Kultur : Lass mich ein Hitler sein

„Wonderyears“(2): Israels Kunst und die Shoah – eine Ausstellung

Oliver Heilwagen

Gibt es etwas Provokanteres als das: im Land der Shoah-Überlebenden mit der Ikonographie des Nationalsozialismus zu spielen? Selbst ein Publikum, das sich an Schockeffekte aller Art gewöhnt hat, lässt sich mit diesem neuerlichen Angriff aus der Reserve locken – worum sich 23 israelische Künstler, die mit „Wonderyears“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) und im Künstlerhaus Bethanien vorgestellt werden, eifrig bemühen: Zoya Cherkassky bildet den Judenstern als Goldbrosche nach und drapiert ihn wie edlen Schmuck auf schwarzem Samt. Tamy BenTor tritt in ihren Videos als „Hitler-Sister“ mit angeklebtem Schnäuzer auf und singt kindische Abzählreime. Avi Pitchon tapeziert eine ganze Wand mit dem Foto einer behaarten Brust, in die das Wort „Gesamtkunstwerk“ in Runenlettern tätowiert ist. Dazu erklingen Arien aus Wagner-Opern. Und Roee Rosen füllt den NGBK-Saal mit einer Monumentalinstallation aus Texten, Zeichnungen und Scherenschnitten, die den Betrachter einladen, Hitlers Alltag aus der Perspektive seiner Geliebten Eva Braun zu betrachten.

Mission erfüllt: Als Rosens Werk 1997 zum ersten Mal in Israel zu sehen war, beschäftigte dies sogar die Knesset. Sein Tabubruch habe, so die Kuratoren der Schau, einer Generation junger Künstler ermöglicht, sich in ihren Arbeiten mit der Funktion der Shoah als Gründungsmythos für den Staat Israel auseinander setzen: „Wonderyears“ sind denn auch die Jahre des Heranwachsens. Nun ist die künstlerische Verfremdung nationalsozialistischer Symbolik nicht neu. Bereits 1996 entfachte der Pole Zbigniew Liberas einen kleinen Skandal, als er mit Lego- Bausteinen ein Miniatur-KZ aufbaute. Und der Belgier Luc Tuymans übermalte Aufnahmen aus der NS-Zeit, um mit ironischen Bildlegenden Momente des Erschreckens auszulösen. Diese auf den ersten Blick zynischen Strategien verfolgen allerdings eine zweischneidige Absicht, die auf alles andere als auf Beliebigkeit zielt: Sie wollen die Bilderwelt des Faschismus vor der Inflationierung im Medienbetrieb bewahren. Dem Gedenken an die Opfer des Nazi-Terrors soll die Dignität des Einzigartigen erhalten bleiben. Dem schließen sich die israelischen Künstler nicht an: Nicht Sakralisierung, sondern Banalisierung des Bösen ist ihr Ziel. Leben sie doch in einem Land, in dem die Erinnerung an Hitler und seinen Völkermord an den Juden ohnehin allgegenwärtig ist.

Davon zeugen die Videos von Doron Solomons und Yael Bartana: Sie zeigen die Schweigeminuten am Shoah- und Soldaten- Gedenktag, in denen landesweit die Menschen inne halten. Eine Gesellschaft im Bann vergangenen Grauens, das ständig herbeizitiert wird, um gegenwärtige Politik wie das Besatzungsregime in Palästina zu rechtfertigen. Vadim Levins Film „Soldaten-Apokalypse“, der den Kult um heroische Landesverteidiger in seiner israelischen wie sowjetischen Lesart persifliert, geht noch darüber hinaus. Die gezeigten Arbeiten wirken wie israelische Varianten der Soz-Art: Sie tauchte in einer Phase auf, in der die Embleme totalitärer Ideologie noch überall präsent waren, sie aber ihre Wirkungsmacht über die Gemüter allmählich verloren. Und es gelang ihr, diese Zeichen durch Vulgarisierung dauerhaft zu entzaubern.

Bis 1. Juni tägl. 12 bis 18 Uhr 30 in der Berliner NGBK (Oranienstraße 25), und im Bethanien (Mariannenplatz 2). Katalog: 12 Euro.

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