Kultur : Last Exit

Innensicht: Holger Janckes NVA-Film „Grenze“

Silvia Hallensleben

Während man in Berlin gerade heftig um das richtige Gedenken streitet, kommt pünktlich zum Jahrestag des Mauerfalls ein Dokumentarfilm ins Kino, der sich ohne viel Aufhebens auf die andere Seite des Schießbefehls begibt: Die Helden von „Grenze“ sind die Täterfiguren, die sonst im dunklen Hintergrund der Fluchtgeschichten unsichtbar bleiben. Nicht Honecker und Genossen, auch keiner, der wirklich einen Flüchtling auf dem Gewissen hat. Aber vier, die es hätten tun können: junge Männer, die an der deutsch-deutschen Grenze Wache schoben.

Sie nennen sich Lohengrin und Mückfried, Boja und LSD-Wölfi. Und sie waren wie Filmemacher Holger Jancke von Februar ’86 bis Sommer ’87 in Hötensleben bei Halberstadt stationiert. 545 Tage, die in quälendem Stillstand verstrichen. Denn der Grenzdienst bedeutete neben den üblichen Armeeschikanen auch Isolation von der Familie und lauernde Gefahr. Hier an der Front läuft der Kalte Krieg nämlich manchmal richtig heiß. Und die fünf hatten sich ja nicht freiwillig zur „Garde des Proletariats“ gemeldet, sondern waren gewöhnliche Wehrpflichtige: Angepasst genug, um die Verweigerung nicht zu riskieren; skeptisch genug, um dort auf Distanz zu bleiben, wo „die Verrückten am meisten zu sagen haben“, wie einer nach Hause schreibt.

Jetzt führt sie Jancke an den Orten zusammen, wo sie damals die Tage mit Waffenputzen und Nahkampftraining verbrachten. Und er hat auch den Gleichaltrigen aufgetrieben, dem hier in jenem Winter die Flucht gelang: ein Radikalverweigerer, jeglicher Autorität konsequent abhold. Auch im Westen scheint er bis heute am wenigsten Fuß gefasst zu haben. Doch das lässt sich nur ahnen, weil sich der Film so starr auf sein Sujet fixiert, dass ihn das Danach und Drumherum nur noch sehr beiläufig interessiert. Die Offiziere etwa, von denen einer jetzt an der Ostgrenze beim BGS Zuflucht gefunden hat. Und auch die afrikanischen Flüchtlinge, die jetzt in den Kasernen leben, bleiben merkwürdig stumm. Schade, denn aus der Verschränkung und Spiegelung der Welten hätte vielleicht ein wirklich großer Film werden können. So bleibt die „Grenze“ ein interessanter Inneneinblick in eine den meisten fremde Welt.

In Berlin in den Hackeschen Höfen

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