Kultur : Langer Schatten, rauer Wind

Von Löwen, Peitschen und Käfigen: Der Aderlass beim Suhrkamp Verlag geht weiter

Jörg Plath

Man muss sich den Fall Suhrkamp als Zirkusnummer vorstellen. In der Manege hat Dompteur Siegfried Unseld die Peitsche knallen und seine Löwen sich aufrecht hinsetzen lassen, um ihnen Ehefrau Ulla Unseld-Berkéwicz als Nachfolgedompteurin der Suhrkamp-Kultur vorzustellen. Im Oktober 2002 dann verließ der Verleger von Bertolt Brecht, Max Frisch, Hermann Hesse, Hans Magnus Enzensberger, Theodor W. Adorno und Walter Benjamin für immer die Kuppel. Die Witwe und Erbin hätte vielleicht gern von vorn angefangen, mit anderen Tieren. Nur hätte sie dann auf den klingenden Namen Suhrkamp verzichten müssen. Der hat das Zelt bis unter das Dach mit Feuilletonisten, Literaturkritikern und Konkurrenten gefüllt. Jede ihrer Bewegungen wurde eifrig kommentiert.

Gerade ist wieder ein Löwe von seinem Podest gesprungen und zum Ausgang getrottet. Rainer Weiss, bei Suhrkamp seit 1985 als Lektor, Leiter des Theaterverlags, Programmdirektor und zuletzt als einer der drei Programmgeschäftsführer tätig, kündigte letzte Woche fristlos. Er sollte, heißt es bei Suhrkamp, die Verantwortung für die Tochterunternehmen Insel, Jüdischer Verlag und Deutscher Klassiker Verlag abgeben und sich auf Suhrkamp konzentrieren. Weiss deutet an, es sei um mehr gegangen. Eine „Bombe“, murmelt es im Zirkusrund: Noch ein Aderlass .

Thomas Sparr, Suhrkamps Pressesprecher, über solche „präjudizierenden Suggestivbemerkungen“: „Es gibt kaum ein Unternehmen wie den Suhrkamp Verlag mit so vielen Mitarbeitern, die über Jahrzehnte im Hause arbeiten.“ Wegen des neuen Verlags der Weltreligionen und der geplanten „Edition Unseld“ hätten die Zuständigkeiten neu geordnet werden müssen. „Rainer Weiss hat seine Entscheidung gefällt und auch zu verantworten. Sein Weggang ist natürlich ein Verlust.“

Was Sparr als Versuch beschreibt, wachsende Arbeitslasten auf mehrere Schultern zu verteilen, führt nun zu ihrer Anhäufung auf einer: Ulla Unseld-Berkéwicz übernimmt die „Programmgeschäftsführung“ für alle Verlage und trägt zudem „Programmverantwortung“ für Suhrkamp, während Hans-Joachim Simm Insel leitet und Nadine Meyer den Jüdischen Verlag. „Die Neuordnung der Geschäftsbereiche mit einer geschäftsführenden Verlegerin wie bisher, einem kaufmännischen Geschäftsführer, Philipp Roeder, und unseren Programmverantwortlichen ist ein schlüssiges Konzept, das sich unter Siegfried Unseld lange Jahre bewährt hat.“

Nur hatte der Gatte offenbar verhindern wollen, dass Ulla Unseld-Berkéwicz seine Stelle einnimmt. Er ernannte Günter Berg zum Verleger und richtete einen beratenden Stiftungsrat mit Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge, Adolf Muschg und Wolf Singer ein. Der Witwe waren die Hände gebunden. Ein Jahr nach Unselds Tod aber degradierte sie Berg zum Stellvertreter und machte sich selbst zur Geschäftsführerin. Berg kündigte, kurz darauf trat der Stiftungsrat zurück, weil die „jüngsten Entscheidungen über die Leitungsstruktur des Verlages ohne unsere Mitwirkung und ohne unseren Rat“ gefallen seien. Dann ging der Lektor für deutsche Literatur, Thorsten Ahrend, und vor fünf Monaten wurde dem Marketinggeschäftsführer Georg Rieppel gekündigt. Er war ausnahmsweise von C.H. Beck gekommen. Meist, auch jetzt nach Weiss’ Kündigung, bevorzugt Ulla Unseld-Berkéwicz hausinterne Lösungen.

Sollten die Talente in der Frankfurter Lindenstraße so viel üppiger als bei anderen Unternehmen sprießen? Insider sagen, der Grund sei die Kritikunfähigkeit der Verlegerin. Wer Bedenken äußere, werde zumindest gerügt. Das bekam sogar schon Marcel Reich-Ranicki zu spüren. Im Verlag, so heißt es, herrsche eine „Wagenburgmentalität“, man schotte sich von der Außenwelt ab. Schon der Autokrat Unseld hatte die interne Kommunikation als Mittel zum Machterhalt benutzt und sich regelmäßig möglicher Konkurrenten entledigt: erst Sohn Joachim, dann die als Kronprinzen gehandelten Gottfried Honnefelder, Thedel von Wallmoden und Christoph Buchwald. Ulla Unseld-Berkéwicz hält es nicht anders. Sie schart wenige Vertraute um sich, Entscheidungen fallen im kleinen Kreis.

Nicht umsonst hat Rainer Weiss dem „Buchmarkt“ nach seiner Kündigung gesagt, „Frau Berkéwicz wird gut beraten sein, dem Team den nötigen Freiraum zu lassen und sich ganz auf ihre Rolle als Verlegerin zu konzentrieren.“ Doch informiert wird nicht einmal Joachim Unseld, der nach seinem Rauswurf die Frankfurter Verlagsanstalt gründete und mit 20 Prozent dritter Anteilseigner der Suhrkamp Verlags-GmbH neben der Gebrüder Volkart Holding und der von Unseld-Berkéwicz geführten Familienstiftung ist: „Von Rainer Weiss’ Kündigung habe ich zuerst durch die Presse erfahren. Es gibt Versuche der Kommunikation mit dem Verlag. Sie scheitern regelmäßig.“

„Die Bilanz der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz fällt eher mager aus. Von Carlos Ruiz Zafóns Schmöker „Der Schatten des Windes“ wurden zwar mehr als eine Million Exemplare verkauft. In den letzten drei Jahren aber haben wichtige Autoren, darunter neben dem Nobelpreisträger Imre Kertész der Umsatzbringer Martin Walser und Daniel Kehlmann (verkaufte Auflage von „Die Vermessung der Welt“ bei Rowohlt: 610 000) den Verlag verlassen. Norbert Gstrein soll vor dem Absprung stehen. Spitzentitel im Frühjahr war ein Buch von Eva Demski, im Herbst ist es ein Roman von Dietmar Dath. Der 50. Todestag des Hausautors Bertolt Brecht wird in Augsburg gefeiert – Suhrkamp kündigt fast lustlos die Ergänzung der „Brecht-Chronik“ und Briefe an.

Keiner im Verlag scheint Vermarktungsideen zu haben. Von allein aber verkauft sich selbst die großartige Backlist nicht. Die Branche munkelt, im letzten Jahr sei der größte Verlust in der Verlagsgeschichte aufgelaufen. „Wir schreiben schwarze Zahlen und stehen besser da als im Vorjahr“, sagt Thomas Sparr. Drei Titel, darunter Enzensbergers „Josefine und ich“, seien mehr als 20 000 Mal verkauft worden, das Pamphlet „Bullshit“ über 80 000 Mal. Überaus erfreuliche Zahlen für einen mittleren Verlag – Suhrkamp (knapp 50 Millionen Jahresumsatz) ist jedoch ein recht großer. Doch vielleicht ist mit der Personalie Weiss auf unschöne Weise die Phase abgeschlossen, in der Ulla Unseld-Berkéwicz meinte, sich des Erbes vollständig bemächtigen zu müssen. Nun muss sie endlich Taten zeigen.

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