Lange Nacht der Autoren : Wie, du schreibst Stücke?

Jung ist relativ, und die Skepsis gegenüber neuer Dramatik ist groß: Begegnung mit den Autoren der "Langen Nacht" am Deutschen Theater.

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Für Julia Kandzora kam der Anruf zum richtigen Zeitpunkt. Sie war gerade dabei, ihr Stück „In Neon“ zu überarbeiten, und wie sie lächelnd sagt, wollte sie das Werk schon „in die Ecke pfeffern“. Eine durchaus willkommene Nachricht also, dass ihr Text als einer von vieren aus 160 Einsendungen für die Lange Nacht der Autoren am Deutschen Theater Berlin ausgewählt wurde. Auch Carsten Brandau saß am Schreibtisch, als er vom Dramaturgen John von Düffel erfuhr, dass der Juror Michael Althen sich für seine Farce „Fabelhafte Familie Baader“ entschieden hatte. Was ihn erst mal so weit aus der Bahn warf, dass er an dem Stück, mit dem er aktuell befasst ist, nicht mehr weiterschreiben konnte.

Verständliche Reaktion. Die „Lange Nacht“, am kommenden Sonnabend der Abschluss der Berliner Autorentheatertage, besitzt als Entdeckerforum für den Dramatikernachwuchs einen weitreichenden Appeal. Zumal die Stücke dort nicht einfach in szenischer Lesung, sondern als Werkstatt-Inszenierung vorgestellt werden, in zweiwöchiger Probenzeit eingerichtet von namhaften Regisseuren mit Schauspielern des Ensembles, und das im Hauptsaal. Ihren Text „auf der großen Bühne zu sehen, in so einem Entwurf“, darauf freut sich auch Katharina Schmitt, eingeladen mit dem Stück „Sam“. Und wie Laura Naumann, als Jahrgang 1989 die Jüngste der Runde, freudig erzählt, wurde sie sogleich eingeladen, an der Probe für ihr Stück „süßer vogel undsoweiter“ teilzunehmen. Im alltäglichen Betrieb auch nicht eben eine Selbstverständlichkeit, dass Regisseure sich von Autoren gern bei der Arbeit zusehen lassen.

Kandzora, Brandau und Naumann sitzen in gespannter Erwartung beim Kaffee im Deutschen Theater, Katharina Schmitt ist am Telefon aus London zugeschaltet, sie reist erst zur Generalprobe nach Berlin zurück. Alle werten es als gutes Omen, dass sich mit dem Filmkritiker Michael Althen ein bis dato bekennender Theaterignorant für ihre Stücke entschieden hat. Schmitt gefällt dessen Ansatz, zu überprüfen: „Was kann man vom Theater erwarten im Gegensatz zum Kino?“ Und Naumann findet es grundsätzlich wichtig, dass die Arbeiten nicht nur jenen gefallen, die „schon quasi im Theater wohnen“, und dann sagt sie noch einen Satz, den man in Marmor gemeißelt über die Schreibschulen dieser Republik hängen sollte: „Vielleicht wär’s gut, wenn überhaupt mehr Texte entstünden, die für alle möglichen Leute zugänglich sind.“

Was für Althens Auswahl, so eigenwillig und herausfordernd die Stücke auch sind, definitiv zutrifft. „Sam“ übersetzt die radikale Solo-Performance eines taiwanesischen Künstlers aus den Siebzigern in eine mehrbödige Bühnensituation. „In Neon“ folgt einem aus dem Off zur Selbstbefragung bedrängten Mann in Erklärungsnöten. „Fabelhafte Familie Baader“ verzerrt das Terroristenpärchen Baader-Ensslin in einem grotesken Wurf zu Mittelstandsbürgern. Und „süßer vogel unsoweiter“ lauscht in poetisch-verschrobener Weise einer Jugendclique vor der Citytoilette. Sämtlich starke Stimmen.

Die Skepsis gegenüber der Gegenwartsdramatik abzubauen, das ist ja ein erklärtes Ziel der Autorentheatertage. Was allerdings voraussetzt, dass die Menschen zumindest von ihrer Existenz wissen. „Wie, du schreibst Stücke? Fürs Fernsehen, oder was?“, das hat Laura Naumann von Altersgenossen nicht nur einmal gehört. Fassungslos waren die, dass heute noch jemand für die Bühne schreibt.

Für die Vier von der „Langen Nacht“ ist die Dramatik hingegen nicht nur Beruf, sondern Notwendigkeit geworden, auch wenn die Wege dorthin nicht immer zielstrebig verliefen. Katharina Schmitt beispielsweise ging nach dem Abitur erstmal für ein Jahr nach Prag, um sich zu überlegen, was sie mit ihrem Leben anstellen sollte. Sie lernte Tschechisch, bewarb sich, „ohne einem Plan zu folgen“, an der dortigen Akademie der Künste um ein Regiestudium und wurde angenommen. Genauso zufällig, über einen Kurs in Szenischem Schreiben im letzten Semester, kam sie zur Dramatik. Heute ist sie in Tschechien vor allem als Regisseurin, in Deutschland eher als Autorin gefragt. Zuletzt wurde in Leipzig ihr Stück „Im Pelz“ aufgeführt.

Laura Naumann erzählt, sie habe schon als Kind einen überschießenden Spieltrieb besessen, so dass die Mutter ihr nach dem Eintritt ins Gymnasium schließlich befahl, schleunigst an der Theater-AG der Schule teilzunehmen, wo sie dann auch ihre Pubertät überstand. Heute studiert sie Kreatives Schreiben in Hildesheim. Unlängst hatte ihr Stück „tut mir ja leid Vati aber ich muss“ am Theater Junge Generation in Dresden Premiere.

Carsten Brandau hat Philosophie, Germanistik und Geschichte studiert, daneben aber schon als Regieassistent gearbeitet, sein Theaterweg führte über die Praxis. Er verfasst nicht nur Stücke, sondern auch Hörspiele, so kann er vom Schreiben leben. Julia Kandzora, die als Lyrikerin begonnen, ihren Abschluss am Literaturinstitut Leipzig gemacht hat und mit „In Neon“ ihr Theaterdebüt vorlegt, arbeitet derzeit, natürlich eine schöne Pointe, noch als Nebenjob im Abenddienst des Deutschen Theaters.

Die Gegenwartsdramatiker haben, trotz all der Preise, Stipendien und Fördergänge, hierzulande keinen leichten Stand. Im uraufführungsgierigen Theaterbetrieb verschwinden ihre Texte nach einer Inszenierung oft wieder in der Versenkung. Gleichzeitig werden sie lange, lange als „Jungdramatiker“ etikettiert. „Ich bin jetzt 30 geworden und frage mich, wie lange mir das wohl noch anhängt“, amüsiert sich Katharina Schmitt. Und Carsten Brandau kontert: „Ich werde bald 40, ich freue mich schon wieder darüber“. Süßer, ewiger Vogel Jugend.

Lange Nacht der Autoren, 17. April, ab 19 Uhr im Deutschen Theater.

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