Kultur : Laßt Füße sprechen

JAN SCHULZ-OJALA

Der Mann ist ein bißchen über 40, hat einen guten Job und pendelt täglich mit dem Fahrrad zum Bahnhof, am immergleichen Jogger vorbei, und von dort mit dem Vorortzug zur Arbeit und abends nach Hause.Wir wissen von ihm nicht mehr als ein paar Daten (und vielleicht weiß auch er selbst von sich nicht viel mehr): mit 28 geheiratet, mit 31 Töchterchen gekriegt, und mit 40 ist er mit Kleinfamilie ins eigene Haus eingezogen.Doch nun: Eines Abends auf der Rückfahrt sieht er am Fenster einer Tanzschule eine sehr schöne Frau stehen.Er sieht sie wieder und wieder - und bevor sie zu der immergleichen schönen Frau wird, die am Fenster einer Tanzschule steht und ihn, den Pendler, nicht sieht, steigt er aus.Er steigt aus, in letzter Sekunde, steht auf dem Bahnsteig und wagt etwas, das wir - einmal ganz mutig - sein neues Leben nennen wollen.

Ein Dutzendschicksal, ein Dutzendeinstieg - in eine Geschichte, in einen Roman, einen Film: wieder einmal die klitzekleine Begebenheit, die den entfremdet lebenden Menschen mit sich selbst bekannt macht, und auf einmal erfährt er den Einbruch des Unerhörten in die übrige Zeit.Der Plot könnte in einen Thriller führen, in eine Tragikomödie oder, am wahrscheinlichsten, in eine Love Story, der es an Herzensschmalz und Tränensalz nicht fehlt.Die Erwartung, die Versuchung und - vielleicht - die Erfüllung.Und, zum Abspann: Violinkonzert in Schnee-Moll.Diese Geschichte aber spielt in Japan, einem Land, das körperliche Berührung (abgesehen vom Ehepartner) und seelische Erkundung (auch des Ehepartners) fast unter Strafe stellt, einem Land, das Tanzhallen fast wie Striplokale ächtet und den Besuch einer Tanzschule stigmatisiert wie einen Gang zum Pornoshop.Und, siehe da, der Dutzendeinstieg führt in eine fremde Welt, an deren Andersartigkeit wir umso exakter das Eigene ablesen können.

Der erste Zauber von "Shall we dance?": Der Film schmiegt sich jeder Wahrnehmung an.In Japan mag er in erster Linie als Gesellschaftsbild gedeutet werden, als - milde, aber nachdrückliche - Kritik an sozialen Regeln, erfunden zur Einschüchterung und langsamen seelischen Verkrüppelung des Individuums.Man kann, schlichter besaitet, den Film ebenso mit Gewinn als Tanzfilm nehmen, auch wenn in ihm keineswegs neue Tanzstile zum Durchbruch kommen, sondern allenfalls - aus der Ungelenkigkeit sich selbst fremd gewordener Körper - Walzer, Foxtrott und Tango.Doch im euroamerikanischen Westen wird man "Shall we Dance?" wohl vor allem als Liebesfilm sehen, in dem von Liebe freilich kaum die Rede ist; ja, daß er evidente Sexualität vollends ausspart, während seine ganze Energie von zurückgehaltenen Liebesbekenntnissen geradezu durchglüht scheint - wirkt dies nicht sogar als wohltuender Kontrapunkt zu ermüdend ausgeschöpften Seherfahrungen? Vielleicht aber ist "Shall we dance?", geschrieben und inszeniert von dem außerhalb Japans noch kaum bekannten Masayuki Suo, daneben und vor allem ein philosophischer Film: Denn so wie seine Heiterkeit nie ohne Melancholie daherkommt und seine Melancholie immer auch zart benetzt ist von Heiterkeit, so durchdringen sich in ihm Kunst und Leben auf wunderbare Weise.

Denn die schöne Mai dort oben am Fenster (die in Japan bekannte Ballettänzerin Tamiyo Kusakari in ihrer ersten Kinorolle) lebt wie eine Gefangene der Kunst.Nachdem sie einst bei einem Weltturnier in Blackpool gestürzt und ausgeschieden war, hat der Vater sie zur Arbeit in seiner Tanzschule verbannt.Annäherungsversuche von Schülern, zu denen alsbald auch der sich vor Sehnsucht verzehrende Durchschnittsangestellte Shohei (Koji Yakusho) gehört, lehnt sie grundsätzlich ab: eine Nonne, eine Heilige, eine lebendig Begrabene, einzig der Tanzkunst geweiht.Shohei gewinnt dennoch ihre Aufmerksamkeit, ja, sagen wir es mir zarter Vorsicht, ihre Liebe: Denn statt nach der Zurückweisung das Tanzen, das bis dahin Mittel zum Eroberungszweck war, aufzugeben, stürzt er sich nun ins Tanzen an sich.Und indem er ihr Kunst-Gesetz auch für sich annimmt, öffnet und befreit er am Ende auch sie wieder für das Leben.

Das tönt irgendwie künstlich, nicht wahr? Und ist doch in diesem Film von unaufwendiger, kristallklarer, tiefer Stimmigkeit."Shall we dance?" lebt von einem behutsamen Rhythmus, von präziser Führung seiner sanften Haupt- und kraftvollen Nebenpersonen, vor allem aber von Bildern, die sich frei von Pathos ins Gedächtnis zaubern.Nie kommt die Kamera (Naoki Kayano) ihren Figuren zu nahe, immer deutet sie sie - auch - durch den Raum, der sie umgibt.Die irgendwann unausweichliche Lebensbeichte der Tänzerin, dieser niemals lächelnden Mona Lisa: das Sprechen einer Frau in einem großen, plötzlich schäbig wirkenden Übungssaal, und die Kamera nimmt die Position des gebannten, aus notwendiger Entfernung zuhörenden Mannes ein.Ihre Erinnerung an die erste Nähe, die sie zu diesem Fremden spürte: Sie tritt ans Fenster, und das einmal schon gezeigte Bild, das eine andere Filmsprache flink als Rückblende zwischenschneiden würde, ist ja in ihrem und seinem Kopf und in unseren Köpfen unverloren.Oder die - späte, herzzerreißend würdevolle - Aussprache zwischen Shohei und seiner Frau: keine hektisch wechselnden Close-Ups, sondern irgendwann ein Standpunktwechsel zwischen zwei voneinander Abgewandten, in eine Leere Sprechenden, die sich langsam mit Begreifen füllt.Und die phantastische Schlußszene.Und und und.Kein Drama.Alles Drama.

"Shall we dance?" ist ein Film, in den man sich nicht verliebt (um ihn alsbald einzutauschen gegen den nächsten Schmarrenschwarm), sondern den man zu lieben beginnt von Anfang an.Man wünscht sich, er liefe auf immer in einem Kino in der Nähe, zwecks Vergewisserung: einmal nicht mitgerissen werden irgendwohin, sondern willkommen sein, hier.Fast vergessen, wie sehr man das braucht.

Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kant, New York, Odeon (OmU), Scala

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