Kultur : Langsam leben

Sie war eine rasante Stadt-Amazone, die mit dem Fahrrad über rote Ampeln fuhr. Jetzt trägt sie bequeme Schuhe, das Rad ist im Keller – denn sie ist Mutter geworden

Tanja Frank

1950 22,8 Prozent der Mütter sind erwerbstätig. Pro Frau werden laut Statistik mehr als 2 Kinder geboren.

60er Jahre. In ganz Deutschland herrscht ein Babyboom: 1963 wird der Höchststand mit 1 355 595 Geburten erreicht.

Als die Geburt losging, lag ich in einer Lache aus Wasser. Es war drei Uhr nachts. Wir fuhren wortlos ins Krankenhaus, ich wurde untersucht, wir schliefen, gingen spazieren und warteten. Seit langem hatten wir Möbel und Kleidung gekauft, die Wohnung umgeräumt und Bücher gelesen. Ich hatte aufgehört zu arbeiten, zu rauchen und Fahrrad zu fahren und meinem Bauch beim Wachsen zugesehen.

22 Stunden nachdem wir im Krankenhaus angekommen waren, kam meine Tochter zur Welt. Als sie da war, nahmen die Ärzte sie in eine Ecke mit und untersuchten sie lange. Ich sah an die Decke. Ich war erschöpft, müde und unsicher. Irgendwann kam die Hebamme und gratulierte mir zur Tochter. Sie sei gesund. Ich fing vor Freude an zu heulen. Weil es geschafft war, weil sie mich so lange hatten warten lassen und weil mir klar war, dass jetzt etwas Neues begann. Plötzlich war ich wieder nur mehr ich. Mein Passagier war ausgestiegen, der auch mein Pilot war, und er fing an, sein eigenes Leben zu führen. Mein Bauch war weg, ich konnte meine Füße wieder sehen. Ich konnte mich wieder zu meinen Schuhen bücken. Aber ich würde trotzdem endgültig nicht mehr die sein, die ich vorher war. Wer also würde ich sein? Eine von denen, die lächelnd am Spielplatzrand saßen und dauernd eine Oktave zu hoch sagten „Willst du noch eine Banane, mein Engel? Oder willst du was trinken?“ Die ihre Träume ad acta gelegt zu haben schienen und ganz langweilig lebten und sich trotzdem so interessant und wichtig dabei fühlten?

Dieser Gleichmut von jungen Eltern hatte mich immer rasend gemacht; dass sie unflexibel waren, müde und dabei trotzdem immer aufreizend gut gelaunt.

Noch vor kurzem war ich zu schnell Fahrrad gefahren. Bei Eis, ohne Licht im Dunkeln, bei Rot über Ampeln und viel zu schnell. Ich bin Fahrrad gefahren, wie ein Cowboy reitet, der einem Kalb nachjagt. Häuserfassaden flogen an mir vorbei; ich betrachtete die Stadt im Vorbeischwirren und nichts war es wert, lange zu bleiben.

Ich fuhr ein für mich gebautes schwarzes Männerrad, schnell, stabil und wendig, mit großen Rädern wie lange Pferdebeine. Ich trug Miniröcke und Wanderstiefel und war Heidi und Lara Croft. Ich wollte bloß eins nicht: festsitzen wie alle anderen. Ich wollte abhauen können ohne auf die U-Bahn zu warten.

Ich holte mir Schrammen und zerrissene Kleidung und lag mehrfach unter den Kühlern wechselnder Autos. Freunde lachten mich deswegen aus. Aber zu Hause wartete niemand. Jedenfalls nie lange. Ich konnte meine Wunden lecken und wieder starten. Schnell, flüchtig, atemlos.

Damals habe ich über Sachen, die andere bedrohlich fanden, nur gelacht. Ich habe mich lustig gemacht und mich gefreut, dass ich sowieso nicht dazugehörte. Ich war nicht sicher, wo ich im nächsten Jahr wohnen würde, welchen Job ich machen würde und wohin die ganze Sache lief. Ich plante ganz woanders zu leben, in Accra, auf einer Insel in der Südsee, in New York. Die Welt war riesig groß.

Ich hatte die Kondition eines sechzehnjährigen Jungen und auch dessen Statur. Ich würde immer schnell sein, dachte ich. Was sollte es mich kümmern, wenn der Untergrund unsicher war. Ich würde immer schnell genug weg sein. Jetzt brauche ich von meiner Haustür bis zum Bäcker an der Ecke eine halbe Stunde. Ich betrachte jeden Stein und jede Zigarettenkippe. Ich winke dem Mann im Reisebüro und bleibe an allen Türen und Treppen stehen. Jemand hat einen Anker in mein Leben geworfen. Ich bin nicht mehr die flotte Blondine auf dem schnellen Fahrrad, ich bin nicht mal mehr blond. Ich bin langsam geworden.

Weil neben mir ein kleines Mädchen geht, 16 Monate alt, das schon wieder neue Schuhe braucht, das gerade Schnupfen hat und deshalb nicht gut schläft, das mich, wenn es aufwacht, mit großen, ruhigen Augen anschaut und mir dann verschlafen seine Arme entgegenstreckt. Ich bin unausgeschlafen und nicht mehr Herr des Verfahrens. Denn ich bin seine Mutter. Es ist unglaublich: Jemand sagt Mama zu mir.

Jetzt trage ich Jeans und bequeme Schuhe und meine Haare sind kurz. Ich bin kein Girlie mehr, kein Schmetterling und keine Biene. Mein Fahrrad ist im Keller. Häuserfassaden fliegen nicht mehr an mir vorbei. Ich weiß, wie der Hundering neben der Tür zur Drogerie aussieht und wie viel Hundedreck auf dem Gehsteig liegt. Meine Tochter und ich schauen die Welt wie mit einer Lupe an.

Ich arbeite nicht mehr hart, um etwas zu erreichen. Am Ende der Woche ist kein Projekt beendet über das ich mich freuen kann. Die Woche ist gar nicht beendet, sie geht einfach in eine andere über, es gibt keine Zäsur. Meiner Tochter ist es egal, welcher Tag es ist. So ist es mit den Wochen und den Monaten. Sie kennt keinen Sonntag. Sie hat nur schöne und weniger schöne Tage. Und sie beginnt jeden einzelnen um sieben.

Wenn ich mit ihr das Haus betrete, gebe ich ihr hinter der Tür den Schlüsselbund. Sie geht die Schlüssel einzeln durch und streckt dann einen in Richtung Postkasten. Sie berührt den untersten Kasten, der nicht unserer ist, dann dreht sie sich um und kommt mit einem geschäftig-gelangweilten Gesichtsausdruck, den sie wohl mir abgeschaut hat, um die Ecke zur Aufzugtür. Sie hat sich kürzlich gemerkt, wie man die Post holt. Jetzt denkt sie, man tue das jedes Mal, wenn man das Haus betritt. Im Aufzug schaut sie mich lächelnd an als wollte sie sagen, „das kann ich schon längst, zeig mir was Neues!“

Es ist plötzlich auch mein Land

Während ich auf sie warte, denke ich über Schlüssel nach, aus welchem Metall sie gemacht sind, wie der erste Schlüssel ausgesehen hat und wo sie meinen wohl verstecken wird, wenn wir erst oben sind. Während mir selbst die Welt oft so fürchterlich auf die Nerven geht, lässt sie sich nicht unterkriegen. Sie lebt jeden Tag als sei es der schönste in ihrem Leben. Wer bin ich also, ihr diese Erwartung zu vermiesen?

Plötzlich gestehe ich mir ein, dass ich dazugehöre. Was Schröder und Bush tun, geht mich an. Börse und Arbeitsmarktzahlen haben mit mir zu tun. Wenn die Existenz der Nato auf dem Spiel steht und ein Krieg droht, bin ich betroffen. Als in einer Fernsehserie ein kleines Mädchen an den Pocken stirbt, dränge ich meinen Freund, alles über Pockenimpfungen herauszufinden. Ich werde nicht in Accra leben, nicht in der Südsee und nicht in New York, jedenfalls nicht in nächster Zeit. Ich bin hier. Es ist plötzlich auch mein Land.

Nachdem ’86 das Kernkraftwerk in Tschernobyl explodiert war, sah ich im Fernsehen aufgeregte Mütter, die sagten, man habe ihnen versichert, sie könnten ihre Kinder im Freien spielen lassen und jetzt sei das doch falsch gewesen. Man hätte es ihnen sagen müssen, mehr verlangten sie nicht und jetzt sei es zu spät. Ich fand diese Mütter hysterisch und naiv. Sie erwarteten, korrekt informiert zu werden? Wer glaubt denn sowas?

Jetzt weiß ich, was sie meinten. Mein Tag ist voll. Ich kann nicht mehr stundenlang im Internet surfen, ich kann nicht zwei Tageszeitungen lesen. Ich bin davon abhängig, von Leuten umgeben zu sein, denen mein Wohl ehrlich am Herzen liegt und die mir die Wahrheit sagen. Ich habe keine Zeit mehr für Taktik und Spielereien. Es geht nicht mehr bloß um mich. Es geht auch um das Leben meiner Tochter.

Wenn ich nicht da bin, und sie ein Wochenende lang nicht sehe, dann habe ich ihr Gesicht mit einem großen Schnuller im Mund vor Augen, das ganz ruhig, mit weit offenen Augen mich anschaut. Das ganze Gesicht eine einzige Frage. Was war das für ein Geräusch? Warum weint das andere Kind? Ist das, was ich jetzt machen will, gefährlich? Plötzlich muss ich Sachen wissen, von denen ich nicht sicher bin, ob ich sie weiß. Obwohl sie noch nicht sprechen kann, fragt sie den ganzen Tag. Ich entscheide, was für sie gefährlich ist, versuche, das Geräusch zu erklären und warum das andere Kind weint. Oft glaube ich, die Antwort nicht zu kennen, und finde sie dann doch. Wenn ich etwas nicht weiß, sage ich es ihr. Ich versuche, ehrlich zu sein. Denn was ich tue und wie ich reagiere, hält meine Tochter für normal. Sie speichert, was lustig ist und was gefährlich. Also muss ich verbindlich sein. Und plötzlich wünsche ich mir dasselbe auch von allen anderen.

In einem Restaurant sitzt auf einer Bank ein anderes kleines Mädchen, etwas älter als sie. Zuerst stellt meine Tochter dem Mädchen ihren Saft hin und zieht sich zurück, als wolle sie ihm vorsichtig ein Gastgeschenk machen. Als das Mädchen nicht reagiert, probiert sie es mit einem Stück Apfel. Doch das Mädchen im Restaurant lässt sich nicht erweichen. Es dreht sich weg. Mir bricht dabei das Herz. Wie soll ich ihr erklären, dass die Welt nicht immer offen zu ihr sein wird? Sie rechnet nicht mit Ablehnung. Sie denkt, die Welt sei so freundlich wie sie selbst.

Sie geht zu jedem Kind. Manchmal umarmt sie das andere Kind, manchmal klaut sie ihm den Schnuller. Ich stehe daneben und versuche zu wissen, wann ich einschreiten muss. Vielleicht geht sie dem anderen Kind oder dessen Eltern auf die Nerven? Trotzdem will ich ihr zeigen, dass ihre Neugierde richtig ist.

Eines Abends überqueren meine Tochter und ich einen Zebrastreifen. Sie will nicht an meiner Hand gehen, sondern allein. Sie ist schräg hinter mir, als der Fahrer eines Taxis dicht an ihr vorbeifährt. Er fährt viel zu schnell. Ihr Kopf ist so hoch wie der Radkasten seines Autos. Hätte sie sich umgedreht, er hätte sie überfahren.

Im Zug der Deutschen Bahn brauche ich heißes Wasser, weil meine Tochter vor Aufregung heute mehr Milch trinkt, als in meine Thermoskanne passt. Doch der Angestellte der Mitropa sagt, seine Wasserportionen seien abgezählt für Kaffee und Tee, er könne mir keines geben und verkaufen will er es mir auch nicht.

Auf der Heimreise kommt unser gebuchter Zug nicht und wir sollen einen anderen nehmen, der gleich abfährt. Wir steigen zur Tür der ersten Klasse ein und kommen nicht durch den Gang in die zweite Klasse, weil der Kinderwagen zu breit ist. Also bleiben wir in der ersten Klasse und ich streite mit der Schaffnerin, die findet, ich hätte verzagter um diesen Platz bitten müssen.

Der Taxifahrer auf dem Zebrastreifen hört erst auf mit mir zu streiten, als zwei Männer ihm drohen, ihn anzuzeigen.

Dem Mann von der Mitropa fällt ein Stein vom Herzen, als ich sein Wasser nicht mehr will, weil es nicht abgekocht ist.

Und die Schaffnerin im Zug beruhigt sich nicht, obwohl ich ihr erkläre, dass ich nicht ein kleines Kind in die zweite Klasse tragen kann, einen zusammengeklappten Kinderwagen und mein Gepäck. Aber tragen helfen will sie mir auch nicht. Ich bin im Leben angekommen.

Früher habe ich von niemanden Rücksichtnahme gebraucht, ich konnte mich lachend umdrehen und sie zum Teufel wünschen. Als ich noch als blondes Cowgirl unterwegs war, habe ich sowieso meistens bekommen, was ich wollte. Ich hatte Zeit genug, die Leute zu becircen und charmant zu sein. Ich war auf der Welt, um bunt zu sein, selbst wie ein Kind.

Ich will jetzt, dass die Welt gut ist

Jetzt ist meine Tochter bunt. Sie sitzt auf meinem Arm und sieht mich mit großen Augen an. Ich kann nicht mehr so laut schreien wie mir zu Mute ist, weil ich ihr keine Angst machen will. Ich will jetzt, dass die Welt von sich aus so gut ist, wie sie kann. Damit alles entspannt zugeht, damit sie sich willkommen fühlt, damit mein kleines Mädchen Lust hat, hier zu leben. Ich will sicher wissen, dass sie von guten Menschen umgeben ist, denen ich dieses Kostbarste anvertrauen kann, das ich habe.

Manchmal träume ich nächtelang davon, dass mein Kind über die Balkonbrüstung fällt, sich ein Messer in den Bauch rammt, in den Kanal rutscht. Dass ein Hund sie anfällt. Ich weiß, ich kann nur mein Bestes tun. Deshalb lasse ich sie trotzdem am nächsten Tag auf der Kanalmauer gehen. Ich lasse sie allein laufen und gehe mit ihr Hunde streicheln. Ich will nicht, dass sie dauernd Angst hat. Es sind meine Alpträume.

Und ich bin bereit, Kompromisse einzugehen. Ich akzeptiere, dass nicht alles einem rosaroten Traum gleicht. Mein Leben tut das nicht. Ich sitze nicht immer gern auf dem Spielplatz. Auf dem Spielplatz sitzen kann langweilig sein. Manchmal würde ich lieber die Zeitung lesen, wichtige Telefonate führen, meine Projekte verfolgen und mein eigenes Geld verdienen. Ich hätte gern mehr Zeit für mich, möchte nicht wählen müssen zwischen Arbeit und Entspannung, weil beides gleichzeitig nicht geht. Ich hätte gern ein flexibleres Betreuungssystem, das mir nicht erst dann einen Krippenplatz anbietet, wenn ich einen Job abgesagt habe, das mir mehr Unabhängigkeit gibt.

Ich fluche darüber, dass hier keine Blumentöpfe zu gewinnen sind, kein Lob, kein Geld, keine Anerkennung und übe mich in Geduld. Ich akzeptiere Situationen, die ich früher für untragbar gehalten hätte. Ich bin irgendwo angekommen, ohne sicher zu sein, ob ich dahin wollte. Aber ich will auf keinen Fall weg.

Jetzt glaube ich, dass ein kleines Kind aufzuziehen mehr einem Dauerlauf gleicht als einem Sprint. Ich denke zum ersten Mal daran, was einen anderen Tag für Tag und einen ganzen Tag lang glücklich macht. Ich plane etwas für den Vormittag, respektiere ihre Schlafenszeiten, plane etwas für den Nachmittag und versorge zwischendurch den Haushalt. Ich verabrede mich mit Leuten zum Spaziergang, denen es nichts ausmacht, an jedem Kofferraumdeckel stehen zu bleiben und komme abends so zeitig nach Hause, dass ich nachts aufstehen und ihr ihre Milch geben kann und auch der nächste Vormittag nicht zum Desaster wird.

Was meine Tochter braucht, erfordert meine Konzentration, sonst kann ich es gleich bleiben lassen. Dann gerät alles aus dem Gleichgewicht und entweder das Kind schreit, oder die Eltern sind genervt und alles wird richtig anstrengend. Also macht man, was getan werden muss, lieber mit ganzem Herzen. Dann gibt es das, die Sorge ums Kind, und alles andere muss kürzer treten.

Ich bin nicht berühmt geworden, solange Zeit dazu war. Ich bin nicht reich, ich bekomme keinen Tisch in einem guten Restaurant. Ich habe keine Macht. Ich bin eine von denen, die langsam Fahrrad fahren. Ich passe auf, nicht zu fallen.

Während der Arzt im Krankenhaus mich vernähte und mein Freund meine Tochter durchs Zimmer trug, sah ich zu, wie verliebt er in sie war. Meine Träume flogen zum Fenster hinaus und ich hoffte, es würden neue kommen. Ich wusste, ich würde nie mehr allein sein. Und ich würde nicht mehr die sein, um die sich alles dreht.

1990 Nach der Wende bricht im Osten die Geburtenzahl fast dramatisch ein.

2000 Die Geburtenziffer pendelt sich deutschlandweit bei 1,4 pro Frau ein. Es kommen im selben Jahr 766 999 Kinder auf die Welt.

1985 Inzwischen sind 45,6 Prozent der Mütter erwerbstätig.

1970 Über ein Drittel der deutschen Familien haben noch mindestens drei Kinder.

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