Kultur : Laura war nicht alles

Die Kunstbibliothek Berlin entdeckt den Dichter Petrarca als Homo politicus

Ulrich Clewing

Der 6. April 1327 war angeblich ein Karfreitag, tatsächlich wohl eher der Ostermontag. Während einer Messe in der Kirche Santa Chiara zu Avignon sah er sie zum ersten Mal: „ihr Haar frei gelöst und blonder als blankes Gold“. Es war Laura, die Frau, um die fortan seine Gedanken kreisen sollten, mit deren Namen er so wundervolle Wortspiele anstellen konnte – L’aura celeste, der himmlische Atem oder lauro verde, der grüne Lorbeer der Poesie. Seine 366 Gedichte an Laura „vor und nach ihrem Tod“ haben Francesco Petrarca unsterblichen Ruhm beschert. Da fällt es nicht weiter ins Gewicht, dass Laura möglicherweise eine reine Erfindung war, inspiriert von Dantes fünfzig Jahre zuvor entstandenen Elogen auf seine Geliebte Béatrice.

Seine für die Nachwelt alles überstrahlende Verehrung von „Laura“ verstellt ein wenig den Blick darauf, dass Petrarca, 1304 in Arezzo geboren, eigentlich ein homo politicus war. In einer kleinen, feinen Ausstellung, deren Gesamteindruck freilich durch unerklärliche Nachlässigkeiten (groteske Zahlendreher im begleitenden Faltblatt) unnötig geschmälert wird, gibt derzeit die Berliner Kunstbibliothek einen Überblick über Biografie und Schaffen des großen Dichters der Frührenaissance. Das Material könnte erlesener kaum sein: Es stammt zum größten Teil aus dem Besitz des Kölner Arztes, Kunstsammlers und Buchliebhabers Reiner Speck, der eine der umfangreichsten Privatbibliotheken zu Petrarca zusammengetragen hat. Ergänzt wird die Schau durch exquisite illuminierte Handschriften aus den Beständen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Nach einem Studium des kirchlichen und weltlichen Rechts in Bologna ging Petrarca 1326 zurück in die damalige Papststadt Avignon und trat in die Dienste des Kardinals Colonna. Dort sammelte der Sohn eines aus Florenz vertriebenen Notars Erfahrungen, die er später in den Epistolae sine nomine („Briefe ohne Namen“) und vor allem in seinen drei Sonetti babilonici verarbeitete, in denen er die Kurie mit der babylonischen Hure verglich. Damit machte er sich nicht nur Freunde: Bis ins späte 19. Jahrhundert war es in Kirchenkreisen üblich, diese Passagen nachträglich zu schwärzen. Die Ausstellung zeigt ein besonders schönes Exemplar, in dem – Ironie der Geschichte – der Text trotz Schwärzung zu erkennen ist.

Überhaupt war Petrarca, der außerdem antike Schriften entdeckte, ein begnadeter Briefeschreiber. Er adressierte sie an die Lebenden, aber auch an Tote, wie die römischen Dichter und Politiker Livius, Sallust, Seneca und Cicero. So haben manche seiner vornehmlich in Latein verfassten Elaborate Traktatcharakter, während andere lebensnah wirken, wie jener berühmte Brief vom 9. August 1333, in dem er seinen Besuch in Köln schildert („Erstaunlich, wie groß im Barbarenland die Gesittung“). Insgesamt präsentiert die Schau eine Fülle zauberhaft illustrierter Erstausgaben – man darf sich nur nicht durch eine unbequem gebückte Körperhaltung vom Lesen abhalten lassen.

Kunstbibliothek, Kulturforum, bis 16. Januar. Katalog 48 €.

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