Kultur : Langhoffs Abgang: Odyssee 2001

War das nun eine Verzweiflungstat, oder ist es doch ein Befreiungsschlag? Berlins Deutsches Theater soll nach dem Willen von Kultursenator Radunski im Sommer 2001 seinen Intendanten Thomas Langhoff verlieren - und die Nachfolge ist erst einmal ungewiß.Gewünscht wird Frank Baumbauer aus Hamburg, aber der wird auch heftig von München umworben.Denn wie Langhoff in Berlin soll es Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen ergehen; auch sein Intendantenvertrag läuft bis Mitte 2001, und Dorn möchte gleichfalls noch zwei Jahre länger im Amt bleiben.Beide sind sie vom Publikum verehrte, von ihren Ensembles geliebte Erfolgsregisseure, denen zwar nicht der Rauswurf als Künstler, wohl aber die Frühpensionierung als Schauspielchefs droht.In ihren Häusern empfindet man das Vertragsgebaren der Kulturpolitiker jetzt als doppelten Vater-, nein: Übervatermord.

Die Künstler also reagieren verständlicherweise verletzt.Doch die Erfolge der Vergangenheit sind noch kein Pfund für die Zukunft, und die Begeisterung von einst und die Empörung im Augenblick trübt leicht den Blick auf die Gegenwart.Tatsächlich gehören Langhoffs und Dorns Theater noch immer zu den führenden Adressen.Aber sie stagnieren auf einem Niveau, das - angesichts des eigenen Anspruchs - längst den Abstieg markiert.Dabei ist der Berliner Fall der aktuellere.

Das Deutsche Theater kämpft wie das (gesamte) deutsche Theater mit der Flaute.Die Matadore des Aufschwungs in den spannungsvollen Siebzigern, die Stein-Zadek-Peymann-Flimm-Dorn-Langhoff-Bande und ihre sie mittragenden Dramaturgen und Autoren, sind in Ehren ergraut.Doch trotz allem inflationierenden Gerede von immer neuen, oft schnell verglühten "shooting stars" hat sich in der Generation der Dreißig- bis Fünfundvierigjährigen kaum ein Regisseur oder Dramatiker stilbildend durchgesetzt, hat keiner - wie einst der junge Zadek und Stein, wie Kroetz, Handke oder Botho Strauß - die Szene über Momenterfolge hinaus animiert und beflügelt.Hat keiner auch das Theater wieder zum Stadtgespräch oder gar zur Staatsaffäre gemacht.Unter besonderen Umständen ist dies nur noch Claus Peymann in Wien mit Thomas Bernhard gelungen (in einer Stadt, die den theaterhysterischen Ausnahmezustand liebt) - und an der Berliner Volksbühne Frank Castorf zusammen mit Christoph Marthaler.Aber auch dort spielten Ausnahmebedingungen eine Rolle: die Inszenierung der grellen tollen Ost-Bühne gegen den Rest der Welt, gepaart mit dem Genie Marthalers, dessen tragikomische Wunderwerke die einzig grandiosenOffenbarungen waren im deutschsprachigen Theater der neunziger Jahre.

Thomas Langhoff hat das Deutsche Theater Berlins nach der Wiedervereinigung zusammengehalten und als großstädtische Repertoirebühne bewahrt.Schon das ist eine bleibende Leistung.Das Deutsche Theater ist zudem das Haus geworden, in dem sich West- und Ostpublikum in der kulturell, mental, sozial noch nicht zusammengewachsenen Stadt mit unverkrampfter Selbstverständlichkeit mischen.

Doch wird die Harmonie mit einem unscharf gewordenen Profil erkauft, wirken die Klassiker im Großen Haus oft fahl und hohl.Wie Ziergips.Das liegt nicht nur an den zunehmend uninspirierten, routiniert konventionellen Regien.Auch das oft verklärte Ensemble ist, anders als bei den Münchner Kammerspielen oder am Hamburger Schauspielhaus, längst nicht mehr Spitzenklasse.Hinter den großen Alten, hinter Spielern wie Kurt Böwe oder Dieter Mann, drängen kaum Neue nach.Es gab das Virtuosenpaar Jörg Gudzuhn und Dagmar Manzel, dazu die hochbegabte Johanna Schall, aber einen mit Intelligenz und Charisma stückprägenden Akteur wie Ulrich Mühe, weggezogen nach Wien und Zürich, zum Fernsehen und Film, hat Langhoff nie mehr ersetzen können.Auch der Spielplan wirkt von Saison zu Saison zufälliger, kaum Uraufführungen oder literarische Entdeckungen - daß der einstige Inspirator von Stein und Strauß, Dieter Sturm, als Dramaturg von der Schaubühne zu Langhoff gewechselt ist, war dem Theater bisher nicht anzumerken.

Und Ostermeiers zuletzt so bejubelte "Baracke"? Das ist eine Kleinwerkstatt geblieben, ohne Wirkung auf das Haupthaus.Ein Prinzip Hoffnung, dem nach Ostermeiers Abgang ein bißchen mehr Gegenwartstheater im Kleinen Haus (den Kammerspielen) folgen soll.Nicht viel mehr noch als ein blasser Schimmer ist das Hoffen auf Luc Bondy, den subtilen Meisterregisseur, der in Vertragsangelegenheiten freilich ein Pokerspieler ist.Frank Baumbauer, ein sanfter Energiemensch mit dem wohl besten Blick für Talente, Wagnisse und Möglichkeiten auf der Szene: Er wäre tatsächlich der einzige Glücksfall, jetzt für Berlin.Als Antipode Peymanns, Castorfs und Ostermeiers.Als neuer Mutmacher auch für den von aller Intendantenlast befreiten Regisseur Thomas Langhoff. P.v.B.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben