Bereich kommt aus der Schweiz. Stefan Brunners 17-minütiger Kurzfilm widmet sich dem Artikel 29 der Berner Stadtverordnung. Der Erlass sorgt dafür, dass sich Punks, Obdachlose und Junkies nur noch eingeschränkt im Stadtzentrum bewegen können. Werden diese Personen „auffällig“, kassieren sie einen Platzverweis und dürfen sich in den nächsten Monaten nicht mehr in Teilen der Innenstadt aufhalten. Durch geschickt montierte Aussagen entlarven sich die „Aufräumer“ selbst.

Talente für größere Produktionen sind während des Festivals vom 27. April bis 2. Mai reichlich in Potsdam versammelt. Und schließlich beginnt nicht nur bei Steven Spielberg eine Erfolgsgeschichte mit Kurzfilmen. Auch Martin Scorsese, Francis Ford Coppola oder George Lucas haben Kurzfilme gedreht, bevor sie Filmgeschichte schrieben.

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