Kultur : Langsamer als der Schall

Verspätet: Dito Tsintsadzes „Schussangst“, Filmfest-Sieger in San Sebastian, kommt in Berlin ins Kino. Selbst internationale Festivalerfolge haben es in der Filmhauptstadt neuerdings immer schwerer

Jan Schulz-Ojala

Berliner sind es gewohnt, dass ihnen, anders als in der Provinz, die Hamburg oder München heißen kann, im Kino immer alles Neue geboten wird – gern auch exklusiv vorweg. Nur, stimmt das Gefühl noch? In diesen Wochen sind mit „Schussangst“ und „Das Verlangen“ zwei bemerkenswerte deutsche Filme mancherorts ins Kino gekommen, nicht jedoch in Berlin. Dito Tsintsadzes „Schussangst“, Sieger des letzten San Sebastian-Festivals, ist im April in 14 Städten angelaufen, Iain Diltheys „Das Verlangen“, der 2002 den Hauptpreis in Locarno holte, tourt seit zwei Wochen erfolgreich durch Baden-Württemberg. Nun kommt immerhin „Schussangst“ nach Berlin; für Diltheys Film dagegen muss man wohl demnächst nach Hamburg fahren.

Die neue Berliner Malaise hat zahlreiche Ursachen. Extrem viele Filme drängen auf einen ausgelaugten Markt, und die Kinolandschaft wird auch in der Hauptstadt immer karger. Wer da als kleiner Kinobetreiber bestehen will, ist auf zugkräftige, am besten internationale Autorenfilme angewiesen – doch die beiden genannten deutschen Titel haben, bis auf ihren fernen Festivalruhm, keinerlei Star-Appeal aufzuweisen. Kleine Verleiher stehen zudem fast aussichtslos da, wenn sie den Kinos einen schwierigen Film nicht mit dem Bonbon eines gängigeren Titels versüßen können. Und wenn ein Film sogar jenen Kinomachern nicht gefällt, die sonst für Abwechslung vom Multiplex-Einerlei sorgen, dann steht Berlin plötzlich da wie Wanne-Eickel.

„Schussangst“ hat es nun, mit Ladehemmung, doch geschafft – und der zweite Langfilm des in Berlin lebenden Georgiers Dito Tsintsadze („Lost Killers“) verstört auf Anhieb durchaus. Der eigenbrötlerische Zivi Lukas (Fabian Hinrichs) verliebt sich in die sonderbar spröde Isabella (Lavinia Wilson), und als er bemerkt, dass Isabella von ihrem Stiefvater sexuell benutzt wird, greift er zur Waffe. Plakativ-spekulativ verkürzt der Regisseur einen im bosnischen Milieu spielenden, politisch grundierten Roman von Dirk Kurbjuweit ins Private, ja, in die kolportagehafte Beweisführung: Ein Kriegsdienstverweiger lernt schießen – aus enttäuschter Liebe. Mehr noch: Ausgerechnet ein Polizist bringt ihn auf die tödliche Idee; ein albanischer Waffenhändler, der Goethe zitiert, besorgt ihm das Gewehr; und ein Rentner steuert zum Schusstraining seine Weltkrieg-II-Kenntnisse bei. Ächzend treibt das Drehbuch seinen sanften, antriebslosen Helden zur Tat – wie soll man da auch den anderen Schauspielern ihr Agieren glauben?

Das halbe Personal von Andreas Dresens „Halbe Treppe“ – Axel Prahl, Thorsten Merten – hat in dem Film kleine, skurrile Auftritte, vermag ihn aber auch nicht zu erlösen. „Schussangst“ verliert sich, wegdriftend vom sympathisch schüchternen Beginn des jungen Nichtpaars, alsbald in einem Kuriositätenkabinett bloß skizzierter Gestalten und Gefühle. Dass es dann doch anders ausgeht als erwartet: kein erhellender Knalleffekt, sondern nur finale schallgedämmte Verpuffung. „Schussangst“ befremdet – aber ein Grund, den Film dem Publikum gleich ganz vorzuenthalten, ist das nicht.

Zum Beispiel „Das Verlangen“: Auch dieser Film hält, in strenger Kühle, den Zuschauer scheinbar auf Distanz. Auch er endet in einer plötzlichen Gewalttat und erklärt nichts. Aber er packt. Iain Dilthey, Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg, erzählt von der dumpfstummen Ehe einer schwäbischen Pfarrersfrau (Susanna-Marie Wrage), in deren Alltag und Allnacht zwischen Brotschmieren, Beten und Beischlafpflichten plötzlich die Liebe einbricht. Oder eher: ein Verlangen endlich nach Leben. Wie es aufbricht und wieder totgetreten wird: Davon erzählt diese disziplinierte und faszinierende Versuchsanordnung, die sich ihrer Künstlichkeit stets bewusst ist – als universelles Exempel aus der deutschen Herzlosigkeitsprovinz. Welch ein Armutszeugnis für unsere so metropolitane Kinolandschaft, dass dieser kleine, große Film in Berliner Kinos womöglich keinerlei Chance bekommt.

„Schussangst“ läuft in derKulturbrauerei, im Acud und Moviemento

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