Kultur : Langsamkeitsentdecker Geistesgegenwart und Zeitvergessenheit:

Der Schriftsteller Sten Nadolny wird 70.

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Sten Nadolny. Foto: Jan Woitas/dpa Foto: dpa
Sten Nadolny. Foto: Jan Woitas/dpaFoto: dpa

Ob sich wohl Sten Nadolny in seinem Schriftstellerleben des Öfteren gewünscht hat, ein Anderer zu sein? Zum Beispiel so, wie es dem Helden seines jüngsten Romans „Weitlings Sommerfrische“ widerfährt, dem pensionierten Richter Wilhelm Weitling? Der findet sich nach einem Bootsunglück auf dem Chiemsee und einer Rückkehr als Geist in die eigene Jugend als der Schriftsteller Weitling in seinem Leben wieder, muss dann aber erst mal recherchieren, wie es ihm in den vergangenen Jahren so ergangen ist: „Ich googelte meinen Namen, ich telefonierte mein Adressbuch ab. Und las natürlich, was ich denn als Schriftsteller so geschrieben hatte – die Bücher standen da, und kein Weg führte dran vorbei. Ich war dann gar nicht so unglücklich damit, manches las sich flott.“

Das klingt, als sei auch der 1942 im brandenburgischen Zehdenick als Sohn eines Schriftstellerehepaars geborene Sten Nadolny ganz einverstanden mit dem, was er seit 1980 so geschrieben hat. Damals gewann er mit einem Kapitel seines Welterfolgsromans „Die Entdeckung der Langsamkeit“ den Ingeborg-Bachmann-Preis, verteilte das Preisgeld dann aber unter seinen Mitbewerbern. „Literatur sollte nicht Gegenstand von Wettbewerben sein“, erklärte Nadolny seine Großzügigkeit. Auch er selbst setzte sich fortan nicht groß unter Druck. Bevor „Die Entdeckung der Langsamkeit“ 1983 erscheinen sollte, debütierte er 1981 lieber mit dem eher kleinen Erziehungsroman „Netzkarte“. Dessen Hauptfigur: der angehende Lehrer Ole Reuter, der nicht recht weiß, was aus ihm und seinem Leben werden soll.

Um das herauszufinden, fährt er einmal 1976 und einmal 1980 kreuz und quer mit der Bahn durch die Bundesrepublik, hat amouröse Abenteuer, schmeißt den Lehrerberuf hin und erinnert sich schließlich seines Vaters und seiner ach so zielstrebigen Vorfahren überhaupt: „Das gibt es ja, dass jemandes Zeit vorbei ist, aber zu schnell ist es gegangen! Die Enkel und Urenkel müssen sehen, dass einiges wieder langsamer wird und anderes gerechter, das ist viel Arbeit. Sonst bleiben nur Medien, Langeweile und eine neue Bombe.“

In der Figur des Ole Reuters und Sätzen wie diesen kündigt sich das Thema von „Die Entdeckung der Langsamkeit“ schon an. Die Lebensgeschichte des zunächst etwas begriffsstutzig erscheinenden, von Geburt an verlangsamten, dann der Schnelligkeit aber Überlegtheit, Ruhe und Klugheit entgegensetzenden Seefahrers und Polarforschers John Franklin wird dann zu einem der größten Erfolge der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Die Kritik an der Informationsbeschleunigung, der massenmedialen Reizüberflutung, die Nadolny hier auf der Folie von Franklins Leben übt, sie fiel damals auf fruchtbaren Boden – und ist heute nicht weniger aktuell.

Sten Nadolny versetzte der Erfolg seines zweiten Romans in die vorteilhafte Lage, den Literaturbetrieb einen guten sein zu lassen und seine eigene, nicht ganz so hohe Geschwindigkeit beim Verfassen von Büchern beibehalten zu können. „Literatur hat die Eigenschaft“, sagte er in seinen Poetikvorlesungen, „einen besonderen Umgang mit Zeit sowohl zu brauchen als auch, wenn sie fertig ist und gelesen wird, zu repräsentieren, eine geistesgegenwärtige, zeitvergessene Langsamkeit.“

In Vergessenheit geriet so manchmal auch der Schriftsteller Nadolny, so viel Zeit ließ er sich mit neuen Romanen wie dem Bundesrepublik-Panorama „Selim oder die Gabe der Rede“ (1990), dem „Netzkarte“-Folgeroman „Er oder ich“ (1999) oder dem „Ullstein“-Roman über das Verlagshaus Ullstein (2003). Eine feine Ironie, eine umsichtige, bedächtige Erzählweise, eine klare Sprache, die auch Komplexes, Schwieriges zu vermitteln weiß – all das zeichnet den Schriftsteller Sten Nadolny aus. Und natürlich eine angenehme Betriebsferne und Gelassenheit.

Eile, gar das hektische Schreiben neuer Bücher kennt er jedenfalls nicht. Und so setzt ihn weder der überraschende Bestseller-Erfolg seines Romans „Weitlings Sommerfrische“ unter der Druck – noch der 70. Geburtstag, den Sten Nadolny am heutigen Sonntag in seinem Domizil am Chiemsee feiert.Gerrit Bartels

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