Kultur : Laur macht lustig

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Nur gespielt. Workaholic Laur relaxt auf der Bühne des Renaissance-Theaters. Foto: Steinert
Nur gespielt. Workaholic Laur relaxt auf der Bühne des Renaissance-Theaters. Foto: SteinertFoto: uwe steinert

Aller Glanz fürs Publikum! Man kennt das aus den Theatern und Opernhäusern: In den Foyers und im Saal strahlen Kronleuchter um die Wette; hinter den Kulissen aber hausen die Künstler in denkbar bescheidenem Ambiente. Auch Otfried Laur residiert mit seinem „Berliner Theater Club“ und seiner Konzertdirektion an einer noblen Charlottenburger Adresse, Hardenberg-, Ecke Knesebeckstraße, im Gebäude des Renaissance-Theaters. Im dritten Stock betritt der Besucher dann aber ärmliche Räumlichkeiten, wird in ein spartanisch möbliertes Konferenzkabuff geführt. Während er beim Blick in den winzigen Innenhof noch darüber nachdenkt, ob die martialischen Stahlspitzen auf dem Fensterbrett eher an eine Fakir-Schlafstatt erinnern oder an den antifaschistischen Schutzwall, tritt Otfried Laur durch die Tür. Ein älterer Herr mit tadellosen Umgangsformen in kleinbürgerlicher Bürouniform: Blazer, Krawatte, Stoffhose, alles in gedeckten Farben.

Laur hat in seiner langen Karriere als Konzertveranstalter mit den Großen und Glamourösen zusammen gearbeitet, mit Milva und Gilbert Bécaud, mit Astor Piazzolla, Herman van Veen und Adamo. Er hat Max Raabe entdeckt, Harald Juhnke zum Singen verführt und ein Vierteljahrhundert Karel Gott in Deutschland präsentiert. Doch ihm selber geht alles Exzentrische ab. Wie er da so am Konferenztisch Platz nimmt und Mineralwasser einschenkt, könnte man ihn glatt mit seinem eigenen Buchhalter verwechseln. Und läge damit nicht so falsch, denn der 1942 geborene Berliner ist gelernter Bankkaufmann. Wäre da nicht seine „Reni“ gewesen, er hätte sich wohl sein ganzes Berufsleben mit Scheinen beschäftigt statt mit dem schönen Schein. Die Gattin Renate ermutigte ihn, das Hobby zum Beruf zu machen: Bereits als Pennäler war er Vertrauensmann für das „Theater der Schulen“ geworden, um an verbilligte Tickets für sich und seine Freunde zu kommen. Während Renate also als Angestellte beim Postscheckamt das Geld verdiente, gründete Otfried Laur 1967 den „Berliner Theater Club“. Ab 1973 kamen zur Billettvermittlung dann auch eigene Veranstaltungen hinzu. Zunächst allerdings nicht ganz freiwillig.

Im Subventionsparadies West-Berlin war es üblich, dass die Theater für jede Eintrittskarte, die über eine Besucherorganisation gebucht wurde, einen Extrazuschuss vom Senat erhielten. Für Laur wurde ein Kontingent von 5000 Tickets festgesetzt. Da sein Theater-Club aber rasant wuchs, musste er schließlich selber zum Event-Organisator werden, um die Nachfrage seiner Mitglieder befriedigen zu können. Die Blödelbarden „Insterburg und Co“ gaben dem Kulturmanagement-Greenhorn seine erste Chance: Von 1973 bis zur Auflösung der Truppe sechs Jahr absolvierten sie 297 Auftritte allein in Berlin.

Nach einem Experiment mit den Rockern von Uriah Heep 1976 entschloss sich Laur, nur noch Veranstaltungen zu machen, zu denen er selber gerne gehen würde. Seitdem bildet das Programm den persönlichen Geschmack des Chefs ab: leichte Unterhaltung, Operette und Boulevardtheater, Gospel, Folk und Wolga-Kosaken, Swing und Brasilianisches, Wiener Sängerknaben und klassisches Ballett. Wobei er das Geld, das er mit cash cows wie Karel Gott verdiente, gleich wieder investierte, um seine Entdeckungen bekannt zu machen. Das Klavierduo Katja und Marielle Labèque gab sein Berlin-Debüt bei Laur, er buchte für die Kleinkünstlerin Ada Hecht die ganz großen Säle und warb ab 1994 intensiv für das Piano-Wunderkind Pascal von Stocki.

Anders als sein Konkurrent, DEAG- Chef Peter Schwenkow, wollte Otfried Laur nie ein global player werden. Als Max Raabe zum internationalen Star wurde, gab er ihn frei. Er blieb der Lokalmatador, der für seine Aktivitäten gezielt nach Marktlücken im West-Berliner Kulturangebot sucht: Wenn die Musiktheater keine Konzerte mit den schönsten Opernchören anbieten, dann tut er es eben. Wenn es in der Stadt keine Märchenaufführungen gibt, die so aussehen wie vor 50 Jahren, damit auch die zahlenden Omas zufrieden sind, holt er sie ran. Und wenn im Konzerthaus noch ein attraktiver Termin frei ist, greift er zu, engagiert schnell eines der Prager Tourneeorchester, die so schöne altmodische Wunschkonzertprogramme spielen.

Bis zum Mauerfall, sagt Otfried Laur, konnte er mit seiner Amüsemang-Melange richtig gutes Geld verdienen. Im vereinten Berlin aber wurde der Wettbewerb so hart, dass sich sein Unternehmen heute gerade noch selber trägt. Darum zieht er sich jetzt aus dem Entertainmentbusiness zurück, an diesem Sonntag finden offiziell die letzten beiden Konzerte der „Otfried Laur Veranstaltungs- Management GmbH“ statt.

Künftig nur noch zu Hause in Pichelsdorf an der Scharfen Lanke zu flanieren, das allerdings ist nicht die Idealvorstellung des notorischen Frühaufstehers. Also bleibt er weiter Chef seines „Berliner Theater Clubs“, versorgt die 25 000 Mitglieder mit Tickets – und seine treuesten Künstlerfreunde mit Auftrittsmöglichkeiten. Pianist Vladimir Mogilewski, Boogie-Woogie-Mann Axel Zwingenberger, Andrej Hermlin und sein Swing Dance Orchestra oder auch das Transvestitenduo „Red Shoe Boys“ werden jetzt einfach vom „Theater Club“ präsentiert. Auf Laurs marktschreierische Plakate in der U-Bahn werden wir auch in Zukunft nicht verzichten müssen.

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