Kultur : Lasst Türen schlagen

Ayckbourn, hilf: Dem Privattheater Tribüne droht das Aus. Wie wär’s mit einer Zeitmaschine?

Christine Wahl

Ein Londoner Hotel im Jahre 2025. Der Millionär Reece hat sich eine Domina in seine Nobel-Suite bestellt. Da er quasi stündlich mit einem tödlichen Herzinfarkt rechnet, erwartet er allerdings keine sexuelle Dienstleistung. Stattdessen soll die Domina ein Geständnis bezeugen: Reece hat vor Jahren seine erste und seine zweite Ehefrau, Ruella, von einem Geschäftspartner umbringen lassen. Und da, wie es die Komödiengesetze wollen, der nebenberufliche Killer prompt in der Suite auftaucht, flüchtet die Domina in den Kleiderschrank und stellt fest, dass dessen Tür eine Art Zeitmaschine ist: Sie findet sich zwanzig Jahre früher in derselben Suite wieder und versucht, die ahnungslos todgeweihte Ruella zu warnen.

Die reichlich frequentierte Schranktür, die bei jeder Zeitreise blinkt und tönt wie das Hexenhäuschen im Weihnachtsmärchen, hätte man sich etwas abstrakter gewünscht. Im Großen und Ganzen aber ist der Tribüne mit Alan Ayckbourns „Doppeltüren“ in Folke Brabands Regie gutes Boulevardt-Theater mit zwei wunderbaren Hauptdarstellerinnen gelungen: mit Magdalene Artelt und Doris Prilop.

Dass das Publikum anschließend ausdauernd applaudiert, hat aber noch einen zweiten Grund: Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, hat die von Thomas Flierl bestellte Jury zur Evaluation privatrechtlich organisierter Theater empfohlen, die Tribüne, die bis dato jährlich 818100 Euro erhalten hatte, ab 2007 nicht weiter zu unterstützen.

Alan Ayckbourns Komödie lebt davon, dass es jeden, der durch die Zeittür tritt, in ein günstigeres Jahr verschlägt: Nehmen wir also an, auch die Geschichte der Tribüne wäre ein Ayckbourn-Stück. Dann würde der Dramatiker mit Sicherheit zunächst einmal die Tür zum Gründungsjahr 1919 aufstoßen. Dort könnte man Else Lasker-Schüler oder Stefan Zweig bei Lesungen aus ihren jüngsten Werken lauschen, die Berliner Dadaisten um George Grosz , John Heartfield, Wieland Herzfelde und Co. treffen und dem jungen Fritz Kortner zu Füßen liegen, der im ersten großen Tribünen-Erfolg – Ernst Tollers „Die Wandlung“ – die Hauptrolle spielte.

Ein „Theater neuer Form“, das dem „veränderten Zeitbewusstein“ ästhetisch Rechnung tragen sollte, hatte die politisch-expressionistische Bühne, eines der traditionsreichsten Privattheater der Stadt, im Sinn. Leider wurde das Projekt bald von wirtschaftlichen Zwängen niedergestreckt: Bereits im Dezember des selben Jahres übernahm ein Unterhaltungstheater-Fachmann, Eugen Robert, das Zepter und leistete sich bis 1933 neben dem Boulevard auch ab und zu Inszenierungen von Erwin Piscator oder Jürgen Fehling – was der Tribüne Auftritte von Heinrich George oder der jungen Marlene Dietrich bescherte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Tribüne das erste Berliner Theater, das – unter der Leitung Victor de Kowas – wiedereröffnet wurde.

In der jüngeren Gegenwart hingegen würde man wohl vor allem einen Trip ins Jahr 1999 wagen, mit Folke Brabands Inszenierung „Ladies Night“ nach dem britischen Filmerfolg „Ganz oder gar nicht“: Mit den strippenden Stahlarbeitern landete das Haus – seit 1972 von Rainer Behrend und Ingrid Keller geleitet und auf gehobeneres Unterhaltungstheater mit gelegentlichem sozialkritischen Anspruch abonniert – nicht nur einen Publikums-, sondern auch einen einhelligen Kritikererfolg. Würde man allerdings nur ein Jahr weiter in die Geschichte zurückgehen, ins Jahr 1998, landete man bei dem seinerzeit in der gesamten Theaterszene gefürchteten Stolzenberg-Gutachten, das schon einmal den Förderwegfall der Tribüne empfahl.

Die jetzige Jury bezieht sich auf dieses Gutachten und führt vor allem zwei Argumente ins Feld: Zum Ersten sind die Auslastungszahlen zwischen 2000 und 2005 kontinuierlich gesunken – von 62,5 auf 36,3 Prozent: ein unbestreitbares Problem. Zum Zweiten bemängeln die Gutachter, dass der Spielplan sich thematisch wie ästhetisch mit anderen Unterhaltungsbühnen wie dem Renaissance- oder gar den Ku’damm-Theatern überschneide; sie vermissen ein „eigenes, unverwechselbares Profil“. In der Ayckbourn-Komödie würde jetzt umgehend das Schranktürchen leuchten und das Renaissance-Team ins Jahr 2001 zurückbeamen. Denn im Vorgänger-Gutachten, der Evaluation für den Zeitraum 2003 bis 2006, wird die Tribüne gerade für seine „eigene Note kritisch-unterhaltsamer Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist“ gelobt und für eine Aufstockung des Förderbetrages empfohlen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Jury hat in dem ihr auferlegten Rahmen – nämlich insgesamt eine Million des bisherigen Etats für die Konzeptförderung der privatrechtlich organisierten Theater und Gruppen einzusparen – viele kluge Entscheidungen getroffen; und Debatten über das Profil und die Leistungsfähigkeit von Theatern sind notwendig. Nur zeigt das Hin und Her bei der Einschätzung der Tribüne ein generelles Problem, das die Jury selbst benannt hat: Das halbe Jahr, das den Gutachtern zur Verfügung stand, ist eine an der Grenze der Verantwortbarkeit rangierende knappe Bewertungsbasis.

Für die Tribüne dürfte der Wegfall öffentlicher Subventionen das Aus bedeuten. Der Bescheid kommt zu einem besonders schwierigen Zeitpunkt: Behrend und Keller hatten gerade ihren Rückzug zugunsten eines jüngeren Leitungsteams geplant, das bereits ein Konzept zur Auslastungssteigerung und Spielplanprofilierung erarbeitet hat.

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