Kultur : Lappen hoch und durch

Die Theater und Opernhäuser sind trotz der WM gut besucht – aber die Kinos klagen über Umsatzeinbußen

Kolja Reichert

Wirklich keine Abwehrmauer stellt sich der Fußballeuphorie noch entgegen. Gefragt, wie denn während der WM die Stimmung im Berliner Ensemble sei, ruft Sprecherin Gabi Hofmann fröhlich: „Gut! Wir werden Weltmeister!“ Dann lacht sie schelmisch. Spätestens jetzt scheinen die Theatermacher am Schiffbauerdamm mit nationalem Optimismus kein Problem mehr zu haben. Dass Intendant Claus Peymann sich für Fußball begeistert, war ja bekannt. Sein Favorit Togo ist ausgeschieden. Sind wir jetzt Deutschland, auch im BE? Im Foyer des ehrwürdigen ehemaligen Brecht-Theaters läuft zumindest täglich der Fernseher, während auf der Bühne mit Johanna von Orleans der Widerstand geprobt wird.

Vielleicht liegt es am guten Wetter, vielleicht herrscht schon Ferienstimmung, jedenfalls sind die Berliner Theater und Opern bestens aufgelegt und freuen sich gemeinsam mit dem Fußballvolk. Wer will auch den Spielverderber geben, wenn vor der Tür die Fanhorden vorüberziehen. „Unter den Linden ist die Hölle los“, erzählt André Kraft von der Komischen Oper, die gleich neben dem Fanmeilen-Geschehen steht, „die Stimmung ist super.“ Und dann sagt auch er: „Wir sind alle für Deutschland.“ Das ist natürlich halbernst gemeint. Schließlich arbeiten auch viele Norweger und Schweden im Haus. „Wir haben ein multinationales Ensemble, das sehr sportlich mit der WM umgeht.“ Wer Pause hat, rennt schnell in die Kantine, wo der Fernseher steht. Das Publikum wird allerdings mit Fußball weitgehend in Ruhe gelassen. „Leute, die in die Oper gehen, wollen in die Oper gehen“, ist sich Kraft sicher und ergänzt selbstbewusst: „Das ist so spannend, was hier passiert, da kann man keine Kompromisse machen.“ Schauen denn die Fußballfans auch mal rein? „Wir haben generell zunehmend Touristen im Publikum. Ob jetzt Fußballfans dabei sind, lässt sich nicht erkennen.“ Vielleicht zeigen sie am Mittag des 9. Juli Flagge, wenn die Fußballoper „In der Tiefe des Raumes“ auf das Endspiel einstimmt.

Die Kultur versteht sich in Berlin nirgends als Feind des Fußballs. Im Gegenteil, man ergreift die Flucht nach vorne und spielt die Flanke weiter. Voller Respekt spricht Benjamin Stein von der Neuköllner Oper über das „ganz besondere Ereignis“ der Weltmeisterschaft und die „theatralen Qualitäten“ des Public Viewing. Holen sich Regisseure Inspirationen vor der Großleinwand? Viele verfolgen jedenfalls die Spiele in der näheren Umgebung, erzählt Stein. „Die Begeisterung schlägt schon über.“ Die Proben sind dadurch aber nicht gefährdet. Das Ensemble der kommenden Produktion „Geschichten aus dem Plänterwald“ bestehe vorwiegend aus Frauen. „Die sind nicht so infiziert.“ Die Geschlechtertrennung steht noch.

Um das Publikum muss man sich in Neukölln keine Sorgen machen. Während der WM ist hier weitgehend spielfrei, und die Premiere des Sommermusicals am 6. Juli ist bereits ausverkauft. Doch auch dort, wo weiter gespielt wird, ist es nicht viel leerer als in den Stadien, wenn mal wieder WM-Tickets in Sponsorenkanälen verschwunden sind. Die Komische Oper liegt mit 60 Prozent Auslastung noch am unteren Rand, in den Theatern sind um die 80 Prozent der Sitze belegt – für die Sommerzeit ganz normal. Offenbar stiehlt die WM den Bühnen nicht die Show. Es zahlt sich aus, dass auf den Spielplänen die Trennung zwischen Hochkultur und Fußball weitgehend aufrecht erhalten wird. Es gibt eben noch Menschen, die mal abschalten wollen. Die Staatsoper biete ein „Refugium, um von der Fanmeile wegzukommen“, so Sprecherin Ulla Nussbaum. „Das Publikum goutiert das.“

Was droht, wenn man Kultur und Fußball zu stark mischt, zeigte das diesjährige Heimatklänge-Festival, das Public Viewing mit Weltmusik-Konzerten kombinieren wollte. Treue Heimatklänge-Fans nervte der Fußball, Fußballfans feierten lieber umsonst auf der Fanmeile. Kaum mehr als ein Zehntel der erwarteten Besucher kam ins Kulturforum. Die Veranstalter mussten die restlichen Konzerte absagen. Nur die Großleinwand blieb stehen.

Auch für die Kinos waren die Bemühungen, dem Fußballgeschehen etwas hinzuzufügen, ein trauriger Reinfall. Die Stimmung im Büro der Yorck-Gruppe ist gedrückt. Die Auslastung fiel zum WM-Start auf 30 Prozent. Zur Reihe brasilianischer Fußballfilme im „Central“ in den Hackeschen Höfen kam teilweise niemand. Das „International“ an der Karl-Marx-Allee hat ein „schwul-lesbisches Sportstudio“ namens „GayWatch“ eingerichtet – mit Frisörlounge und Torwandschießen. Der Andrang ist unerwartet klein. Klar, könnte man denken, wer setzt sich bei dem schönen Wetter schon ins Dunkle. Doch im Cinemaxx am Potsdamer Platz wird das Public-Viewing-Angebot angenommen. Sessel, Bier und Großbild, das reicht dem Fan vollkommen.

Und wer es mit der Kultur ernst meint, hält es auch fünf Stunden lang auf einem Gerüst in Frank Castorfs Neustadt aus. Die Wiederaufführung von „Der Idiot“ an der Volksbühne war gut besucht. Besser als die Großleinwand, die vor dem Pavillon steht. Hier treffen sich vor allem Nachbarn. Am 5. Juli wird daneben die Ausstellung „Im Fanshop der Globalisierung“ in einen Seecontainer einziehen und anhand des Fußballs globale soziale Ungleichheiten erklären. Wird hier vielleicht Kritik am Fußballmainstream geübt? „Nein“, sagt Sprecherin Silvia Fehrmann, „keine Kritik. Auseinandersetzung!“ Auch gut. Denken wir nicht so viel nach. Lassen wir’s einfach laufen. Wer holt Bier?

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