Lasha Bugadzes Roman "Der Literaturexpress" : Butterfahrt nach Babylon

„Der Literaturexpress“: Der georgische Schriftsteller Lasha Bugadze begibt sich mit Kollegen auf große Reise durch Europa.

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Georgischer Schalk. Lasha Bugadze, 39.
Georgischer Schalk. Lasha Bugadze, 39.Foto: Laura J. Gerlach/FVA

Im Jahr 2000 rollte, organisiert von der Berliner Literaturwerkstatt, ein Zug mit über 100 Autoren aus 43 Ländern ostwärts von Lissabon nach St. Petersburg und von dort zurück nach Berlin. „Transportation and translation“ lautete das nach EU-Richtlinie klingende Motto. Man machte Halt an 19 Bahnhöfen, radebrechte gemeinsam in Pidgin-Englisch, verlas vor einem weltoffenen Publikum aserbaidschanische und kroatische Gedichte und schüttelte Honoratiorenhände. Nebenbei soll es zu Liebesabenteuern und babylonischen Missverständnissen gekommen sein, verbürgt ist nach der sechswöchigen Reise quer durch den Kontinent jedenfalls die Abschlusssause in Berlin.

Am Ende wusste man nicht genau, ob das nun eine große Feier Europas war oder eher eine Butterfahrt unter Dichtern, die froh waren, das Ganze einigermaßen heil überstanden zu haben. Autoren sind ja doch eher soziophob. Und dass so ein Klassenausflug zwar sozialen Zwecken dienen kann, notorische Einzelgänger aber nicht unbedingt zu künstlerischen Höchstleistungen anregt, wurde bei Erscheinen der Anthologie des „Europaexpress“ deutlich. Die beinhaltete eher bescheidene Versuche, der Fremdheit und Überforderung ein paar Sätze abzuringen – ästhetische Offenbarungen oder neue Erkenntnisse über die durchreisten Länder und die jüngsten Zugbekanntschaften fanden sich darin kaum.

Gleichwohl ist ein mit kreativen Egomanen besetzter Zug als Stoff mindestens so reizvoll wie ein Mord im Orientexpress. Der 39-jährige georgische Autor Lasha Bugadze – erfolgreich und populär in seinem Heimatland – hat darauf nun einen ganzen Roman aufgebaut: „Der Literaturexpress“ ist in den Sommermonat des Kaukasienkriegs 2008 verlegt, aber sonst erinnert vieles an das reale Vorbild des Jahrtausendwechsels.

Eine tollkühne und heikle Schicksalsgemeinschaft

Gestartet wird bei Bugadze ebenfalls in Lissabon. Zaza, der bislang einen Erzählungsband vorzuweisen hat, ist einer der Auserwählten des georgischen Kulturministeriums, das aber auch nur, weil der Lyriker Khavtasi („einer unserer senilen Idioten“) abgesagt hat. Der Dichter Zwiad wird ebenfalls auf die Reise geschickt – eine geradezu tollkühne Kombination und heikle Schicksalsgemeinschaft, wie sich bereits im Anflug auf den Startort herausstellt.

Der Ton ist auf den ersten Seiten gesetzt: schelmisch und selbstironisch, ein bisschen satirisch und mitunter sehr lustig. Geschrieben aus der Perspektive eines Underdogs aus dem Osten, der plötzlich in die große Welt geworfen und mit den Marktgesetzen des Literaturbetriebs konfrontiert wird, haben wir teil an dieser Expedition durch ein nicht ganz einiges Europa. Was man heute in den politischen Diskursen und europäischen Krisen überdeutlich erkennen kann, lässt sich hier im intellektuellen Mikrokosmos beobachten: Man versteht einander einfach nicht. Die Landsleute bleiben meist unter sich, die anderen Teilnehmer werden argwöhnisch beäugt und der Einfachheit halber mit allen Nationalstereotypen bedacht, die so im Umlauf sind.

Im Falle des georgischen Erzählers Zaza kommen noch einige Minderwertigkeitskomplexe hinzu: Nicht nur sind Madrid oder Paris für den 28-jährigen Debütanten aus Tbilisi ein paar Schuhnummern zu groß; er leidet auch an seinem Mitreisenden Zwiad und vor allem an der ihnen vom deutschen Impressario Heinz zugewiesenen studentischen Hilfskraft Iliko, der keinen Zweifel daran lässt, was er von seinen Landsleuten hält: Lesen könne man georgische Autoren jedenfalls nicht, stellt er apodiktisch fest.

Zaza ist in Liebesdingen gebeutelt

Dass den Georgiern in der Heimat gerade Putins Bomben auf den Kopf fallen, gibt dem Zusammentreffen mit den russischen Kollegen im Zug eine gewisse Brisanz. Und dann ist Zaza auch noch in Liebesdingen gebeutelt: Seine Freundin hat ihn verlassen, überhaupt klappt es mit den Frauen nicht. Und natürlich bahnt sich auf der Europareise das nächste Desaster in Gestalt einer griechischen Musikkritikerin an, die ihren polnischen Dichtergatten begleitet. Für Verwicklungen ist in dieser romantischen Literaturbetriebssatire, die Nino Haratischwili mit kecker Stimme ins Deutsche gebracht hat, also gesorgt.

Helena, besagte Griechin, trägt ihren Namen nicht umsonst: Natürlich ist sie hinreißend schön und unter diversen schreibenden Schreckschrauben im Zug eine wahre Erscheinung; sie ist geheimnisvoll und will erobert werden. Zaza durchläuft alle peinlichen Phasen des Verliebtseins: Irritation, Selbstzweifel, Trunkenheit, Größenwahn, Wagemut, Hoffnung, Desillusionierung, Wut, Selbstkasteiung. Die Reise vom Westen in den schmuddeligen, aber vertrauten Osten ist für Zaza von befremdender Pracht, mit zeitweise grell durch die Waggonfenster blitzenden Sonnenstrahlen.

Bugadze erzählt diese Geschichte einer fragilen und doch eher einseitigen Romanze charmant; das Schriftstellertreffen und die europäische Idee geraten darüber mehr und mehr in den Hintergrund. Sein Held Zaza bringt während der Fahrt selbstredend keine einzige Zeile zu Papier. Erst die endgültige Ernüchterung und die Verabschiedung seines hellenistischen Traums treiben ihn zurück an den Schreibtisch. Ein Roman soll die Erlebnisse im Literaturexpress bannen – allerdings, Heinz hält damit in einer E-Mail nicht hinterm Berg, schreiben so ziemlich alle 100 Reiseteilnehmer an einem Literaturexpress-Roman. Selbst hier droht dem georgischen Pechvogel ein Debakel.

Brüllend komisch, dieser Zug von Verlierern

„Wir waren zum Brüllen komisch, natürlich waren wir das! Hundert namenlose und glücklose Autoren, begeistert von ihren immer gleichen Texten! Tatsache war, dass ich in einem Zug von Verlierern saß, das hatte ich schon auf dem Weg von Lissabon nach Madrid gespürt, nur damals hatte ich dem Ganzen noch keinen Namen gegeben, denn damals hatte ich noch auf ein Wunder gehofft, das mich in meiner göttlichen Andersartigkeit von den anderen hätte abheben können. (…) Ja, verzweifelt hätten wir Leser gebraucht. Von der Schriftstellerei unberührte. Denn wir konnten uns selbst nicht mehr ausstehen. Voller Leidenschaft deklamierten wir unsere Texte, um die anderen Autoren damit zum Schweigen zu bringen, sie zu töten: Leser, bleib bloß ein Leser, versuch nicht, die Statusleiter höherzuklettern!“

Bugadze hat Talent für humoristisch überzeichnete Szenen und einen Sinn fürs Absurde. Freilich hätte man das Zusammentreffen narzisstischer Figuren, hinter denen sich mit ein bisschen detektivischer Arbeit womöglich auch authentische Vorbilder entdecken ließen, bei dieser Gruppenfahrt noch weit effektvoller ausreizen können. Aber der Blick des Erzählers ist verständlicherweise beschränkt: auf die eigenen Unzulänglichkeiten ebenso wie auf das Liebesglück, das Helena verspricht.

Da gerät das aus den Augenwinkeln wahrgenommene Treiben gerne zum Klischee. Aber auch im Klischee liegen ja oft Wahrheiten verborgen. Zumindest aber die Erkenntnis Zazas, dass man diesen Schriftstellerzirkus auf keinen Fall allzu ernst nehmen sollte und dass gerade jene, die aus Eitelkeit oder existenzieller Notwendigkeit immerfort schreiben und sich produzieren müssen, noch lange keine guten Zuhörer sind.

Lasha Bugadze: Der Literaturexpress. Roman. Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 2016. 315 Seiten, 24 €.

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