Kultur : Laufsteg der Wut

„Spielzeit Europa“: Festivalstart mit Balkan-Drama und Dimiter Gotscheff

Andreas Schäfer

Aus einem schlechten Drehbuch können auch großartige Schauspieler keinen guten Film machen. Gilt das auch für schlechte Theaterstücke? Nicht unbedingt, weil die Stücke im Theater bekanntlich auch nur als Spielvorlage benutzt werden können und ein guter Regisseur so aus einem schlechten Stück noch etwas machen. Es gilt aber leider für diesen Abend, an dem das Theaterfestival Spielzeit Europa im Haus der Berliner Festspiele mit einem Stück eröffnet wird, welches „Das Pulverfass“ heißt, auf dem Balkan spielt und immer nur eines zeigt: dass Gewalt Gewalt produziert.

Der Regisseur Dimiter Gotscheff ist einer der besten, das Ensemble – vorwiegend vom Deutschen Theater –, das auf der leicht abfallenden Schräge von Anri Kulev seine bewundernswerte Kunst vorführt, ist erstklassig. Neben Samuel Finzi beeindrucken Wolfram Koch, Birgit Minichmayr, Sebastian Blomberg, Alexander Khuon, Margit Bendokat und MagneHavard Brekke, der auch schon dabei war, als Gotscheff das Stück vor knapp zehn Jahren in Graz das erste Mal inszenierte.

Das Problem ist nur: Der bulgarische Regisseur ist viel zu nett zu dem Stück des mazedonischen Autors Dejan Dukovski, das er mit seinem bulgarischen Hauptdarsteller Finzi selbst aus dem Mazedonischen übersetzt hat. Als fühlte er sich verpflichtet, inszeniert Gotscheff jedes überflüssige Wort („Ficken“ kommt dabei sehr oft vor), hakt liebevoll jeden wenig überraschenden Dialog ab und lässt die Szenen wie in Zeitlupe spielen, als wollte er dem Autor durch diese Geste die Bedeutsamkeit seiner Dichtung versichern.

„Das Pulverfass“ beschreibt in elf Alltagsszenen (in der Kneipe, zu Hause, im Bus usw.) einen Reigen der Gewalt in einem nicht näher definierten Balkanland, der vermutlich kurz nach den kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien einsetzt. Wie in Schnitzlers „Reigen“ taucht dabei in jeder neuen Szene eine Figur aus der vorangegangenen auf – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Hat der eine eben mit einem Hammer auf jemanden eingeschlagen, wird er im nächsten Bild selbst Opfer. Wurde der andere eben halbtot geprügelt, weil er das Auto eines Dorfchefs angefahren hatte, vergewaltigt er darauf eine Frau – nachdem er sie vorher aus den gewalttätigen Händen eines Dritten befreit hatte. Die Gewalt wird nicht erklärt oder motiviert, sie ist überall. „Der Balkan ist die Hämorrhoide im Arschloch der Welt“, heißt es einmal. „Der Balkan ist ein Pulverfass.“

Der Kreislauf ist unendlich, da hilft weder Flucherei noch machohaftes Gepluster, weil Misstrauen und Minderwertigkeitsgefühl seit Generationen in den Körpern wohnen. Das System des Stücks ist schnell durchschaut und genauso schnell langweilig, weil Männer, die oft „Ich-ficke-euch-alle“ schreien und sich wegen der fatalistischen Haltung des Autors nicht entwickeln dürfen, zwar arm dran, aber nicht besonders unterhaltsam sind.

Gotscheff und seine wunderbaren Schauspieler machen daraus eine Posenschau der Beschränkten, ein slapstickhaftes Habitusspektakel der Zukurzgekommenen und Kleinmafiosi. Die Fläche, an deren unterem Ende ein Wassergraben verläuft, wird zum Laufsteg der Wut, auf dem die vermeintliche Körpersprache des ohnmächtigen Süd- und Osteuropäers in all seinen Facetten aufs Amüsanteste ausgestellt wird: Sebastian Blomberg gelingt bei einer Racheaktion ein großartiger „Pate“ – sogar das kehlige Flüstern Marlon Brandos bekommt er hin. Wolfram Koch brilliert mal als verkrüppelter Polizist, mal als Robert De Niro-Verschnitt, der mit angezogenen Schultern und abgespreizten Oberarmen nur darauf wartet, sich auf den Exfreund seiner Geliebten zu stürzen. Alexander Khuon trägt schmierigen Pferdeschwanz und gibt den alerten Messerschlitzer, während MagneHavard Brekke mit hinterhältiger Großspurigkeit einen „besten Freund“ spielt, der seinen Kumpan auf jede nur erdenkliche Weise hintergangen hat.

Nur Birgit Minichmayr bleibt unterfordert, sie muss sich in diesem Männerstück darauf beschränken, Übergriffe abzuwehren oder über sich ergehen zu lassen. Als wissendes Mütterchen Balkan, als Verkörperung einer alten, vielleicht harmonischen, vielleicht noch grausameren Zeit, watet Margit Bendokat durch das Flüsschen und klaubt Äpfel in ihre Schürze, die immer wieder – gar nicht mehr ironisch – von der Decke regnen.

Der Chef dieser kleinen Freakshow ist natürlich Samuel Finzi. Finzi explodiert förmlich. Wie er an der Rampe steht, drohend mit dem Kopf wackelt und dazu mackermäßig mit der Oberlippe schnalzt; wie er sich empört in seine Eifersucht hineinsteigert; wie er in einer Mischung aus Stolz und Herablassung vor einer Frau auf die Knie fällt: Finzi ist so entfesselt, als habe er sich Jahre darauf gefreut, endlich die Typen seiner Herkunftsgesellschaft nachmachen zu dürfen. Großartig.

Trotzdem fragt man sich: Und jetzt? Die Show führt zu nichts. Sie wird nur immer wieder von den Klängen einer Balkan-Band unterbrochen, deren Musiker am oberen Ende der Spielfläche Platz genommen haben. Die Musik, obwohl für sich genommen mitreißend, ist das Hauptproblem der Inszenierung. Denn sie wird wie ein Alibi eingesetzt. Sie verhindert nicht nur, dass die Atmosphäre sich verdichtet und aus den klischeehaften Figuren – wie oft bei Gotscheff – Gespenster des Schmerzes werden. Sie wirkt auch wie eine Selbstberuhigung der Theatermacher, die Heimat nicht verraten zu haben. Als hätte das schlechte Gewissen verlangt, nachdem man in allen Balkan-Klischees gebadet hat, auch die andere Seite, also die weltberühmte Lebenslust des Landstrichs zu zeigen. Dieses Wir-Gefühl ist zutiefst sympathisch. Abendfüllend ist es nicht.

Wieder am heutigen Sonnabend und vom 29. – 31. Oktober

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