Kultur : Lara Croft: Jägerin des verlorenen Papas

Simone Mahrenholz

Das Londoner Obdachlosenmagazin "The Big Issue" machte in seiner letzten Ausgabe erstaunlicherweise mit Lara Croft auf. Genauer: mit Angelina Jolie, einem privaten Porträt jenes Stars, der die übermenschliche Heroine des Computer- und Videospiels verkörpert. In jenem Gespräch stellt sich Jolie ungeniert als Gefährdete dar, nicht nur durch ehemaligen Drogenkonsum, als genuinen "slob" (Schlampe), als tendenziell gewalttätig und als todesbewusst. Bedenkt man, dass sie eben einen Vertrag auf zwei weitere "Lara Croft"-Filmfolgen unterschrieben hat, so ist diese offene Selbstdarstellung auch eine geschickte Marketing-Strategie. Denn wie zu hören ist, wird die neue Lara Croft Alkoholprobleme haben und mit Drogen konfrontiert sein, "sie wird", so Adrian Smith von der britischen Croft-Entwicklungsfirma Core Design, "einen völlig neuen Lebensstil führen". Das hat seine Logik, die auch darin liegt, dass durch die ständig verbesserte Technologie die Zielgruppe der Lara-Croft-"User" immer älter wird.

Die Kunst-Figur Lara Croft hat längst die Popularität eines fleischlichen Super-Stars, und bei all diesem Medien-Hype spielt der Inhalt des Films von Regisseur Simon West ("Con Air") vermutlich eine untergeordnete Rolle. So sieht er zumindest aus. Es scheint ihm in erster Linie um Schlüsselreize zu gehen und nur sehr bedingt um subtile Handlungsfäden oder differenzierte Charaktere. Auffällig, wie mäßig bis katastrophal "Oscar"- und "Golden-Globe"-Gewinnnerin Angelina Jolie hier chargiert. Sie scheint von der antrainierten Kampftechnik und dem aufwändigen Waffengeschirr derart abgelenkt, dass sie über den Einheitsausdruck geöffneter Lippen, wahlweise gesteigert mit geweiteten Augen, kaum hinauskommt - Augen, in denen man vergeblich ein Fünkchen Selbstironie sucht.

Dabei tat "Core Design" viel, um Lara auf ihren Welt-Errettungszügen mit tiefgreifenden psychologischen Motiven auszustatten. Die kurz nach der Geburt gestorbene Mutter. Der ebenfalls früh verstorbene Vater: Gegenstand ihrer anhaltenden Sehnsucht. Ferner geht es, im Spiel wie im Film, um Ur-Reize, denen Lara nachjagt. Um Schlüssel und Uhren, um Kästen und Statuen, um alte Kostbarkeiten und Heiligtümer. Magie, Macht, Mystizismus sind die hoch gehandelten, selten sichtbaren und daher um so stärker auf Glauben angewiesenen Instanzen, und auffallend ist, dass Zeit, Tradition zu den legitimierenden, Wert und Gier stiftenden Werten im Film gehören. Lara Croft ist nicht zufällig Archäologin, und sie lebt in einem alten englischen Anwesen, das sie von ihrem adligen Vater erbte: vollgestopft mit modernster Technologie. Hier verbringt sie ihre Zeit mit waffenklirrendem Kampftraining gegen tödliche Cyborgs, gebaut vom Computer-Experten Bryce (Noah Taylor). Außer ihm und dem Butler (Chris Barrie) gibt es keine Männer im Leben der Kampf- und Sex-Ikone - abesehen von ihrem verstorbenen Vater natürlich (gespielt von Jolies leiblichem Vater Jon Voight).

Und wer sind die Bösen? Es sind die "Illuminati", ein jahrtausendealter Geheimbund (hierzulande bereits durch den Film "23" bekannt), der natürlich die Weltherrschaft anstrebt. Lara findet als spätes Vermächtnis ihres Vaters einen jener "unbeschreiblich wertvollen Gegenstände", die schon das Computerspiel ständig in Gang halten: hier eine alte Uhr. Deren Inneres, ein Auge, erweist sich als Schlüssel zu einer potenziell schrecklichen Macht, die, vorausgesetzt man findet die notwendigen anderen Teile und nutzt eine nur alle 5000 Jahre auftretende Himmels-Konstellation, seine potenziell tödliche Wirkung entfaltet. Zu dieser gehört, die Zeit umzukehren. Lara muss also die "Illuminati"-Konkurrenz ausbooten, die von zwei attraktiven, aber tendenziell leicht beschränkten Männern verkörpert wird: dem Antiquitäten-Experten Powell (Ian Glen) und Laras Ex-Lover Alex (Daniel Craig).

Und so schickt Regisseur West Lara auf die Jagd in die verschiedenen Erdteile. Dabei kümmert er sich wenig um die Logik von Anschlussschnitten und verschleift die spektakulären Effekte durch ein Tempo, das vieles nur erahnbar macht. Auch die Schauspielei interessiert ihn wenig - um so mehr die Drehorte. Deren spektakulärste sind die 900 Jahre alten Angkor-Heiligtümer in Kambodscha: offiziell ein Weltwunder, das nach zahlreichen Kriegen erstmals seit 40 Jahren für Filmteams zugänglich gemacht wurde. Hier erweist sich, dass Hollywoods technische Brillanz zunehmend nach hinten losgeht: Es lässt sich schlicht kaum unterscheiden - und spielt optisch auch keine Rolle -, ob die Orte "echt" sind oder im Studio nachgebaut. Auch die grandiosen Wasserfälle und die Schnee- und Berglandschaft Islands lassen seltsam kalt, da der Film sich nie Zeit nimmt, sondern anhaltend auf Action setzt, die dann vergleichsweise folgenlos am Auge vorbeirast.

So gesehen ist der 100 Millionen Dollar teure Film künstlerisch und inhaltlich verschenkt. Fragt sich, ob er dem Phänomen Lara Croft irgendetwas hinzufügt oder allein darauf setzt, dort abzuzocken, wo die Kaufkraft von 25 Millionen Croft-Videospielerbesitzern (und 100 Millionen Nutzern!) nicht irren kann. Immerhin beschäftigt das Phänomen Lara Croft längst diverse kulturwissenschaftlich geschulte Zeit-Diagnostikerinnen, die die Ikone daraufhin abklopfen, ob sie die Geschlechterdifferenz kreativ umdeutet. Ist doch Lara cleverer und schneller als ein Mann, diesem kämpferisch gewachsen, dazu von einem optisch aggressiven Sex-Appeal. Die Ergebnisse sind negativ. Wie die Kulturwissenschaftlerin Astrid Deuber-Mankowsky in ihrer demnächst bei Suhrkamp erscheinenden medientheoretischen "Lara-Croft"-Untersuchung ausführt, wird das überkommene Geschlechterverhältnis nicht subversiv unterlaufen, sondern "binär" zementiert. Und die Soziologin Barbara Sichtermann äußerte jüngst in einem Vortrag, dass der von jungen Frauen à la Lara Croft antrainierte Kraft- und Erotik-Appeal keinesfalls als soziales Kontaktmittel, sondern als abstrakte, tendenziell solipsistisch ausgerichtete Macht-Ressource dient. In der Tat: Diese virtuelle Welt und ihre Werte sind ein einsames Rückzugsphänomen. Sie sind alles andere als eine Form, in einen sozialen Austausch zu treten, Laras Eros ist eine phallische Waffe, und ihre eigene Libido scheint allein auf den toten Vater gerichtet. Selbst Sigmund Freud hätte das vermutlich wenig amüsiert.

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