Kultur : Lass’ uns drüber reden

Berlins Volksbühne zelebriert auch in René Polleschs Prater-Saga die Magie der Verzweiflung

Peter Laudenbach

Der Titel der letzten Volksbühnen-Premiere in dieser Spielzeit ist symptomatisch: „Die Magie der Verzweiflung“ hatte Ende März im Prater Premiere. Es war das schlechteste Jahr, seit Frank Castorf das Theater übernommen hat. Vielleicht hilft wirklich nur noch Voodoo gegen das Gefühl, dass ein Ausnahme-Ensemble schon lange vor allem um sich selbst kreist. Wenn der Schauspieler Bernhard Schütz bei René Polleschs Prater-Inszenierung lustig improvisiert und etwas von einer „Eigen-Urin-Therapie gegen Fußpilz“ erzählt, denkt man unwillkürlich: genau. Genau das ist das Problem der Volksbühne im dreizehnten Castorf-Jahr: zu viel Eigen-Urin-Therapie.

Die Zeiten, in denen körpereigene Drogen gegen den Fußpilz eines traditionellen Theaters geholfen haben, sind erst einmal vorbei. Der Trick, Theaterkonventionen und gedankenarme Darstellungs-Routinen in die Luft zu jagen, indem Schauspieler sich selbst immer und zuallererst als autonome Persönlichkeiten ausstellen und mit ihren Rollen auf die rasanteste Weise machen, was sie wollen, ist selbst zur Konvention geworden.

Lauter alte Bekannte in den Volksbühnen- und Prater-Inszenierungen. Es ist ein schönes Wiedersehen mit tollen Schauspielern: Gerne erinnert man sich daran, was für aufregende, aberwitzige und komplizierte Abende man schon mit ihnen verbracht hat. Das Schönste an den neuen Begegnungen sind die Erinnerungen an die alten. So fühlt sich Melancholie an: Die Gegenwart wird zum Nachbeben einer bewegten Vergangenheit. Die Volksbühnen-Polemik, die sich besonders gerne und kraftvoll gegen die Selbstreferenz eines Theaters gerichtet hat, das sich ausschließlich auf den Binnenraum der Kunst bezieht und die außertheatralische Wirklichkeit bestenfalls als Vorwand oder austauschbaren Stoff für die eigenen Spiele der Autopoiesis zur Kenntnis nimmt – diese Polemik ist in die Selbstreferenz gekippt. Immer öfter hat man das Gefühl, alten Freunden bei einer Art von Selbstgespräch zuzusehen.

Es ist das Verdienst von Polleschs Inszenierung zum Abschluss seiner „Prater-Saga“, so gut wie alle strukturellen Probleme der in die Jahre gekommenen Volksbühnen-Ästhetik zu bündeln. Die Dialogrudimente der vier Darsteller arbeiten sich an dem Problem ab, ob sich im Leben wirklich alles nur um die Frage, „warum fickst du mich nicht“ dreht. Es geht um Heiratsversuche, um die Behauptung, die Liebe sei nur eine Form „gemeinsamer Gelderzeugung“ sowie um Polleschs Parole vom „diskreten Charme der globalen Scheiße“.

Wenn Bernhard Schütz Zungenküsse mit einem süßen, kleinen Hund austauscht und selbst anschließend so tut, als sei er ein Hund, der seinem Herrchen schwanzwedelnd die Zeitung bringt, ist das schon ziemlich komisch. Aber natürlich sind all die Schrumpfvarianten von Beziehungsgefechten und das kapitalismuskritische Geplapper nicht viel mehr als ein Vorwand, um zum eigentlichen Thema vorzustoßen. Und das eigentliche Thema des Pollesch-Theaters ist das Pollesch-Theater.

So ist es nur ehrlich, wenn eine Schauspielerin mit rosa Pelzstola und Whisky-Glas lässig im Türrahmen lehnt und zugibt, keinen Sinn mehr darin zu sehen, „irgendwelche Handlungen zu verkaufen, die ich nicht verstehe“. Nur die Schlüsse, die sie aus diesem Überdruss zieht, sind bedenklich: „Ich will lieber einen Pilz spielen als Nora. Nur meine Verzweiflung als Pilz wollen die Leute sehen.“ Wenn sie sich da mal nicht täuscht.

Der Künstler-Narzissmus als dekadentes Spiel einer subventionierten Kulturlinken, für die neue Armut und soziale Spaltung der Gesellschaft bestenfalls ein fernes Gerücht zu sein scheinen: Indem Polleschs Theater den eigenen Autismus ehrlich ausstellt, bringt es die Probleme der Volksbühne vernichtender auf den Punkt, als jede Kritik von außen es könnte. Kein Wunder, dass im Zentrum dieses jüngsten Prater-Saga-Abends eine Art Bekennerschreiben von Bernhard Schütz steht. Lautstark berauscht er sich daran, dass die „Volksbühnen-Schauspieler alles zum Verschwinden bringen, Regisseure, Stücke, Holländer, Schweizer, wir treiben sie alle zurück in’s Meer“.

Johan Simons und Stefan Bachmann, die beiden Regisseure, die an der Volksbühne in den letzten Monaten an sich, am Ensemble, vielleicht auch an Bernhard Schütz gescheitert sind, kommen aus Holland und der Schweiz. Schütz in sektentypischer Selbstüberschätzung: „Wir sind das Theater-Schafott von Deutschland! Wir kriegen euch alle!“ Große Töne. Außerhalb der Kantine werden sie niemanden interessieren. In einem Land, indem die meisten Menschen andere Sorgen haben als die Frage, ob sie Nora oder Pilze sehen wollen, wirkt das eitle Gefuchtel mit dem „Theater-Schafott“ nur kindisch.

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