Las Vegas : Geld verliert die Welt

Angst, Glücksspiel, Schrecken ohne Ende: Las Vegas hat die Wall Street endgültig abgelöst. Mit seiner astronomischen Verschwendungssucht ist die protzigen Stadt in der Wüste Nevadas eine gigantische Angstmaschine - doch Angst vor Geld kennen die Amerikaner nicht.

Rüdiger Schaper
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Sharon Stone in Martin Scorseses Vegas-Film "Casino". -Foto: defd

Eine der dümmsten Redensarten lautet: Geld macht nicht glücklich, aber Geld beruhigt ungemein. Das Gegenteil ist der Fall. Geld macht Angst, und in allem, was man mit Geld anstellen kann, wenn man es den Märkten aussetzt, steckt ein gewaltiges Panikpotenzial. Auch und besonders in Immobilien. Und noch etwas erfahren wir in diesen Tagen. Nahezu alles, was über Geld und sein Wesen gesagt werden kann, tendiert zum Trivialen. Das beunruhigt umso mehr. Weil man zwar Hurrikane und sogar Tsunamis vorhersagen und Schutzmaßnahmen treffen kann, aber niemand offenbar Mittel und Wege kennt, die Finanzmärkte einzudämmen. Eine horrible Lektion: Naturkatastrophen sind leichter zu begreifen als jene Beben, die der Mensch mit seinem Geld verursacht.

Zahlen machen nervös, wenn sie in Kolonnen auftreten. Sind es amerikanische Zahlen, steigert sich die Nervosität derzeit zu nackter Angst. 700 Milliarden Dollar zur Rettung des amerikanischen Finanzsystems! Etwas billiger ist der Wahnsinn im Irak mit bisher über 500 Milliarden Dollar Kriegskosten – über Kredite finanziert. In Amerika gibt es offenbar ein völlig anderes arithmetisches Grundempfinden als hierzulande.

So war es auch kein Ausrutscher eines gewiss nicht hochbegabten Redners und ökonomischen Laien, als der republikanische Präsidentschaftsbewerber John McCain kürzlich erklärte: Mit einem Vermögen von fünf Millionen Dollar aufwärts könne man sich einigermaßen sicher und vielleicht sogar reich fühlen. Darunter beginne dann schon die Mittelklasse. Und man wird hinzufügen müssen: Es ist diese so genannte Mittelklasse, die Deklassierung und Depravierung fürchtet, die ihr eigenes Verschwinden beobachtet. In diesen Schichten, die sich einmal als gemacht wähnten, dürfte am 4. November die amerikanische Wahl entschieden werden.

„Geht dem Geld nach“, so raunte Deep Throat im Watergate-Film „All the President’s Men“ (Die Unbestechlichen) in der Tiefgarage. Auf dieser Spur der grünen Scheine führte der Weg nach Florida und nach Las Vegas. Die Wall Street, so heißt es jetzt, hat ihre Macht eingebüßt, sie ist nach dem Zusammenbruch der traditionsreichen Investmenthäuser nicht mehr die sinnbildliche Adresse von Big Money und Profitgier. Es gab auch immer schon ein besseres Symbol. Eben jene Kapitale des Glücksspiels, die bis vor kurzem noch die am schnellsten wachsende Stadt der USA war und jährlich von rund 40 Millionen Touristen besucht wird.

Hunter S. Thompsons Klassiker „Angst und Schrecken in Las Vegas“ fasst das alles schon im Titel hübsch zusammen. Den Horror und die Faszination des Geldes, garniert mit extravaganten Drogencocktails. „Die Stadt verdankt ihren Aufstieg einer Komplizenschaft zwischen Staat, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen, die das gesamte amerikanische System durchzieht. (...) Entgegen allem Anschein hat der Rest der Nation mehr mit der protzigen Stadt in der Wüste Nevadas gemein, als man sich eingestehen will. (...) Wer sich mit der Geschichte dieser Stadt beschäftigt, stellt bald ernüchtert fest, dass die ,Stadt der Sünde‘ keine Ausnahmeerscheinung, sondern ein Abbild der gesamten Nation ist.“ Einer Nation von Zockern, die einem unheilbaren „Hoffnungswahn“ verfallen sind, wie Sally Denton und Roger Morris in ihrem Schwarzbuch „Las Vegas: Geld, Macht, Politik“ (deutsche Ausgabe beim Zweitausendeins Verlag, 2005) akribisch dokumentieren.

Von außen betrachtet, ist Las Vegas mit seiner astronomischen Verschwendungssucht eine gigantische Angstmaschine. Allein der Stromverbrauch des MGM Grand Hotel entspricht dem einer Stadt mit 12 000 Bewohnern. Im Innern aber herrschen – wider besseres Wissen – Gewinnzuversicht und Selbstbetrug. Das Casino gewinnt immer, heißt die alte Regel, und jeder glaubt, seinen Weg daran vorbei zu finden. Bis vor kurzem galt das für die ganze amerikanische Blase aus Schwindel, Dollar-Libido und Gottvertrauen. Amerikaner haben vor fast allem Angst – vor Fremden, vor Gott, vor fantasierten Katastrophen aller Art. Nur vor Geld nicht. Und auch nicht vor dem, was Geld anrichten kann. Das unterscheidet sie unter anderem von Europäern.

Gewiss, auch Verallgemeinerungen haben etwas Triviales, Michael-Moore-Mäßiges. Doch das entwertet die Beobachtungen nicht. Zumal sie von Amerikanern selbst angestellt werden. Auf dem Filmfestival in Venedig lief jetzt ein US-Film mit dem Titel „Las Vegas: Based on a true story.“ Eine Komödie mit prophetischem Charakter, das ist im Irrsinn von Las Vegas auch nicht allzu schwer.

Regisseur Amir Naderi erzählt die Geschichte eines Spielers, der sich von den einarmigen Banditen in den Casinos losreißt und sein bescheidenes Grundstück ruiniert, weil er dort einen Riesenhaufen Geld aus einem Jahrzehnte zurückliegenden Raubüberfall vergraben glaubt. Ein Spiegelbild des amerikanischen Subprime-Immobiliendesasters. Der arme Schlucker, immerhin im Besitz eines Eigenheims, zerstört seine Familie, untergräbt sein Hab und Gut – besessen von der Idee eines im Wüstensand versteckten Reibachs.

Das ist die Botschaft, die Las Vegas bereithält: Hab’ keine Angst vor dem großen Geld, denn es stinkt nicht und es beißt nicht. Der britische Versteigerungskünstler Damien Hirst verbreitet mit seinem silbrigen Hai, dem goldenen Bullen und dem diamantenen Totenschädel die gleiche Droge. Geht dem Geld nach . . .

Die Angst vor unbegreiflichem, frei umlaufenden Kapital ist aber auch eine Propagandawaffe. Die Nationalsozialisten haben sie benutzt, um die Deutschen einzuschüchtern – mit dem Schreckgespenst einer kapitalistisch-jüdischen Weltverschwörung. Wer die Inflation der zwanziger Jahre und den Schwarzen Freitag miterlebte, war dafür empfänglich.

Auch jetzt besteht die Gefahr, dass einer Linken, der sonst nicht viel einfällt, hier antiamerikanische Munition zufällt. Und wie auch nicht: 700 Milliarden Dollar sind eine große Sache, weil das Problem groß ist, bemerkte Präsident George W. Bush kalt. Solche Äußerungen wecken nicht unbedingt Vertrauen und verstärken nur das allseitige Gefühl von Hilflosigkeit. Und Angst.

Der relativen amerikanischen Angstfreiheit entspricht allerdings eine deutsche Angstlust, the German angst. Amerikaner bereiten sich immerzu auf irgendwelche Katastrophen vor, vom „Krieg der Welten“ zur Homeland Security, während man hierzulande eine ausgeprägte abstrakte Angst pflegt. Wer einen Weg dazwischen weiß, der schläft wahrscheinlich nicht nur besser, sondern weiß auch, wie er jetzt sein Geld viel versprechend anlegt. Wie er zurechtkommt mit jenem „sanguinisch-cholerischen Schwanken zwischen Optimismus und Pessimismus“ der Börsen, so wie es Georg Simmel in der „Philosophie des Geldes“ beschreibt.

Im Übrigen scheint diese Angst ebenso volatil zu sein wie die Faktoren, die sie auslösen. Erinnert sich noch jemand an den Skandal um die Berliner Bankgesellschaft, ging es da nicht auch um Immobilien und Kredite? Wer weiß noch, wie viele Millionen und Milliarden Euro in den Sand gesetzt wurden? War die Hauptstadt nicht praktisch pleite? Und zahlt Berlin nicht nach wie vor Zinsen, ohne dass noch groß darüber gesprochen würde? Wurden die Verantwortlichen ausreichend zur Rechenschaft gezogen und bestraft?

Man traut sich ja kaum, an Brecht zu erinnern. Das Zitat geht ungefähr so: Was ist der Einbruch in eine Bank gegen den Zusammenbruch einer Bank? Oder doch anders? Damals wurden Banken noch gegründet, heute werden sie verkauft und fusioniert, und Computer schicken Überweisungen ins Nirwana. Geld? Mitnichten. Es ist pure Antimaterie.

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