Kultur : Lasst keine Kindlein zu ihr kommen

Im Rheinsberger Schlosstheater hat die Pflege der Opern von Gluck Tradition: Jetzt kommt hier seine „Alceste“ zu neuen Ehren

Carsten Niemann

„Ist’s Deutschland wert, dass man noch Patriotismus für es habe? Und dieses großen Mannes, der jeden Gedanken bis in die kleinste Zehe fühlt, dessen ganze Seele, und gewiss eine starke Seele, in jedem Ausdruck ganz ist, der in jeden Charakter sich unzerteilt legt und wie der Mann selbst seufzt, tobt, verzweifelt?" Gewaltig ärgerte sich der junge Komponist Joseph Martin Kraus ein Jahr nach der Pariser Premiere von Glucks Reformoper „Alceste“ darüber, dass man sein Idol in der Heimat so wenig schätze. Zu den wenigen, die sich damals in Deutschland für Gluck stark machten, gehörte Prinz Heinrich in Rheinsberg. Er ließ damit den Geist der Rheinsberger „Fronde“ wehen – pflegte doch Heinrichs Bruder Friedrich II. in Berlin eben jene traditionelle Oper, die Gluck mit seinen Werken zu überwinden trachtete.

Beste Voraussetzungen für die Musikakademie Rheinsberg, sich mit der Aufführung der Alceste (in der Pariser Fassung von 1776) zu profilieren. Denn Gluck, der als so viel gelobter wie selten gespielter Säulenklassiker heute noch viel schlimmer verkannt wird als zu Lebzeiten, hat die leidenschaftliche Fürsprache jugendlicher Feuerköpfe dringend nötig. Mit Symeon Ioannidis hatte man einen Dirigenten gefunden, der sich dem Anspruch stellte, sich „in jeden Charakter unzerteilt zu legen“ und Gluck eben nicht als Klassizisten, sondern als Idol der Sturm- und Drang-Generation erlebbar zu machen.

Nicht ohne Risiko: verglich doch schon Gluck die Oper mit einem Fass hochkonzentrierten Eisweins „der zu gehaltvoll ist, als dass man viel davon trinken könnte“. Doch wenn es hier und da auch zu rhythmischen Schwankungen kam, so verzieh man dem trunkenen Kapellmeister mehr als den nüchternen, auf dem Takt beharrenden Solisten auf der Bühne. Unter ihnen gab es jedoch viel versprechende und den deutschen Text klar artikulierende Stimmen zu entdecken: Stefan K. Heilbachs Admet etwa hatte Kraft im Zorn und tenoralen Glanz in der Höhe, und auch Meik Schwalm als Herakles beeindruckte durch Präsenz und Resonanz seines raumfüllenden Baritons.

Im gestischen wie musikalischen Ausdruck hatten sie sich nur sehr oberflächlich mit dem – bei aller Leidenschaftlichkeit immer subtil empfindenden – 18.Jahrhundert auseinander gesetzt. Auch die Nebenrollen wie der Thanatos Ki-Yong Kim wirkten oft zu schwer für die kleinen Auftritte. „In jedem Ausdruck ganz“ zu sein, das war allein Christina Niessen vorbehalten, die als Alceste noch in der pathetischen Kraft ihrer Höhe zu Nuancen der Rührung fähig war, sowie dem vorbildlich einstudierten Chor.

Leider machte der Regisseur Georgios Kapaglou viele Wirkungen der Musiker zunichte: Statt auf die Kraft sparsamer Gesten oder poetischer Bilder (wie der sich unter Regenschirmen der Trauer schützenden Unterweltgestalten) zu verlassen, bebilderte er die Facetten von Alcestes Schmerz mit Plattitüden: Die aber hatte es nicht verdient, dass man ihr (wie einem schlechten Politiker!) jeden Augenblick Kinder zum Kopftätscheln auf den Hals schickte.

Weitere Aufführungen: 11. und 12., 24., 25. und 30. April sowie 1. und 2. Mai. Infos unter: www.schlosstheater-rheinsberg.de

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