Kultur : Laufstall Deutschland

Regisseur Christoph Schlingensief über Schröder, den Wahlkampf – und seinen Animatographen

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Herr Schlingensief, Heiner Müller hat gesagt, Deutschland spiele immer noch „Die Nibelungen“, den Bruderkrieg zwischen Ost und West als Dauerzustand. Stimmen Sie angesichts des Wahlkampfs zu?

Beim Bruderkrieg gab es wenigstens noch eine Beziehung zwischen Brüdern. Jetzt wünscht sich der eine Teil Deutschlands Papa und Mama zurück, die alles regeln sollen. Aber wenn Papa sagt, die Haushaltskasse ist leer, wir kürzen das Taschengeld und erhöhen die Mehrwertsteuer um zwei Prozent, kriegt das Kind einen Wutanfall. Dann wird geschrien, aber man bleibt in seiner Kinderecke und spielt höchstens mal erwachsen. Wenn es dann aua macht, will man keine Verantwortung übernehmen. Und der andere Teil Deutschlands sagt, wir nehmen euch sowieso nicht ernst, egal, wie ihr in eurem Laufstall rumschreit.

Sie haben zum Bundestagswahlkampf 1998 die Partei „Chance 2000“ gegründet und gefordert „Wähle Dich selbst“. Wie würden Sie heute eine Partei nennen?

„Fahnenflucht 2010“, das wäre die aktuelle Partei. Die Parole „Wähle dich selbst“ wurde von allen Politikern übernommen. Die wählen sich jetzt im System 1 selbst. Das System 1 hat diese Politiker produziert, und jetzt wählen die sich dauernd selbst. Was ich an Politik wahrnehme, das System 1, interessiert mich nicht mehr.

Nach der Partei haben Sie die „Church of Fear“ gegründet, eine Kirche der Angst. Heute ist Angst die Ressource, die im Wahlkampf von allen Parteien angezapft wird: Angst um die Zukunft, um die Rente, um den Wohlstand. Ist ganz Deutschland, vielleicht ohne es zu wissen, inzwischen in die Kirche der Angst eingetreten?

Ja. Die Church of Fear hat es nur früher ausgesprochen. Wie ein Barometer.

Sie zeigen diese Woche in Neuhardenberg die Installation „Der Animatograph. Odins Parsipark“ auf einem alten Militärgelände der NVA. Was ist ein Animatograph?

Eine aktionistische Bildplatte. Die Aktion, die Zeit und die Zuschauer hinterlassen darauf ihre Spuren. Der Regisseur F.W.Murnau wollte immer in seinen eigenen Film eintreten, am Ende hat er Europa verlassen und ist in die Südsee gereist. In Neuhardenberg betritt der Mensch den Animatographen, vielleicht will er auch nur als Voyeur zusehen. Aber sobald er den Animatographen betritt, wird er wie ein Schattenwurf an die Wand projiziert und sieht seine eigene Reproduktion. Wie der Steinzeitmensch, der sich als Schatten an der Wand der Höhle sieht und zum ersten Mal die Erfahrung macht, ein Bild von sich selbst zu sehen. Das ist für mich der Prototyp eines neuen Kinos. In zehn Jahren wird es das Medium Kino nicht mehr geben. Der Animatograph, bei dem der Betrachter selbst Teil des Filmbildes wird, ist die Zukunft. Die Leinwand wird nicht überleben, genau so wenig wie das Guckkastentheater oder das Wahlplakat. Natürlich bleiben alle als Relikt erhalten, aber weiterentwickeln werden sie sich nicht.

Aber es gibt Filmelemente in Ihrem Animatographen?

Ja, in einem Film sieht man zum Beispiel kleine Rhesus-Äffchen in Nazi-Uniformen. Als dann aber King Kong mit HitlerMütze und Armbinde auftaucht, rennen sie schreiend davon. Diese Filme sind Teil eines Organismus. Das Zentrum des Animatographen in Neuhardenberg besteht aus einer Gruft, einem begehbaren Mausoleum. Ganz in der Nähe fand eine der letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs statt, mit 50000 Toten. Die Geister dieser Toten bewegen sich durch das Mausoleum. Früher habe ich mir immer vorgestellt, wenn das Tabernakel vom Pfarrer zugeschlossen wird, ist da drinnen die Hölle los. Mit dem Mausoleum ist es genau so. Ohne Dunkelheit keine Bewegung.

Sie haben einen ähnlichen Animatographen in Island gebaut?

Ja, bei einer Erdspalte, die jedes Jahr um zwei bis acht Zentimeter wächst. Dort entstand im Jahr 930 das erste Parlament der Welt. Und den nächsten Animatographen bauen wir in Namibia, in Lüderitz, Deutsch-Südwest, in einem Slum. Eigentlich war die „Parsifal“-Drehbühne in Bayreuth der erste Animatograph. Ich hatte das gesamte Bühnenbild fertig, stehende Säulen, stehende Hallen und per Knopfdruck eine Verwandlung. Die Techniker in Bayreuth haben mir das alles gezeigt, wunderbar. Aber genau das stimmt vorne und hinten nicht. Die Antwort darauf ist die Drehbühne und der Animatograph. Verwesung ist ein langsamer Prozess. Nur daraus entsteht wieder Leben. Eine Verwandlung auf Knopfdruck geht nicht. Genau das ist das Problem in Deutschland. Alle wollen den Bildwechsel und die Verwandlung auf Knopfdruck. Doch das funktioniert nicht.

Was wäre eine ehrliche Reaktion darauf?

Ehrlich wäre, wenn die Parteien auf ihre Plakate schreiben würden: Auf Knopfdruck wird es keine Verwandlung geben. Keiner hat den Mut, öffentlich zu sagen, dass die Aufräumarbeiten nach 16 Jahren Kohl wahrscheinlich nie zu bewältigen sind. So wie man Tschernobyl zwar stillgelegt hat, aber nicht wirklich bereinigen kann. Deutschland ist so wie dieses schrottige Flughafenfeld in Neuhardenberg, neben dem wir den Animatographen bauen. Sie spielen Großflughafen, und wenn man Glück hat, sieht man ab und zu mal eine Cessna. Schöne, intakte Fassaden, und daneben stehen die ersten Ruinen, Investitionsruinen von 1991. Das ist die Zukunft. An der Oberfläche funktioniert noch alles, aber die Leute haben innerlich abgedankt. Es geht nur noch um zwei Prozent Mehrwertsteuer. Die Pressekonferenz von Schröder und Müntefering zum Beispiel, das waren Ansprachen wie bei einer Begräbnisfeier: Wir haben jetzt gute Prozentzahlen, es haben sich viele ins Kondolenzbuch eingetragen. Alles Fassade. Und die Gegenfassade ist stolz darauf, dass sie 45 Prozent will. Sonst geht es um nichts mehr.

Finden Sie das beängstigend?

Es ist eine Ausbildung zur Gleichgültigkeit. Irgendwie wirkt es fast normal, dass eine Frau ihre neun Kinder umbringt. Und hinter der Apathie gibt es die Sehnsucht nach irgendjemandem, der extreme Lösungen anbietet und dann vielleicht auch durchsetzt. Wenn etwas beängstigend ist, dann diese Sehnsucht.

Meinen Sie mit dem Mann, der mit extremen Lösungen hausieren geht, Lafontaine?

Diese Partei finde ich ziemlich unangenehm. Vielleicht ist das die „Chance 2000“ von heute, die Partei, die alle Minderheiten formiert, egal mit welchem Slogan man sie fangen kann. Alle kommen rein in die Tüte. Die beiden, die vorne stehen, gehören schon zum geriatrischen Inventar. Die werden noch mal kurz rausgeholt und winken in die Kameras. Anschließend dürfen sie in ein gutes Heim und verbringen ihren Lebensabend im Bundestag. Dafür ist ihnen alles recht, auch Wähler, die beim letzten Mal NPD oder DVU angekreuzt haben. Diese Partei ist so kontraproduktiv, dass sie perfekt in den Bundestag passt. Da können sich ihre Figuren daneben benehmen, alles falsch machen, alles ausplaudern und neben Joschka Fischer auf der Toilette der Kantine stehen. Ich kann die FDP nicht wählen, ich kann die Grünen nicht wählen, die SPD konnte ich schon damals in Oberhausen nicht wählen.

Bleibt die CDU übrig.

Das geht nicht, auch aus familiären Gründen. Meine Eltern sind so eingefleischte CDUler, dass ich ein Problem damit hätte. Aber gleichzeitig will ich, dass Rot-Grün auf keinen Fall wieder rankommt. Der Anzugwechsel von Herrn Fischer, wenn er dann zu den jungen Leuten nach Hessen geht und zeigt, dass er auch ohne Krawatte auftreten kann – das sind halt die Grünen, mehr ist da nicht. Der einzige Grüne, der mir sympathisch ist, ist dieser Schulz, der jetzt gegen die Neuwahl klagt. Den würde ich sofort wählen. Vielleicht ist Schröder Parsifal. Dieses Jahr ist in meiner Inszenierung in Bayreuth Parsifal fast schon ein Selbstmordkandidat. Er fängt euphorisch an, fast kindisch und schießt die Schwäne, wie er Lust hat. Als Kundry kommt und ihm die Diagnose gibt, reißt er das Ruder rum und erklärt ihr, was sie für ein Unglück heraufbeschworen hat. Beim Kuss der Verbrüderung brechen alte Wunden wieder auf. Am Ende nimmt Parsifal den Speer und rammt ihn sich in die Seite. Er macht die anderen, die endlich erlöst werden wollen, zu Mördern. Indem sich Schröder abwählen lässt, macht er uns bewusst, dass wir diese Mörder sind, Mörder an unseren eigentlichen Möglichkeiten. Eigentlich finde ich Schröder jetzt im Untergang großartig. Viel besser als Bruno Ganz in seinem Bunker, der dauernd nach der achten Armee ruft.

Sie haben dem Bundeskanzler schon vor Jahren ein Denkmal gesetzt. In Ihrem Stück „Die Berliner Republik“ an der Volksbühne geben Irm Hermann und Bernhard Schütz das Ehepaar Schröder.

Weil im Bühnenbild meiner Inszenierung eine SPD-Veranstaltung vorkam, hat Lafontaine die Volksbühne besucht. Bernhard Schütz und Irm Hermann haben ihn als Gerhard Schröder und Schröder-Köpf begrüßt. Am nächsten Tag ist er als Minister und SPD-Vorsitzender zurückgetreten. In dem Moment, als er begriffen hat, dass Bernhard Schütz der bessere Bundeskanzler wäre, weil Politik sowieso nur Theater ist, hat Lafontaine aufgegeben. Am nächsten Tag hat er seinen sinnlosen Job nicht mehr ausgehalten.

Das Gespräch führte Peter Laudenbach. „Der Animatograph – Odins Parsipark“ ist von 19. – 28. August in Schloss Neuhardenberg zu sehen. Informationen unter www.schlossneuhardenberg.de

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