Kultur : Laterna magica

Prag-Tage in Berlin: Das Tschechische Zentrum zeigt das Werk des Architekten Emil Králímek

Bernhard Schulz

Eine einzige kubistische Straßenlaterne gibt es auf der Welt – und die steht in Prag. Sie steht mitten im Stadtzentrum, auf dem Jungmannplatz – und dennoch ein wenig versteckt. Und so ist sie wie ein Symbolbild für ihren Entwerfer, den Architekten Emil Králímek (1877–1930). Auch ihm ist bisher nicht die verdiente Aufmerksamkeit zuteil geworden. Erst jüngste Forschungen haben ihm die Autorschaft an Bauten zurückgegeben, die bis dahin anderen Baumeistern zugeordnet worden waren. Das betrifft insbesondere das „Haus Diamant“, das er in seiner produktivsten Zeit 1912/13 an der viel befahrenen Spálená-Straße gleich neben der Dreifaltigkeitskirche für einen Apotheker errichtete. Das Haus kannte man, über das künstlerische Zwiegespräch zwischen dem kubistischen Hauseingang und dem barocken Kirchtor gleich daneben konnte man nachsinnen – jetzt aber ist auch der Architekt greifbar.

Das Tschechische Zentrum richtet ihm im Rahmen der Prag-Tage in Berlin eine von der Jaroslav-Fragner-Galerie übernommene Ausstellung mit Fotografien, Originalplänen und Modellen aus, die die erstaunliche stilistische Vielfalt dieses für Prag doch so typischen Baumeisters belegt. Typisch, weil er den atemberaubend raschen Wandel vom Historismus über den Jugenstil bis zu jenem ganz eigenen Prager Beitrag zur Moderne, der kubistischen Architektur, in seinem Werk mitvollzieht – und zwar, ohne jemals gestalterische Schwächen zu zeigen. Das Palais Palmovka von 1909 lässt Králímeks Lehrjahre zu Beginn des Jahrhunderts bei Joseph Maria Olbrich in Darmstadt erkennen. Doch zwei Jahre zuvor zeigt er mit der Erweiterung des Jüdischen Rathauses in der Maisel-Straße eine Einfühlung in den böhmischen Barock, bei der Ursprungsbau und Ergänzung ununterscheidbar zusammenfließen.

Gerade der Blick auf diesen böhmischen Barock macht die Prager Wende zum Kubismus nachvollziehbar, die 1911 mit dem Aufsatz eines Architektenkollegen einsetzt. Denn dem Prager Architektur-Kubismus geht es nicht um die Formzerlegung und Simultaneität des optischen Eindrucks – wie sollte das auch bei einem Bauwerk gelingen! –, sondern um eine organische Bereicherung der Formensprache. So ist Králímeks Haus Diamant denn auch eher dekorativ, freilich im besten Sinne; und auch darin vielleicht eine Rebellion gegen die ungeliebte Reichshauptstadt Wien, in der im selben Jahr 1911 Adolf Loos mit seinem gänzlich ornamentlosen Haus am Michaelerplatz einen auf Jahre anhaltenden Skandal provoziert. Králímeks Bauten, so das Haus Decastello von 1913, passen sich vorzüglich in den historischen Stadtraum ein; in der Höhe wie in Fassadengliederung und Dachabschluss.

Nach dem Krieg erreichte Králímek nur noch ein bedeutender Auftrag: der Neubau des Ministeriums für die Vereinheitlichung des Rechts von 1922, den er mit sparsamem Dekor, insbesondere mit Pilastern, auszeichnet. Danach verliert sich die Spur seiner Architektentätigkeit. Králímek gründet gemeinsam mit einem Ingenieur eine Baufirma; 1930 begeht er Selbstmord, ob aus wirtschaftlichen oder familiären Problemen, lässt sich nicht mehr klären. Die Firma wurde 1948 mit dem Sieg der Sowjet-KP verstaatlicht, ihre Unterlagen gingen verloren.

Králímeks Lebenswerk geriet aus dem Blick. Es nach Jahrzehnten zu rekonstruieren, war aufgrund der biografischen Umstände mühsam. Der begleitende, ganz vorzügliche und hervorragend bebilderte Katalog beschreibt den Architekten als „introvertiert und abseits des gesellschaftlichen Lebens“ – allerdings auch als „außerordentlich originell und progressiv“. Dieses Urteil untermauern Ausstellung und Katalog auf’s Nachdrücklichste.

Tschechisches Zentrum, Friedrichstraße 206, bis 9. September. Eröffnung heute, 20. Juni, 19 Uhr. Mo 14-18, Di-Fr 10-13/14-18 Uhr. Zweisprachiger Katalog.

0 Kommentare

Neuester Kommentar