Lange Nacht der Philosophie : Antifragil ist besser

Von der Grün-Welt bis zur Bla-Bla-Bla-Welt: Die erste lange Nacht der Philosophie in Berlin.

von
Göttin der Weisheit. Ein Minerva-Porträt des französischen Malers Louis-Jaques Dubois
Göttin der Weisheit. Ein Minerva-Porträt des französischen Malers Louis-Jaques DuboisFoto: bpk-images

Das Institut Français am Kurfürstendamm hat eines der schönsten Kinos von Berlin. Selbst wenn man der einzige Zuschauer wäre, käme man sich hier nicht verloren vor. Der einzige? Am Freitag ist um 19 Uhr kein Platz mehr frei; sie stehen selbst an den Wänden, um einem jungen Mann zuzuhören, der ihnen zuruft: „Stellen Sie sich vor, Sie leben alle in der Grün-Welt!“ Einige Damen mittleren Alters schließen die Augen, vielleicht um das Grüne der Grün-Welt besser sehen zu können. Vielleicht auch, weil diese Veranstaltung erst am nächsten Morgen um 7 Uhr zu Ende sein wird. Zwölf Stunden noch! Zwölf Stunden, 62 Philosophen aus ganz Europa und 12 philosophische Performances: Berlins erste Nacht der Philosophie.

Der Grün-Welt-Philosoph sitzflegelt in der Pose größtmöglicher Gelassenheit auf seinem Stuhl vor dem Kinovorhang. Wahrscheinlich glaubt er, ein Philosoph ist ein Mensch, der schon mehr nachgedacht hat als andere, weshalb es nicht falsch sein kann, wenn man ihm das auch ansieht. Was also, fragt der Philosoph, ist das Hauptmerkmal der Grün-Welt? „Das Grün?“, argwöhnen flüsternd die ewigen Mitmacher des Lebens.

Der Jungphilosoph rutscht hochzufrieden noch etwas tiefer in seinen Stuhl und kündigt an, dass er jetzt zur Existenzwelt übergehe, und was sei denn in einer Existenzwelt auffällig? „Richtig, hier ist alles, hier existiert alles. Parmenides!"- „Wieso Parmenides?“, möchte man noch fragen, aber der Philosoph ist schon bei der näheren Bestimmung der Grün-Welt, als einer „Welt, in der nichts existiert, aber allerlei vorkommt“. Sollte das gar die Philosophie sein?

Er könne das gern noch an der Bla-Bla-Bla-Welt erläutern, bietet der Jungakademiker an, und fragt nach deren Hauptmerkmal. „Das Bla-Bla!“, ruft zornig eine Stimme vom Rang und fährt fort: „Ich habe Ihr Heidegger-Buch gelesen!“ Es klingt wie ein Gottesurteil. Der Denker auf der Bühne zeigt sich leicht irritiert, von nun an vibrieren hysterische Spitzen in seinen Sätzen. Seltsam, dass noch keiner gegangen ist.

Bei "Fragilität" denkt man eher an Porzellankiste als an Evolution

Es muss sich um eine Art Konträrfaszination handeln. Schließlich ist dieser eindrucksvolle Repräsentant einer vermutlich lebenslangen geistigen Adoleszenz Professor: Professor Dr. Markus Gabriel. Philosophie heißt leiden lernen! „Was hat Ihr Realismus denn für Vorzüge?“ ruft der Mann vom Rang, dem Gabriels -HeideggerAuffassung nicht gefallen hat. Im vierten Stock beginnt gleich ein Streitgespräch zwischen Mensch und Tier. Es ist auch an der Zeit, denn über die Jahrhunderte hat die Philosophie den Tieren nur mit der allergrößten Herablassung in die vernunftlosen Augen blicken können. Möglich wäre auch, sich in der Mediathek von Arnaud Macé erklären zu lassen, wie die alten Griechen die Natur erfanden, aber wer jetzt seinen Sessel aufgibt, wird keinen mehr finden. „Wieso konnte Nietzsche nicht um die Ecke sehen?“, fragt ein junger Mann seine Freundin, aber die weiß es auch nicht.

Marcus Gabriel
Marcus GabrielFoto: Imago

Der zweite Philosoph des Abends heißt Peter Engelmann und sieht aus wie eine Allegorie zu Hegels unglücklichem Bewusstsein. Er hält seinen Vortrag in der Hand, traut sich aber nicht, ihn vorzulesen, nach dieser Performance in Grün. „Dekonstruktion - eine Theorie der Kreativität“ lautet sein Thema. Engelmann erklärt, dass es zwei Arten von Philosophie gäbe: Identitätsphilosophie und Differenzphilosophie. Wieso sagt er nicht, dass alle Identitätsphilosophie, die diesen Namen verdient, immer Differenzphilosophie ist? Der Referent mäandert durch sein Thema, das Manuskript keines Blickes würdigend. Eine zunehmende Ratlosigkeit überzieht die Gesichter. Widerstrebt etwas in der Philosophie ihrer eventgerechten Zurichtung?

Die Idee kommt aus Frankreich. Zum ersten Mal hat die Pariser Sciences-Lettres-Ecole-Normale-Supérieure vor wenigen Jahren eine „Nacht der Philosophie“ ausgerichtet, gefolgt von „My Night with Philosophers“ in London. Warum nicht auch in Berlin?, fragte das Institut Français unlängst den Präsidenten der FU Peter-André Alt. Der zögerte nicht.

Die Berliner Nacht ist noch kaum zwei Stunden alt, als Professor Dr. Gunter Gebauer im großen Saal beginnt, Arnold Gehlens Anthropologie zu kritisieren. Er möchte dessen Begriff des „Mängelwesens“ durch „Fragilität“ ersetzen. Gehlen hatte den Umstand, dass der Mensch von der Natur so einmalig schlecht ausgestattet worden sei, dass man von Vorsätzlichkeit sprechen könnte, zur Urszene des unfassbaren Erfolgs dieses minderprivilegierten Tiers gemacht. Bei „Fragilität“ denkt man eher an eine Porzellankiste statt an Evolution. Gebauer aber bleibt dabei. Fragilität ist besser! Und Ziel des Menschseins sei der „antifragile Zustand“.

Womit beginnt Philosophie? Nicht zuletzt mit dem Eros, wissen zu wollen.

Auf der Treppe ist kein Durchkommen mehr. Wollen die alle zur „Kunst, nicht fortschrittlich zu denken“ mit Marita Tatari? Die Philosophie begann einmal mit der Verachtung der Massen, der Viel-zu-vielen. Es ist schwer, in diesem Philosophentreppenstau den „antifragilen Zustand“ zu wahren. Im Erdgeschoss öffnet gleich das Chateau Ksara seine Flaschen, das älteste und größte Weingut des Libanon, um den antifragilen Zustand noch mehr auf die Probe zu stellen. Doch wie dahin kommen? Im zweiten Stock klärt der griechische Professor Giorgios Farakles darüber auf, dass er nicht gedenke, einen Vortrag zum Thema „Wirtschaftspolitik schützen? Hegel und Arendt“ zu halten, wie überall zu lesen sei. „Die Politik vor der Wirtschaft schützen?“ laute er vielmehr. Hegel und Arendt, nicht gerade Leichtgewichte für die abnehmende Aufmerksamkeit am zunehmenden Abend. Gut, dass Professor Pirmin Stekeler-Weithofer gar nicht erst versucht, das Verhältnis des Anarchisten Max Stirner zu Marx und Engels in einen strengen Vortrag zu pressen. Er sagt nur immer wieder: Lesen Sie Stirner! Ich mache Sie aufmerksam auf diesen Mann! Denn womit beginnt Philosophie? Nicht zuletzt mit dem Eros, wissen zu wollen.

Das Maison de France sieht schön aus in der Nacht mit seinen hell erleuchteten Fenstern auf allen Etagen, in denen Zuhörer stehen. Inzwischen philosophieren viele auch schon draußen mit einem Glas „Chateau Ksara“ in der Hand. Die morgens um 4 Uhr noch den Vortrag „How long is now?“ schaffen wollen, bleiben bei Kaffee. Drinnen im Kinosaal liest Professor Alexander Garcia-Düttmann ein Stück Professoren-Mitternachts-Poesie: „Die Stimme der Nacht, ist eine Stimme, die vorwärts treibt … Die Philosophie ist das einzige Licht, das die Nacht erhellt.“

Steht da Martin Heidegger hinter ihm, sehr fragil? Und was würde der Heidegger-Spezialist dazu sagen, dem Gabriels Buch nicht gefallen hat?

3 Kommentare

Neuester Kommentar