Kultur : Lasst uns einen Wodka trinken

Zum 85. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki

Marius Meller

Ein unbestreitbarer Vorteil der angeblich katastrophalen demografischen Entwicklung ist, dass man sich künftig gut mit 85-Jährigen, mit 102-Jährigen unterhalten kann. Meistens sind sie interessanter als Jüngere. Und die 80-Jährigen sprechen offen zu den Jungen, weil sie noch zu wenige sind, um ganz unter sich bleiben zu können. Nicht etwa, weil sie die Jugend so faszinierend fänden.

Marcel Reich-Ranicki, der heute seinen 85. Geburtstag feiert, antwortete jüngst auf die Frage nach seinem Verhältnis zu den jüngeren Generationen: „Wissen Sie: Muss ich mich für das interessieren, was junge Menschen denken? Die sollen sich dafür interessieren, was ich mache. Nicht umgekehrt.“

Inzwischen soll es junge Menschen geben, die sich nur noch ganz selten mit Gleichaltrigen unterhalten. Die Avantgarde von heute ist Anfang zwanzig und süchtig nach Zeitzeugen-TV.

Es ist gar nicht wahr, dass Reich-Ranicki der „meistgehasste Literaturkritiker“ (Joachim Kaiser) ist. Die Zankerei mit Martin Walser, Joachim Fest – das ist so ein Männerding. Das hat mit dem Literaturbetrieb wahrscheinlich gar nichts zu tun. Wahrscheinlich ist auch der Streit mit Sigrid Löffler irgendwie ein Männerding. Im „Spiegel“ hat er diese Woche die versöhnliche Hand in Richtung Walser und Fest ausgestreckt, nachdem er sich in den letzten Monaten mit Günter Grass und Walter Jens versöhnt hatte.

Die Franzosen Osteuropas, die Polen, haben einfach mehr Leichtigkeit als wir Deutschen. Marcel Reich-Ranicki: „Wenn in Polen zwei Literaten zerstritten sind, kann es passieren, dass sie sich nach einem Jahr in Warschau zufällig treffen, und einer sagt: ,Es reicht. Lass uns einen Wodka trinken!’ Und alles ist vorbei. Das finde ich vernünftig, weil wir nur einmal auf Erden leben.“

Alle also lieben ihn. Auch im Literaturbetrieb. Sein unverwechselbarer Stil bildet einen liebenswerten Sprachkörper. Im Grunde war es doch schon in den Sechzigern so: Wurde man als Jungschriftsteller von MRR verrissen, war es eine Ehre, aber vor allem eine Bestätigung der eigenen Vorstellung von Avanciertheit. Und bei einem Lob? Mindestens fünftausend verkaufte Bücher, wahrscheinlich viel, viel mehr. Diese Verkaufsversicherung gibt es heute nur noch bei Elke Heidenreich.

Böse Zungen behaupten, er sei – wie Heidenreich – gar kein Kritiker. Er sei geblendet vom literarischen Genussaspekt und unempfänglich für die Tiefenstrukturen der Texte. Das ist falsch. Auch der Spezialist für psychologische Oberflächen ist ein Medium in Sachen Textqualität. Die hermetischen Aspekte bleiben ihm begrifflich verschlossen, aber durch eine unsichtbare Hand wird er von ihnen geleitet. Noch in seinem eklatanten Fehlurteil zu Robert Musil und dessen „Mann ohne Eigenschaften“ behält MRR auf seine Art Recht. Der Kritiker bekennt einfach, dass er nicht zur Zielgruppe gehören will.

Sein Leben ist Legende. Seine Autobiografie „Mein Leben“ millionenfach verkauft und unbestritten anerkannt als ein zentrales Dokument der literarischen Bundesrepublik und seiner düsteren Vorgeschichte. Demnächst soll ein Doku-Drama gedreht werden, möglicherweise von Heinrich Breloer. Heute und in Zukunft werden wir Marcel Reich-Ranicki verehren als das machtvollste Medium der literarischen Bundesrepublik.

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