Laura Bean : Das Herz der Mandoline

Bienenkorb im Haar, Country im Herzen: Die Amerikanerin Laura Bean präsentiert eine grelle Musikshow. Das Equipment ist handlich - eine Ukulele passt in jedes Gepäck.

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Klavier- und Gitarrespielen lernte sie vom Großvater. Laura Bean wuchs in einer Bluegrass-Familie auf.
Klavier- und Gitarrespielen lernte sie vom Großvater. Laura Bean wuchs in einer Bluegrass-Familie auf.Foto: Thilo Rückeis

An der Wand prangt etwas Kurzhalsiges, Gitarrenförmiges mit Namen „Dulcimer“, darunter glänzen High Heels in allen Farben, in der einen Ecke bullert der Ofen tapfer gegen die Kälte an, in der anderen drängt sich eine ansehnliche Sammlung von Saiteninstrumenten: Hier wohnt eine Musikerin. Laura Bean, vor 28 Jahren in einem Kentucky-Kaff südlich von Louisville, wo das blaue Gras, das „Bluegrass“ die Felder wogen lässt, mitten in eine singende und swingende Familie hineingeboren, hat es in den Genen. Sämtliche Eltern, Schwestern, Tanten und Onkel haben die Liebe zur dieser Musik ge- und vererbt, einer Country-Spielart, für die irische und schottische US-Immigranten ihre musikalischen Erinnerungen einst mit den Einflüssen der neuen Welt mixten und dafür nach dem Zweiten Weltkrieg den Begriff „Bluegrass“ erfanden.

Laura Bean ist damit aufgewachsen, hat – wie ihre Cousins und Cousinen – das Klavierspiel vom Opa gelernt, die für den Bluegrass-Sound elementaren Gitarren und gitarrenähnlichen Instrumente gleich dazu, singen kann sie sowieso. „Ich kam vor acht Jahren bei einem Studienaustausch nach Heidelberg“, sagt sie in fast akzentfreiem Deutsch, dort hat sie Geografie und Biologie bis zum Bachelor studiert und sich gefreut, dass „der Druck auf Studenten in Deutschland einfach nicht so groß ist“ wie in den extrem karriereorientierten USA. Doch die Musikszene der putzigen Neckarstadt, die „jeder Amerikaner kennt“, war ihr auf Dauer zu beschaulich, die Lust am Musikmachen zu groß. Bean zog nach Berlin, spielte sich durch Straßen und U-Bahnhöfe, durch Kneipen, Clubs und Cafés bis zu immer konzertanteren Auftritten.

Sie spielte eine Weile bei den „Runaway Brides“, einer rein weiblichen und fast rein amerikanischen Berliner Country-Punkband, die burleske Outfits, Big Hair und meterweise Eyeliner lässig mit einer umwerfenden Bühnenshow und multiplem Instrumente-Können kombiniert. Und sie ist zum wiederholten Mal bei der „Southern Flavor“-Show im Heimathafen Neukölln dabei, bei der sie mit „The Vagabonds“, wechselnden Musikern an selbstredend akustischen Saiteninstrumenten, Bluegrass-Traditionals präsentiert, mit jeder Menge gekonnten Soli, Mandoline statt Schlagzeug und mehrstimmigem Satzgesang.

Mit entsprechendem Faible erkennt man in Laura Beans Outfits, die sie auf der Bühne wie zu Hause trägt, der flammenden Fünfziger-Jahre-Bienenstockfrisur mit festgesteckten Blüten, den Netzstrümpfen und den todschicken Stöckelschuhen, durchaus das, was eine Südstaatenschönheit des letzten Jahrtausends selbstbewusst durch den Saloon getragen hätte. Oder zumindest das Darunter, das liebevoll Bettie Page und sämtliche Pin-up-Models der Eisenhower-Ära zitiert. Auf dem Weg zum Interview in ein Kreuzberger Café unweit ihrer Ofenheizungs-WG, die sie sich mit einem „echten Clown“ teilt, fängt sie sich auch gleich bewundernde Worte einer Fahrradfahrerin ein: „Dich zu sehen mit diesen Blumen im Haar, das ist wie Frühling.“

Momentan läuft es also ganz gut – Berlins Herz für im Wortsinn hübsch dargebotene Roots Music war immer schon groß. Und seit man Country nicht mehr nur auf Spandauer Volksfesten und inmitten sich über Bierbäuchen spannenden Truck-Stop-T-Shirts genießen kann, haben sich sogar noch mehr Fans eingefunden. Dass die Stadt vor jungen US-Amerikanern mit heimlichen Heimwehgefühlen überquillt, mag ebenfalls etwas dazu beigetragen haben. „Ich liebe es“, sagt Bean über ihre Musik, „vor allem diese typische Bluegrass-Attitüde: Das Leben ist vielleicht scheiße, aber so ist es eben.“ Sie will irgendwann demnächst eine Platte aufnehmen, „Low Fi“ natürlich, damit es klingt wie früher, aber vielleicht mit eigenen „trashy Country-Texten“. Bean verbindet, anders als viele junge europäische Musiker, ein durchweg positives Verhältnis mit ihrem musikalischen Erbe. Vielleicht weil „in der US-Volksmusik die Rock-’n’-RollWurzeln stecken“, auf die sich junge Menschen generell und grenzenübergreifend gern einigen, und die man beispielsweise in deutscher Volks- und Schunkelmusik lange suchen kann. Zudem musste sie nicht durch Punk oder Techno den schlimmen Musikgeschmack der Eltern ausradieren, sondern konnte mit ihnen gemeinsam Hausmusik klimpern.

Bluegrass-Songs erzählen nicht nur von Liebe und Liebeskummer, sondern kommentieren oft auch die Verhältnisse, Armut und Arbeitslosigkeit, besitzen somit eine politische Komponente, die sich von Woody Guthrie bis zum New Folk durchzieht. In dieser Linie sehen sich auch viele der kulturumtriebigen Expatriates in Berlin. Außerdem ist es von Vorteil, dass man nicht viel Technik mitschleppen muss, wenn man sich zwanzig Minuten in die Kneipe stellen und ein bisschen Country präsentieren möchte. Eine Ukulele, die kleine Hawaii-Gitarre, die momentan ein Revival erlebt, lässt sich auch gut von Damenhänden schleppen. Und ohne Schlagzeug bleiben einem sogar die Nachbarn gewogen. Solange sich die Durchgentrifizierung der einschlägigen Viertel also weiter hinzieht, gibt es für „Missus Bean“ und ihre Mitmusiker zwischen Neukölln und Spandau noch genügend Kneipen, Clubs und Bühnen zu erobern.

„Southern Flavor – Die Underground-Country-Radio-Show“ mit Laura Bean und Gästen, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, Di, 1.2., 21 Uhr.

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