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Langjähriger "SZ"-Feuilletonchef : Kritikerpapst Joachim Kaiser ist tot

Joachim Kaiser war der bedeutendste deutsche Musikkritiker der Nachkriegszeit und einer der wichtigsten Feuilletonisten der Bundesrepublik. Nun ist er mit 88 Jahren in München gestorben.

Joachim Kaiser am 20. Januar 2009 beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue, anlässlich einer Feier zu seinem 80. Geburtstag. Foto: Alina Novopashina/dpa
Joachim Kaiser am 20. Januar 2009 beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue, anlässlich einer Feier zu seinem 80. Geburtstag.Foto: Alina Novopashina/dpa

Der Publizist, Kritikerpapst und langjährige Feuilleton-Chef und Musikkritiker der „Süddeutschen Zeitung“, Joachim Kaiser, ist tot. Er starb am Donnerstag nach längerer Krankheit im Alter von 88 Jahren in München, wie die Zeitung mitteilte. Kaiser zählte neben Marcel Rich-Ranicki zeitweise zu den einflussreichsten Feuilletonisten in Deutschland, er schrieb nicht nur über Musik, sondern auch über Literatur und Theater. "Ich bin der letzte Mohikaner" war seine 2008 erschienene Biografie übertitelt, die seine Tochter Henriette Kaiser verfasste.

Kaiser wurde im Dezember 1928 als Sohn eines Landarztes im ostpreußischen Milken geboren worden, ging in Hamburg zur Schule und studierte in Göttingen, Tübingen und Frankfurt am Main Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Zu seinen Lehrern zählte Theodor W. Adorno. Zu seinen bekanntesten Werken zählen seine Betrachtungen zur Klaviermusik "Große Pianisten in unserer Zeit" von 1965 und "Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten", 1975, der Doppelband "Erlebte Musik" (177 und 1982) sowie "Mein Name ist Sarastro" über die Gestalten in Mozarts Opern von Alfonso bis Zerlina (1984).

Anders als Reich-Ranicki war Kaiser keiner, der scharfe Verrisse verfasste

Er sei "lieber ein Bewunderer als ein Verreißer, ein hinreißend Mitreißender", schrieb Peter von Becker zu Kaisers 80. Geburtstag im Tagesspiegel." Hin zur Literatur, mit ins Theater, doch am liebsten ist Joachim Kaiser in der Musik zu Haus. Wobei das Haus eher kaisergemäß ein Schloss ist – ein Palast der Bildung. Mit Prunksälen, Quergängen, verborgenen Salons, Kitschecken und Studierstuben voll ungeahnter Bücher und wundersamer Klänge."

Kaiser war 1959 in die Kulturredaktion der „SZ“ gekommen, er leitete später bis 1977 das Feuilleton, danach lehrte er in Teilzeit als Professor an der Hochschule für Musik und darstellende Künste in Stuttgart. „Seine Rolle in der Zeitung behielt er“, heißt es im Nachruf der „Süddeutschen Zeitung“. „Oder wie er es später mal ausdrückte: „Es ist mir eigentlich egal, wer unter mir Feuilleton-Chef ist.“ Noch bis 2011 war er in seiner Videokolumne auf der Webseite des „SZ-Magazins“ zu sehen. Was sein Schreiben über Musik, Literatur und Theater zeitlebens auszeichnete, war das Bedürfnis, die Kommunikation über künstlerische Phänomene nie abreißen zu lassen, auf hohem, fairem Niveau.

Auch über die eigene Eitelkeit verriet der Musikkritikerpapst in seiner Biografie durchaus ehrlich, dass im Konzert, im Theater oder in der Oper, gleich in der Pause zur Klofrau rannte, um wenigstens ihr zu sagen, wie er’s fand, wenn er einmal nicht schreiben musste.

Zeitlebens verteidigte er auch die Werktreue, war ein erklärter Feind des sogenannten Regie-Theaters. Und über seinen Beruf des Rezensenten sagte er anlässlich seines 80. Geburtstags im Magazin der "Süddeutschen", Schreiben über Musik sie "keine Technik, die man erlernt, es erwächst aus einer lebenslangen, lebendigen und produktiven Beziehung zu den Werken, ob das nun Opern sind oder Symphonien oder Sonaten". (Tsp, dpa)

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