Kultur : Lass’ mich deine Festplatte sein „Kleine Eheverbrechen“ am Kudamm-Theater

Christine Wahl

Wohl dem, der eine Zwei-Etagen-Wohnung hat. Ein häuslicher Treppensturz erspart nämlich die Paartherapie. Mit dieser richtungsweisenden Erkenntnis wartet Eric-Emmanuel Schmitts Stück „Kleine Eheverbrechen“ auf, das Fred Berndt jetzt im Theater am Kurfürstendamm inszenierte. Denn nachdem der Krimiautor Gilles Andary in seiner Luxus-Behausung mysteriös zu Fall gekommen und mit Amnesie aus dem Krankenhaus heimgekehrt ist, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als mit seiner Frau Lisa die Szenen einer zwanzigjährigen Ehe minuziös neu aufzurollen. Logisch, dass er ihr die Rekonstruktion seines Egos nur äußerst ungern überlässt. Denn logisch auch, dass sie die Gelegenheit, endlich einen Gatten nach ihrem Bilde zu formen, nicht leichtfertig verstreichen lässt: „Ich verwirkliche den Traum jeder Frau, ihren Mann nach zwanzig Jahren Ehe abzurichten“, lautet das erklärte Ziel.

Weil wir es mit einer Boulevard-Komödie zu tun haben und der Autor sein Genre beherrscht, lässt er als Nächstes berechtigte Zweifel an der Amnesie-Diagnose aufkommen und hält das Spiel, wer was weiß und wem warum falsche Tatsachen vorgaukelt, pointensicher in der Schwebe. Edward Albees Ehekriegsklassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf...?“ stürzt Schmitt natürlich nicht vom Thron. Aber die feine Dramaturgie eines Machtspiels vom punktgenau platzierten Verbalschlag über den Heulkrampf und das spontane Liebesbekenntnis bis zum erneuten Angriff reizt er gekonnt aus. Leider verschütten die beiden Darsteller, Maria Hartmann und Winfried Glatzeder, so manche Nuance unter allzu plakativem Ausdruckswillen. Mit hohem Körpereinsatz turnen sie auf Sofas, springen in defizitäre Sessel, werfen sich in Tango-Posen – und wirken doch selten wie ein mit- und gegeneinander ringendes Ehepaar mit Happy-End-Aussicht. Mitunter spielen sie nebeneinander her, als ständen Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“ auf dem Plan. So bleibt der Ehekampf über weite Strecken Behauptung.

bis 17. Juli, Di–Sa 20, So 18 Uhr

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