Kultur : Langsames Reden über das Warten

Jim Jarmusch über seine „Ten Minutes Older“-Episode, über Inspiration, Buddha und die Frauen

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Ihre Filme und Helden lassen sich gerne Zeit. War es schwer, sich für Ihren „Ten Minutes Older“Film auf zehn Minuten zu beschränken?

Weil ich mich sonst so gerne gehen lasse? Nein, im Ernst: Ich liebe Beschränkungen, weil sie zu einer bestimmten Stärke führen.

So wie Ihr Held „Ghost Dog“, der auf Freiheit innerhalb bestimmter Regeln setzt?

Ja, mir gefällt diese Methode der Samurais: Sie suchen Dinge, die sie beschränken und ihnen dadurch helfen.

In welcher Gangart haben Sie denn an Ihrem Kurzfilm gearbeitet?

Sehr schnell. „Int. Trailer. Night“ war in anderthalb Tagen abgedreht. Aber da ich alle meine Filme mit kleinem Budget drehe, habe ich nie genug Geld und Zeit. Also arbeite ich so schnell wie möglich: Das ist totale Hektik.

Ist Zeit das wichtigste Element des Kinos?

Jeder Film handelt von Zeit und Rhythmus. Zeit ist Teil des Filmemachens. Aber was ist Zeit eigentlich? Ich liebe theoretische Physik – ohne sie wirklich zu verstehen. Auf einem hohen Niveau wird die Physik zur reinen Poesie. Viele Physiker sagen, dass es die Zeit gar nicht gibt.

In Filmen wie „Dead Man“ scheinen Sie die Zeit zumindest dehnen zu wollen. Liegen Ihnen überhaupt eher kontemplative Szenen als nervöse Videoclips?

Wahrscheinlich ist mein ganzer Rhythmus etwas langsamer als üblich. Ich habe auch meine eigene Art zu reden (Jarmusch spricht extra langsamer) und liebe die Pausen innerhalb eines Tages. Unser Leben ist ja auch nicht gerade voller dramatischer Momente. Deshalb ist für mich kein Augenblick wichtiger als ein anderer. Ich mache keine Pläne. Und trage normalerweise auch keine Uhr. Denn ich will so frei wie möglich sein. Auch in meinen Filmen sollen die Zuschauer nicht überfahren werden, sondern Zeit zum Beobachten haben.

Und wann wird bei Ihnen eine Drehbuchidee zu einem Film?

Seit Jahren schreibe ich meine Ideen in ein Notizbuch, das ich ständig mit mir herumschleppe. Das schützt mich vor dem Gefühl, keine Ideen mehr zu haben. Jedes Mal, wenn ich einen Film beende, schaue ich in mein Notizbuch. Aber bisher habe ich noch keine dieser Ideen verfilmt. Ich warte lieber darauf, dass mir zufällig was über den Weg läuft.

Könnte sein, dass Sie da mal ganz ohne Idee dastehen. Was dann?

Ich bin nie „leer“. Ich muss nur warten, bis ich Ideen miteinander verbinden kann. Ich habe keine bestimmte Geschichte im Kopf, sondern bastele sie empirisch aus verschieden Interessen zusammen. So habe ich zwei Jahre an „Ghost Dog“ gearbeitet – und dann war ich schon wieder in dieser seltsamen Lage: Ich hatte keine Pläne. Also warte ich.

Seit Ihrem ersten Film „Permanent Vacation“ scheinen Sie geradezu fasziniert durch das Warten und das Nichtstun?

Mich interessieren die Details mehr als die dramatischen Momente. Zum Beispiel beobachte ich gerne jemanden, wenn er gerade nicht seinen Job macht – so wie die Schauspielerin in ihrer Drehpause. Einen großen Teil deiner Zeit verbringst du eben nicht in deinem Beruf. Und besonders Schauspieler müssen bei Dreharbeiten ständig warten.

Chloé Sevigny wird in Ihrem Film wie ein Baby gehätschelt, und gleichzeitig trampelt man auf ihrem Privatleben herum.

Wie Babys werden Schauspieler nicht unbedingt behandelt, aber sie stehen unter ständiger Kontrolle. Da ich nie mit großen Budgets drehe, kann ich ihnen auch keine extravaganten Wünsche erfüllen. Im Gegenteil, ich muss ihnen umso mehr abverlangen. Was mich selbst beim Drehen betrifft: Ich habe nicht mal einen Wohnwagen – und keine freie Minute, um mich hinzusetzen.

Chloé Sevigny ist eine richtige Heldin in einem Ihrer Filme. Sonst stehen Frauen bei Ihnen eher im Hintergrund.

Nun, am Ende von „Ghost Dog“ immerhin wird das Wissen an die Frauen weitergegeben. Trotzdem haben sich meine Freundinnen beschwert. Schon wieder hätte ich nach „Dead Man“ so einen Jungsfilm gemacht. Dabei wollte ich bereits in „Stranger than Paradise“ das ungarische Mädchen gewissermaßen vom Rücksitz holen. In „Mystery Train“ oder „Night on Earth“ spielen die Frauen eine größere Rolle . Aber wozu überhaupt um jeden Preis politisch korrekt sein?

Wie eng ist eigentlich die Beziehung zwischen Ihrem Leben und dem Ihrer Figuren?

Mein Leben besteht aus den Menschen, die ich liebe, und den Dingen, die ich tue, sehe oder lese. Meine Filme ernähren sich durch das, was zwischendurch passiert. Die Arbeit ist nur ein Teil dieses Prozesses. Ich glaube nicht an Ziele, sondern der Weg ist das Ziel.

Eine Art entspannter Buddhismus?

Vielleicht habe ich eine asiatische Sicht auf die Dinge. Ich schaue mir zum Beispiel nie meine alten Filme an, ich sehe nach vorn. Ich versuche, hier und jetzt zu leben. Das ist ein hartes Stück Arbeit. In „Ghost Dog“ hieß es: Wenn du in der Gegenwart leben kannst, brauchst du nichts anderes mehr zu lernen. Aber dazu muss man schon ein sehr erleuchteter Zen-Meister sein.

Das Gespräch führte Marcus Rothe .

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