Kultur : Lass mal sehen

Die Galerie Kuckei und Kuckei zeigt Kunst aus Südafrika: aktuell Fotografie, anschließend Skulpturen

Claudia Wahjudi

Ohne Absicht hat Guy Tillim das Sinnbild für die Ausstellung der Galerie Kuckei und Kuckei geschaffen. Die Farbaufnahme des Fotokünstlers aus Johannesburg zeigt die Beine zweier schwarzer Mädchen, die in entgegengesetzte Richtungen aus dem Bild springen. Zurück bleibt brauner Lehmboden, in den die Kinder Hüpfekästchen geritzt haben. Jedes Erdkrümelchen, jeder feine Riss ist zu sehen. Obwohl in Malawi aufgenommen, fasst das Foto aus der Serie „Petros Village“ (2006, Edition 1/5, je 4000 €) vieles zusammen, worum es in der Ausstellung „A Look Away – South African Photography Today“ geht: um Fotografie aus Südafrika, die sich dem Alltag widmet, und um öffentliches Leben in einem bewegten Land, das sich neu zu finden versucht.

Tillim kommt in der Schau eine Sonderstellung zu. Der 46-Jährige ist der Älteste hier und schlägt als ehemaliger Bildjournalist eine Brücke zur traditionell starken Dokumentarfotografie in Südafrika. Die vier jüngeren Teilnehmer dagegen, zwischen 1976 und 1981 geboren, haben gleich mit der Kunst begonnen, auch dank besserer Ausbildungsmöglichkeiten nach dem Ende der Apartheid. Tillims melancholische Serie über das Leben in einem Dorf schlägt auch zwischen ihren Positionen eine Brücke: zwischen den emphatischen Porträts von Sabelo Mlangeni und Nontsikelelo „Lolo“ Veleko und den rigorosen Milieustudien von Pieter Hugo und Mikhael Subotzky. Hugo hat in der Grenzstadt Messina ein Memento Mori fotografiert: schwarze und weiße Familien, leere Häuser, ein Stillleben mit Totenkopf, Särge, Friedhöfe – alles in einer Unbarmherzigkeit, die an Fotos von Paul Seawright und Richard Billingham denken lässt (Edition 1/6, je 7000 €). Subotzky ist behutsamer vorgegangen. In der Gefängnisstadt Beaufort West hat er Familien in ihren Häusern, Jugendliche auf der Straße und Inhaftierte in schattigen Farbaufnahmen geradezu zärtlich porträtiert – teils inmitten entwürdigender Lebensbedingungen wie den hoffnungslos überfüllten Schlafsälen des Gefängnisses (Auflage: 9, 2200-4900 €).

Verantwortlich für die Auswahl ist Christian Ganzenberg, Mitarbeiter der auch in Südafrika tätigen Daimler Art Collection. Es ist nicht die Speerspitze formaler Experimente, die er zusammengetragen hat. Im Neuen Berliner Kunstverein war 2007 Gewagteres zu sehen, und auch die ifa-galerie zeigt aktuell mit Arbeiten von der jüngsten Foto-Biennale in Bamako, Mali, ein größeres Spektrum. Mehr formale Überraschungen warten womöglich im zweiten Teil der Südafrika-Ausstellung bei Kuckei und Kuckei, wenn die Galeristen mit Videos, Fotos und Objekten etwa von Zander Blom und Nandipha Mntambo auch Relikte temporärer Arbeiten präsentieren. Bis dahin stellt sich in der Galerie Südafrika als tief gespaltenes Land dar. Während Hugo und Subotzky das gefährdete Leben an den Rändern der Gesellschaft thematisieren, konzentrieren sich Mlangeni und Veleko auf die Stärken von Menschen in den Zentren.

Veleko bat stilbewusste Menschen, auf der Straße vor der Kamera zu posieren. So hat sie eine Soziologie urbaner Trendsetter geschaffen: Selbstbewusst präsentieren sich die jungen Großstädter in Kleidung, die globale Poptrends, lokale Einschläge und individuelle Gags spielerisch kombiniert (Edition: 10, 1600-3300 €). Mlangeni widmet sein Schwarzweiß-Debut „unsichtbaren Frauen“ („Invisible Women“, 2006): Reinigungskräften auf ihren nächtlichen Touren durch die Straßen von Johannesburg. Neben Müllsäcken und auf einer Bank hat er sie aufgenommen, vor allem aber in Aktion. Bewegungsunschärfe lässt die Frauen wie Balletttänzerinnen aussehen, die anmutig mit dem Besen über das Pflaster wirbeln – eine ungewöhnliche Würdigung ihrer harten Arbeit (Edition 3/10, je 1200 €).

Der Sinn solcher Länderschauen ist schon oft angezweifelt worden, hier jedoch mag die thematische und formale Zuspitzung den Fokus rechtfertigen. Zudem sind die Teilnehmer international so erfolgreich, dass ihnen ein Länderlabel bereits egal sein kann – Mikhael Subotzky etwa stellt derzeit am New Yorker MoMA aus, Pieter Hugo hat unter anderem 2006 den World Press Photo Wettbewerb im Bereich Porträt gewonnen. Mit den Arbeiten der jungen Fotostars könnten die Galeristen also ganz gut über den Winter nach dem Finanzcrash kommen. Ein Nachsehen haben die Stammkünstler der Galerie, die hier bis Mitte März nicht ausstellen werden.

Galerie Kuckei + Kuckei, Linienstraße 158; bis 20. Dezember, Di-Fr 11-18, Sa 11-17 Uhr. Der zweite Teil „Why not?“ wird am 24 Januar eröffnet.

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