Kultur : Lars von Trier: Verstörung in hoher Dosis

Olga Havenetidis

Die chemische Formel lautet C17 H18 F3 NO. Ohne Fluoxetin hydrochlorid wäre alles noch schwieriger. Die Wände würden schneller auf ihn zurasen. Seine Lunge würde vergeblich um Sauerstoff ringen, schon an der Haustür bekäme er Heimweh, und für seine Familie wäre er unerträglich. Lars von Trier faltet seine Hände wie zum Gebet und sagt: "Nun nehme ich dieses wundervolle Produkt Prozac. Eine fantastische Pille gegen Neurosen und Depressionen." Natürlich ein Medikament mit Nebenwirkungen: Angst, Albträume, Mundtrockenheit, Stimmungsschwankungen, Geschmacksveränderung, Verwirrtheit, Sehstörungen.

Manchmal leidet das Publikum eines ganzen Kinosaales an diesen Nebenwirkungen, weil es gerade einen Film von Lars von Trier sieht. Bei der Premiere seines neuen Films "Dancer in the Dark" im Mai auf dem Filmfestival in Cannes reagierten die Menschen begeistert oder empört, aber alle waren irgendwie verstört, bekamen Bauchschmerzen und Schwindelgefühle. Lars von Trier aber bekam die Goldene Palme.

Angst. Filme sind das einzige Fortbewegungsmittel des dänischen Regisseurs. Nur so kann er seinen Geist in alle Welt transportieren. Auto fährt er nicht gern. Erst recht nicht, wenn jemand anderes am Steuer sitzt. Schiffe mag er nicht, Tunnel bringen ihn zur Verzweiflung. In modernen Zügen fühlt er sich wie in einem Vakuum, weil er das Fenster nicht aufmachen kann. Fliegen? Für ihn eine unmögliche Vorstellung.

Wenn Lars von Trier nicht Angst vor großen Plätzen hätte, könnten ihn die Menschen in Kopenhagen öfter auf der Straße sehen. Aber er würde niemandem auffallen. Er trägt Trekkingsandalen, graue Strümpfe, weiße Hose, kariertes Hemd über dem Bauchansatz, manchmal Vollbart. Ein Familienvater, der jeden Morgen früh aufsteht, um seinen Kindern die Brote zu schmieren. So sieht er aus.

Albträume. Lars von Trier lebt immer noch in dem Haus, in dem er am 30. April 1956 geboren wurde. Vor acht Jahren gründete er die Produktionsfirma Zentropa. Inzwischen hat Zentropa ein Kasernengelände erworben. In Hvidøvre, ganz nah bei Kopenhagen. In einem der barackenähnlichen Gebäude hat von Trier sein Arbeitszimmer eingerichtet. Ein Eckzimmer. So hat er an einer Wand ein Fenster und an der anderen eine Terrassentür. Viel Licht gegen die Klaustrophobie. Unter dem Fenster steht eine graue Couch, so breit, dass sie die ganze Wand ausfüllt. Und so tief, dass man fast in ihr untertauchen kann.

Gerne würde Lars von Trier ausprobieren, wie es ist, sich hypnotisieren zu lassen, aber er traut sich nicht. Früher, in seinen ersten Filmen, hypnotisierte er die Zuschauer. Er genoss seine Macht, die Schauspieler in Figuren aus seinen Albträumen zu verwandeln. Als er seinen ersten Film drehte, war er elf. Der Film dauerte eine Minute und hieß "Reise ins Squashland". Ende der Siebziger Jahre bewarb sich von Trier an der dänischen Filmhochschule; die Juroren nahmen ihn an und nannten ihn einen "interessanten Fehler". Er drehte "Nocturne", einen Kurzfilm über eine Frau, die nicht schlafen kann. Sein Abschlussfilm an der Filmhochschule hieß "Bilder der Befreiung": Eine Dänin sticht einem deutschen Soldaten aus Rache die Augen mit einem Holzkeil aus.

Mundtrockenheit. In seinen frühen Filmen hatten die Schauspieler nicht viel zu sagen. Lars von Trier wollte die totale Kontrolle über alles. Er malte jedes Bild mit Bleistift auf ein Blatt Papier, bevor der Kameramann eine Szene drehen durfte. Heraus kamen ästhetische Filme, in denen die Technik faszinierte und alles andere erblassen ließ. Auch Text gab es nicht viel. Aber Ideen. Kein Gedanke durfte verworfen werden. Alles musste im Drehbuch vorkommen. Wenn von Trier mit seinem Drehbuchautor Niels Vørsel an Konzepten arbeitete, galt diese Regel. Gemeinsam drehten sie "Epidemic", einen Film, in dem sie selbst auch die Hauptrollen übernahmen. In einer Szene sagt Lars von Trier: "Ein Film muss sein wie ein Stein im Schuh." Und direkt danach: "Prost."

Stimmungsschwankungen. Wenn Lars von Trier durch sein Kasernengelände wandelt, zart und federnd, wenn er in sanftem Ton seinen Mitarbeitern Anweisungen erteilt, mag niemand glauben, dass fast alle Schauspieler Probleme mit ihm haben. Barbara Sukowa spielte in "Europa" mit einer Miene, die verrät, dass sie mit diesem Film innerlich nicht mehr viel zu tun hat. Das war 1991. Bei den Dreharbeiten zu "Dancer in the Dark", der am Donnerstag in die Kinos kommt, verließ die isländische Hauptdarstellerin, die Popsängerin Björk, mehrmals die Dreharbeiten und war dann unauffindbar. "Ich weiß, ich hatte Konflikte mit Björk, aber wir konnten uns letztlich immer einigen", sagt Lars von Trier. Und während er das sagt, taucht er ein wenig auf aus den Tiefen seiner Couch.

Es hat Zeiten gegeben, in denen außer seinen Mitarbeitern fast niemand die Couch, seinen Schreibtisch, seine vielen Fotos an der Pinnwand gesehen hat. Die Zeiten der Zurückgezogenheit. Als eine dänische Boulevardzeitung schrieb, "Lars von Trier verlässt seine Frau, weil er mit der Babysitterin zusammen sein will", da war es vorbei. Von nun an galt der Regisseur als scheu. Er empfing keine Journalisten. Wer nicht nach Kopenhagen reisen will, bekommt auch heute noch keinen Termin. Fünf Jahre lang drehte er nur für das Fernsehen.

Geschmacksveränderung. Irgendwann begann er sich für die Realität zu interessieren: "Ich wollte einen Film machen für ein breites Publikum, das Gefühle von Menschen aus Fleisch und Blut sehen will, mit denen es sich identifizieren kann." Als Kind liebte Lars von Trier besonders das Märchen "Goldherz" des dänischen Dichters Hans Christian Andersen. Die Geschichte eines armen Mädchens, das in den Wald geht und alles, was es besitzt, verschenkt, bis es nackt ist. Wie die Geschichte ausgeht, erfuhr er nie: "Die letzte Seite war herausgerissen." Trotzdem las er die Geschichte immer wieder, was seinen Vater entsetzte. Deshalb nennt von Trier seinen 1995 gedrehten gefühlvollen Film "Breaking the Waves" eine "späte Jugendrevolte", eine endgültige Abnabelung von seinem Elternhaus, denn für seine Eltern war alles Emotionale, Übernatürliche und Irrationale tabu.

Gleichzeitig waren seine Eltern Kommunisten und antiautoritär. Deshalb, sagt von Trier, habe er das Bedürfnis nach Regeln gehabt. 1995 schrieb er mit drei dänischen Regisseuren, er nennt sie "Brüder", das Manifest "Dogma 95": Sie verpflichteten sich selbst, nur mit der Handkamera zu drehen, weder Kunstlicht noch zusätzliche Requisiten zu verwenden und nur unbekannte Schauspieler zu engagieren. "Ich bin immer schon ein Fan von Manifesten gewesen. Manifeste sind eine gute Sache", sagt von Trier. Andererseits hatte er plötzlich das Bedürfnis, Kontrolle aufzugeben, nicht mehr so viel überprüfen zu müssen. Einfach darauflosfilmen. Seinen Schauspielern gab er keine genauen Anweisungen mehr, sondern ließ sie einfach machen. "Ich denke, es ist nicht gut, dogmatisch zu sein, sondern wählen zu können. Man sollte so produzieren, wie man will", sagt er und liegt beinahe auf der Couch.

Verwirrtheit. Es begann die Zeit der Melodramen. "Breaking the Waves", ein Film über eine Frau, die aus Liebe und Glauben an Wunder ihr Leben opfert. Auch Lars von Trier glaubt an Wunder, trat nach 35 Jahren als Atheist in die Katholische Kirche ein. Er betet jeden Tag, sagt er, denkt viel nach. Aber er geht nicht in die Kirche, weil ihm die katholischen Rituale nichts bedeuten.

Gegen alle Gewohnheit

Seit "Breaking the Waves" tragen seine Filme eine neue Handschrift. Die Blicke der Kamera sind naiv, sie bewegen sich wie eine Person in der Filmszene. Es sind nervöse, fragmentarische Bilder, die Lars von Trier zum großen Teil selbst dreht. Sie haben nichts gemeinsam mit seinen wirklichen Blicken, wie sie umherschweifen von der Couch aus, denn die scheinen gelassen. Seine neue Art, die Kinoleinwand zu bebildern, riss die Zuschauer aus ihren Sehgewohnheiten. Plötzlich erschienen die Gesichter der Schauspieler so ungeheuer detailliert. Eine verstörende Geschichte, die Lars von Trier da erzählt. Er habe einen Film machen wollen, in dem "alle treibenden Kräfte gut sind". Aber "weil das Gute oft missverstanden wird, weil wir ihm so selten begegnen, entstehen Spannungen". Am Ende stirbt ein Mensch, weil er zu gut ist. Aber während von Trier auf seiner Couch sitzt, fällt ihm ein weiterer Grund für diesen Tod ein: "Der Film ist halt ein Melodram." Er lacht.

"Idioten", ein Dogma-95-Film, geriet teilweise so verwackelt und unscharf, dass vielen Zuschauern schwindelig wurde. Eine Gruppe von jungen Leuten, die den "inneren Idioten aus sich herauslassen wollen", spielen geistig Behinderte. Lars von Trier hält "Idioten" für seinen Film mit der größten politischen Aussage. Sogar seine Eltern hätten den Film gemocht, weil er links sei. An seiner Pinnwand zeigen einige Fotos Szenen aus "Idioten". "Die Dreharbeiten waren die intensivste Dreherfahrung, die ich jemals gemacht habe."

Warum müssen die Frauen sterben?

Sehstörungen. Auch in von Triers jüngstem Film "Dancer in the Dark" geht es um die Frage, ob Menschen in dieser Gesellschaft "gut" und "anders" sein dürfen. Selma, eine Fabrikarbeiterin aus Tschechien, lebt in den USA der sechziger Jahre und erblindet allmählich. Ihrem Sohn droht das gleiche Schicksal, und so legt sie jeden Dollar zur Seite, um seine Augen operieren zu lassen. Eines Tages stiehlt ihr Nachbar das Geld, das für die Operation bestimmt ist, und eine Katastrophe bahnt sich an. Am Ende hängt die amerikanische Justiz Selma an den Galgen. Lars von Trier wählte für diesen Film die Form des Musicals, weil er sie in seiner Kindheit so gerne mochte. "Ich fand sie bezaubernd, vor allem die mit Gene Kelly." Seine Eltern mögen "Dancer in the Dark", weil der Film die USA kritisiert.

Ohne Fluoxetin hydrochlorid wäre alles noch schwieriger. Zum Beispiel die vielen Interviews zu überstehen, die Lars von Trier wegen des großen Erfolgs von "Dancer in the Dark" führen muss. Auf fast jede Frage antwortet er mit einem schelmischen Grinsen, taucht dann in seiner Couch unter. Warum die Frauen in seinen Filmen sterben müssen? Warum die Figuren gefoltert werden? Wie es mit seiner Hypochondrie steht? Lars von Trier findet sich selbst nicht so interessant. Was er sagen will, das sagen doch seine Filme, was darunter zu verstehen sei, das verstehe doch jeder Zuschauer für sich.

Als Nächstes möchte Lars von Trier einen Film machen über eine Frau, die nicht nur gut ist. Inspiriert hat ihn das Lied von der Seeräuber-Jenny aus Brechts "Dreigroschenoper". In dem heißt es am Ende: "Und ein Schiff mit acht Segeln und mit achtzig Kanonen wird entschwinden mit mir."

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