Kultur : Lasst es!

Einspruch gegen die Hohenzollern-Restauration

Caroline Fetscher

Deutsche Nervosität: Seit 1945 gesellte sich ihr – in West wie Ost – die Dimension eines Etwas-lief-schief-Gefühls hinzu. Fortan hielt sich die Baustelle Deutschland zurück mit Nation und Pathos. Allenfalls war es im Osten erlaubt, fahnenschwenkend Völkerfreundschaft zu beschwören, und auch auf allzu pompöse Bauwerke wurde verzichtet, abgesehen von jener endlosen Betonmauer, die irgendwann fiel. Plötzlich nähten sie da in den Fahnenfabriken schwarz rot-goldene Textilstreifen zusammen, und daneben entstand eine neue Riesenbaustelle Deutschland. Hier träumte der Kanzler der Einheit von einem Amtssitz mit saudischen Ausmaßen an der Spree – und Mitte der Neunziger kam die Rede auf das verschwundene Stadtschloss der Hohenzollern.

Wo war es? Abgerissen von DDR-Banausen, ersetzt durch den Palast der Republik. Ein wilder Plan gedieh: Reißen wir den doch ab und bauen stattdessen das Stadtschloss wieder auf! Lassen wir den Film doch einfach rückwärts laufen. Bei dem Wort „rückwärts“ erschrak schon kaum mehr jemand.

Baustelle ist immer nötig, wenn etwas Neues passieren soll. Was aber, wenn sie sich als prekäre Restaurationsbaustelle erweist? Dann läuft wieder etwas massiv schief, diesmal auf der symbolischen Ebene. Größtes aktuelles Projekt der Selbstkonstruktion ist das Stadtschloss, der Plan einer fatalen Rekonstruktion. Im Zentrum der Hauptstadt des größten Staates der Europäischen Union soll ein Hohenzollern-Palast neu errichtet werden, als historistische Attrappe, als Remake eines Baus der Feudalzeit, schweres Zeichen und keineswegs ironisch reflektiertes Zitat.

Es sieht so aus, als beweise sich hier in nuce die zeitgenössische Nervosität im Umgang mit den Epochen der Nicht-Demokratie. Dazu gehört die neue, selbstbewusste Art, in der wir mit dem Zivilisationsbruch umgehen („Hitler als Mensch“ in „Der Untergang“), der Vergangenheit des raubmordenden „Dritten Reiches“, das außerhalb des Musealen und Akademischen vor allem fernsehtauglich von Guido Knopp formatiert auftaucht. Zusätzlich diagnostizieren wir ein Verdrängungsverfahren per Abriss. So sollen mit dem Palast der Republik signifikante Spolien der vergleichsweise harmlosen, aber nicht zu verharmlosenden Nachkriegsdiktatur DDR gelöscht werden, im wahren Wortsinn vom Erdboden getilgt, von Bulldozern, die das Parlament entsendet.

Das hat Symbolcharakter: In der Hauptstadt verzichtet man auf Inspiration, etwa durch einen internationalen Architekten-Wettbewerb für einen Bau nach Art des Guggenheim-Museums. Ignoriert wird auch die produktive Idee, eine DDR-Ausstellung in einem verfremdeten Palast der Republik einzurichten. Nein, man setzt auf das Exhumieren einer architektonischen Leiche; auf seine Weise entspricht das Projekt der Großen Koalition: parteienübergreifend, konsensfähig, von links bis rechts immer rein nach Mitte. Schon Ex-Kanzler Schröder wünschte sich, wenn er aus dem Fenster sähe, ein Stadtschloss zu erblicken. Cui bono?

Darum geht es. Zweierlei Begehren steckt im Stadtschloss-Phantasma. Die Sehnsucht nach etwas „Erhabenem“, einem gigantischen Zauberschloss, das mit dem Zeitsprung den Canyon leugnet, den der Zivilisationsbruch der Shoah bedeutet hat. Die infantile Perfidie dieses Harry-Potter-Plans ist kaum zu unterschätzen. Es geht um das Emporschießen einer Kulisse für ein Deutschland, das sich gegen Fortschritt stemmt. Für diese Phantasmagorie werden in Berlins Sparkassen Spendendosen aufgestellt, für das psychische Winterhilfswerk der Gesellschaft der Gegenwart.

Zweitens ist da das Begehren, mit dem physischen Ausradieren der „sowjetischen Kaaba“ im Zentrum, dem Abriss des Palasts der Republik, einen weiteren Teil der deutschen Geschichte, eins der Herzstücke der DDR, ein für allemal loszuwerden. Hierbei soll das „andere Deutschland“ allmählich im Orkus des Vergessens verschwinden. Man will verdrängen, was einmal da war, vom Spießigsten bis zum verzagt Utopischen, das ja auch im Palast – so lose wie staatstragend – umhertrudelte.

Dem Milliarden-Vorhaben geht es darum, den Ballast der Republik loszuwerden, ein hochpolitischer Prozess der Leugnung, ein Skandalon. Wie radikal anders, wie kreativ sich mit dem Palast verfahren ließe, beweist schon das Projekt White Cube, der Riesenraum im Raum, den Künstler und Kuratoren vorübergehend im Kern des Ex-DDR-Kerns untergebracht haben. Im White Cube entstand ein Freiraum, der sich ohne Pathos beidem widersetzte: den tristen Trümmern der DDR-Vergangenheit und der verlogenen Baustelle der Zukunft. In diesem Raum schien alles möglich, jede Idee, Kritik, Position, Option.

Wer den White Cube mit offenen Augen besucht hat, dem ist umso zorniger bewusst, was das Stadtschloss in erster Linie symbolisiert: das gezielte Auslöschen von Möglichkeiten. Bleibt also nur Melancholie? Das wäre Aufgeben vor der reaktionären Strömung. Lieber wenigstens nicht nachlassen, den Architekturwettbewerb zu fordern. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn diese Herausforderung die Top-Architekten nicht zum kreativen Aufstand animiert. Der größte Trost ist, dass das Ding für die marode Kasse der Republik schlicht zu teuer und vermutlich Bauruine bleiben wird. Die würde sicher irgendwann ihrerseits Künstler inspirieren. Doch das bleibt fürs Erste das Ende vom Trost.

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