Kultur : Lasst uns nicht mit unseren Politikern alleine

Warum ich gegen einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine bin / Von Serhij Zhadan.

Boulevard der Träume. Straßenszene aus Kiew mit den Euro-Maskottchen Slavek und Slavko.Foto: Jens Kalaene, dpa
Boulevard der Träume. Straßenszene aus Kiew mit den Euro-Maskottchen Slavek und Slavko.Foto: Jens Kalaene, dpaFoto: dpa

Wie fröhlich und feierlich ist uns die Zukunft vor fünf Jahren erschienen. Politischer Durchbruch. Wirtschaftswunder. Fußball-Boom. Die Ukraine bekam die Europameisterschaft 2012 zugesprochen – ist das nicht der Traum eines jeden Bürgers dieses sympathischen Landes, der sich zumindest ein wenig für Fußball begeistern kann? Ist das nicht alles, wovon Anhänger der Nationalmannschaft träumen, die ihr selbst nach niederschmetternden Niederlagen die Treue gehalten haben? Es hat diesen Moment gegeben, damals, als uns schien, alles habe sich zum Guten verändert, grundsätzlich und unumkehrbar. Solche Chancen kommen nur einmal im Leben. Andererseits: Wem Fußball egal ist, kann die ganze Aufregung vielleicht einfach nicht verstehen.

Fünf Jahre sind vergangen. Die Ukraine meldet gehorsamst, dass sie bereit ist für das Turnier. Die neuen Stadien erschrecken geradezu mit ihrer Sauberkeit. Die Hotels mit ihren Preisen. Die Hauptstraßen der Städte glänzen sauber geleckt, wie zu Zeiten der Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Schaut man Fernsehnachrichten oder liest eine Zeitung, könnte man glauben, Fußball sei zum Mittelpunkt unseres Lebens geworden. Über Fußball reden Minister und Gouverneure, Polizisten und Prostituierte, Schriftsteller und Müllmänner. Die Hysterie rund um den Ball wartet auf ihren großen Ausbruch – bis zum Turnier ist es nur noch ein Wimpernschlag, es gibt kein zurück mehr – und die Ukraine ist in ihrem Verhältnis zur Europameisterschaft wieder gespalten, auseinandergebrochen wie die Titanic. Und sie sinkt genauso auf Grund, kommt auf dem Boden an, mit all ihren Widersprüchen und Gegensätzen. Das ist zumindest meine Meinung. Aber wie hat sich das Land tatsächlich in diesen fünf Jahren verändert? Was ist mit uns passiert in dieser Zeit? Und wo ist unsere Freude geblieben, unsere Euphorie?

Das Wunder ist leider ausgeblieben. Das politische, das wirtschaftliche und sogar das Fußball-Wunder. Auch wenn ich weiterhin – den Atem anhaltend – bereit bin, an die Unbesiegbarkeit der ukrainischen Auswahl zu glauben. Unser Land hat sich verändert und es ist leider nicht möglich, diese Veränderungen positiv zu beurteilen. Sogar die neuen Stadien und Flughäfen rufen statt Begeisterung eher Unbehagen hervor. Zu welchem Preis baute unser Land diese monströsen Bauten in so kurzer Zeit? Damals, vor fünf Jahren, konnte niemand vorhersehen, dass die kommende Meisterschaft so viele Skandale und Proteste hervorrufen würde, so viel beklemmende Unzufriedenheit. Unzufriedenheit vor allem mit der herrschenden Klasse, ihren zweifelhaften Entscheidungen, ihrer offensichtlichen Gier und Dummheit, ihren Versuchen, diese Europameisterschaft als riesige, kostenlose Werbeveranstaltung zu nutzen. Man könnte natürlich sagen, dass nicht wir, die Bürger, uns in diesen fünf Jahren verändert hätten, sondern die Regierung, aber das wäre Unsinn.

Diese Regierung ist nicht aus dem heiligen ukrainischen Himmel zu uns hinabgestiegen, sie wurde auch nicht von ausländischen Geheimdiensten geschickt, wir selbst haben sie gewählt und wundern uns nun: Wie konnte das alles nur passieren?

Die aktuellen politischen Verwerfungen rund um die Ukraine haben scheinbar nichts mit der Europameisterschaft zu tun. Klar ist: Das Turnier findet alle vier Jahre statt, so oder so, und welche Rolle spielt es schon, wo genau gespielt wird, im freiheitlich-liberalen Deutschland oder in der durch und durch korrupten Ukraine. Aber für uns ist es ein großer Unterschied, weil mit dem Boykott unserer Regierung durch europäische Politiker indirekt der Aufruf an die ganz gewöhnlichen Fans verbunden ist, nicht in die Ukraine zu fahren. Es wird scheinbar Druck ausgeübt auf unseren Präsidenten, unsere Elite, aber im Grunde genommen wird damit nur unser Land isoliert, womit der Versuch verbunden ist, uns alleine in diesen neuen, nutzlosen Stadien sitzen zu lassen.

Der Fußball ist zu einem Teil der großen Politik geworden. All unsere Hoffnungen auf sportliche Wiedergeburt sind zunächst zerschellt an der Mauer, die unsere national gesinnten Eliten errichtet haben. Zu dieser Mauer kommt nun noch eine nicht weniger massive Wand, die aus europäischem Pragmatismus und den doppelten Standards des Westens gebaut wurde. Was nun passiert, kann niemand vorhersagen. Im Grunde genommen meinen alle, die heute über die Europameisterschaft reden, vor allem horrende Hotelpreise und den „Fall Timoschenko“. Und schon morgen kann sich aus diesem Turnier heraus ein gewaltiger gesellschaftlicher Kollaps entwickeln, der zu nachhaltigen Veränderungen im Leben unseres Landes führen wird. In jedem Fall wird es niemandem in der Ukraine gefallen, hinter einem neuen Eisernen Vorhang zu leben. Selbst wenn dieser wegen hehrer Ideale wie Demokratie und Menschenrechten errichtet wird.

Wahrscheinlich sind das Mieseste an dieser ganzen Geschichte mit der Europameisterschaft die ständigen Versuche unserer, und nun auch der ausländischen Politiker, das Turnier für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Es sind diese Versuche, die geradezu einen Wasserfall an Lügen und Propaganda erzeugt haben. Dazu all diese Manipulationen und Falschinformationen, der Zynismus, die Dreistheit und Inkompetenz in der Ukraine, die alle seit nun fünf Jahren mit der Euro begründet werden. Die ukrainische Regierung hat alles dafür getan, dass die Mehrheit der Bevölkerung kurz vor dem Eröffnungsspiel der Europameisterschaft wenn nicht aggressiv, dann doch ohne jeglichen Enthusiasmus gegenüber steht. Es ist im Grunde genommen die gleiche Einstellung, die der Regierung gegenüber an den Tag gelegt wird.

Die Fans aus Europa, die in die Ukraine kommen, werden von alldem eher wenig merken. Und das ist wahrscheinlich auch besser so. Den Ukrainern, die seinerzeit zur Weltmeisterschaft nach Deutschland aufgebrochen sind, war es auch egal, wer dort gerade regiert und wie die Perspektiven dieser Regierung bei der nächsten Wahl sind. Fußball – das ist ein Spiel der Mutigen und Abenteuerlustigen. Also nicht unbedingt derer, die sich um die Politik scheren.

Und es ist kaum anzunehmen, dass jemand den deutschen Fans in der Ukraine von der Politik erzählen wird. Obwohl ich mich schon frage, wovon die Ukrainer den ausländischen Gästen erzählen werden. Diese ganzen fünf Jahre hat sich die Ukraine dermaßen großspurig auf das Turnier vorbereitet, als würden die ihren Mannschaften hinterherreisenden Fans für immer bleiben. So baute die Verwaltung in Charkow eine Art Disney Land, in der Annahme, all die deutschen und niederländischen Fans kämen in die Ukraine, um Achterbahn zu fahren. Auf die Euro bereiten sich nicht nur die Helfer in den Stadien und die Mitarbeiter des öffentlichen Nahverkehrs vor.

Sondern auch die Museen und Galerien, große Gästehäuser und kleine Kurorte, die Musiker und die Poeten. Manchmal frage ich mich, was mit uns allen nach dem Ende des Turniers wird? Wohin dann mit all unseren Aufregungen und Beteuerungen, unseren Enttäuschungen und Depressionen und unserem Drang, wenigstens irgendetwas zu verändern? Wir alle wurden lange mit der Idee bombardiert, die Euro sei etwas so Großes, dass sie für alle reichen wird. Ich fürchte, dass sie für viele allein schon deshalb eine Enttäuschung wird, weil diese Feier wieder nicht in ihrer Straße stattfindet, weil sie wie immer außen vor bleiben werden. Andererseits, eine komplette Enttäuschung ist manchmal nützlicher als der Verbleib einer Restillusion, weil die Enttäuschung zu unmittelbaren Handlungen zwingt.

In Wirklichkeit ist es jedoch so, dass ich aus der Perspektive eines echten Fans spreche, wenn ich von der Europameisterschaft rede. Eines Fans, der sich seit Langem heiß und innig für Fußball interessiert. Ich befürchte, dass vielen meiner Landsleute all diese Probleme schlichtweg egal sind. So wie für sie keine Probleme mit der Pressefreiheit, der Korruption oder den aus politischen Gründen Inhaftierten existieren. Fußball ist eine sehr subjektive, persönliche Sache, und obwohl es nun ein Spiel der Millionen geworden ist, ist es vielleicht doch nicht dazu geeignet, einem ganzen Land Hoffnung zu geben oder diese zu nehmen. Denn während ein Teil der ukrainischen Bevölkerung ihren ganz persönlichen Fußball-Boom auslebt, versteht der andere gar nicht, was da auf den Plätzen so passiert. An diesen Ukrainern wird alles ruhig vorüberziehen. Wie eine Welle, die aus tausenden Hoffnungen, Erwartungen und Emotionen besteht. Eine Welle, die ganz in der Nähe ausrollt und doch so gar nichts mit einem selbst zu tun hat.

Serhij Zhadan, 38, ist Schriftsteller und Kapitän der ukrainischen Autoren-Fußballnationalmannschaft. Er wurde mit den Romanen „Depeche Mode“ und „Anarchy in the UKR“ bekannt und lebt in Charkow. Gerade hat er bei Suhrkamp das Buch „Totalniy Futbol: Eine polnisch-ukrainische Fußballreise“ herausgegeben. – Zhadans Text wurde von Nik Afanasjew übersetzt.

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