Lateinamerikanische Literatur : Wie viele einer sein kann

Der Traum der Vernunft gebiert so manche Ungeheuer: César Airas Roman „Der Literaturkongress“.

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Man stelle sich vor, ein deutscher Autor würde in einem Roman einen berühmten Nobelpreisträger klonen, also zum Beispiel Günter Grass. Die Sache würde aber schiefgehen, und anstelle des Dichter-Klons entstünden riesige, plumpe, schnauzbärtige Monster. Vermutlich würde so ein Buch im gewissenhaften deutschen Feuilleton zum Skandal ausgerufen. Die Kritiker würden behaupten, da habe einer Grass zum Monster machen wollen, und würden das als Neidfantasie eines weniger erfolgreichen Autors geißeln.

Aus Südamerika ist von derartigen Reaktionsweisen nichts bekannt geworden. Dabei ist dort ein ähnlicher Fall vorgekommen. Der argentinische Autor César Aira hat sich erlaubt, seinen berühmten Kollegen Carlos Fuentes einem derartigen Klonversuch zu unterwerfen, literarisch-spielerisch, versteht sich. Das ist insofern nicht erstaunlich, als Carlos Fuentes seinerseits auch schon César Aira als literarische Figur auftreten ließ. Die Differenz zwischen Realität und Fiktion ging bei diesem Schlagabtausch aber nicht verloren, sondern ist vielmehr Thema einer Literatur, der die Fiktionalisierung der Welt durch die Sprache zum bevorzugten Gegenstand geworden ist. Denn was wäre das Schreiben eines Romans anderes als das permanente Klonen und Verwandeln von Wirklichkeitspartikeln in Sprache? „Wenn etwas paradox ist“, schreibt Aira, „dann der Umstand, dass die Sprache unsere Erwartungen in einem solchen Maße vorgeformt hat, dass die wirkliche Wirklichkeit, die reale Realität, zum Entferntesten und Unfassbarsten geworden ist.“

Folglich kann es in seinen Büchern gar nicht paradox genug zugehen, damit wir, die Leser, endlich begreifen, dass ein Roman ein Roman ist, eine Figur eine Figur und Carlos Fuentes ein Klon – die Wirklichkeit aber etwas ganz und gar Unfassliches.

Mehr als dreißig zumeist erfreulich schmale Bücher hat der 63 Jahre alte César Aira bisher veröffentlicht. In seinem Heimatland ist er einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart, der eine ganze Generation von Schreibenden beeinflusst hat. Vom Literaturbetrieb hält er sich fern, Interviews gibt er so gut wie nie, und wenn, dann sagt er nicht viel. Ob „César Aira“ wirklich César Aira ist, lässt sich nicht mit absoluter Gewissheit sagen. Wenn er Geschichten erzählt, dann demonstriert er zugleich, wie er das macht. Und wie ein kleines Kind, das mit Bauklötzen spielt, zerstört er den schönen Turm, den er da mühsam aufschichtet, anschließend mit großer Lust.

So ist das auch in dem kleinen, vom Verlag der Einfachheit halber als „Roman“ rubrizierten Text „Der Literaturkongress“ aus dem Jahr 1997, der nun in der Übersetzung von Klaus Laabs auf Deutsch vorliegt. Wer die Handlung nacherzählen wollte, müsste mindestens so bekloppt sein wie das, was sich da ereignet bis zur finalen Katastrophe, wenn aus dem „Klonator“ kein Carlos Fuentes, sondern ein Bataillon von Riesen-Seidenraupen hervorquillt. Oder man müsste sich auf diese schlichte Handlung beschränken: Ein erfolgreicher Autor namens César Aira besucht einen Literaturkongress, wo er der Aufführung eines seiner frühen Theaterstücke beiwohnt, an das er sich kaum noch erinnert und das er ziemlich peinlich findet, während Carlos Fuentes in der ersten Reihe sitzt. Aber wäre das ein Roman?

Bei César Aira geht es nicht um Logik oder Figuren oder Spannung. Er erzählt nach dem Prinzip: Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. Er liebt die Abschweifungen, verliert sich in Reflexionen und Meditationen, zum Beispiel darüber, wie man die Geschwindigkeit der Gedanken misst. Und alles dreht sich unentwegt um den rätselhaften Prozess des Schreibens, in dem sich „ohne den geringsten Energieaufwand“ ganze Welten klonen lassen. Das ist irrwitzig, klug und steckt voller Überraschungen, nervt aber auch in seiner penetranten Selbstbezüglichkeit. Vermutlich soll das aber so sein. Denn so ist die Welt, sofern es sich um die reale Realität handelt. „Nicht zu glauben, aber dieser Schrott gefiel“, denkt der fiktionale Cesar Aira angesichts seines seltsamen Theaterstücks. Dasselbe lässt sich auch über diesen „Roman“ sagen. Jörg Magenau

César Aira:

Der Literaturkongress. Roman. Aus dem

Spanischen von

Klaus Laabs.

Ullstein Verlag,

Berlin 2012.

108 Seiten, 18 €.

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