Laurent-Versteigerung : Ältere Kunst könnte die Weltkrise schlagen

Markiert die spektakuläre Auktion der Sammlung Yves Saint Laurent eine Trendwende? Für ältere Kunst könnten sich die Zeiten bessern.

Matthias Thibaut

„Schön, nicht hübsch“, zischte die Pariserin im Pelzmantel den Sicherheitsbeamten an, der sie an den Renaissancebronzen im „Salon Duquesnoy“ vorbeischeuchen wollte. „Ich weiß, es ist hübsch, aber andere wollen auch sehen“, hatte der Ahnungslose gerufen. Besser verstanden die 30 000 Pariser, die stundenlang in der Kälte anstanden, um sich durch die „Salons“ edler Kunst von Yves Saint Laurent und seinem Partner Pierre Bergé drängen zu dürfen, die Christie’s im Grand Palais aufgebaut hatte, worum es hier ging: Kultur, Schönheit, Passion und Geld – eine Kombination, die in der Krise an Faszination nur gewinnen kann.

„Kunst hat sich über die aktuelle Weltkrise erhoben“, schwärmte Christie’s Versteigerer François de Ricqlès, als die Sammlung nach sechs langen Sitzungen unterm Art-Nouveau-Dach des Grand Palais für 373 Mio. Euro versteigert war. „Wie ein Schiff den Stürmen spottet, pflügte sich die Auktion ruhig durch drei Tage triumphierender Gebote“, fügte er poetisch hinzu.

Anderen verschlug es die Sprache, auch solchen, die sich durch hohe Kunstpreise nicht aus der Fassung bringen lassen. Was sind die ästhetischen oder pekuniären Kriterien für die 22 Mio. Euro, die Eileen Grays „Drachenstuhl“ kostete? Bis 2 Mio. Euro war die Art-déco-Ikone taxiert, die voll symbolistischer Sinnlichkeit ist, bequem, wie alle versichern, die einmal, eingerahmt von ineinander verwundenen Drachen aus orangebraun lackiertem Holz, auf dem prallen Lederpolster sitzen durften. Der Stuhl, entstanden um 1918, gehört mitten ins Zentrum dessen, was die YSL-Sammlung feiert – die Moderne des 20. Jahrhunderts, wie sie in Paris in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichte.

Leidenschaft und Investitionskalkül

Die Käuferin wird gewusst haben, was sie tat. Die Pariser Händlerin Cheska Vallois hatte den Stuhl 1971 schon einmal verkauft und bezahlt seit Jahren Schwindelpreise für Art-déco-Heroen wie Jean-Michel Frank, Albert Rateau oder eben Gray. Auch die Pariser Händlerbrüder Nicolas und Alexis Kugel wussten, warum sie den auf bis 150 000 Euro geschätzten „Osterode Pokal“ auf 853 000 Euro oder den Januskopf aus dem Primaticcio-Kreis mit 2 Mio. Euro auf das Zehnfache der Schätzung steigerten. Sie selbst hatten die Stücke einst YSL und Pierre Bergé verkauft.

Irrationale Leidenschaft und langfristiges Investitionskalkül sind beim Kunstmarkt unentwirrbar vermischt, das ist seine dualistische Natur. Einerseits ist Kunst ein überteuertes Konsumgut wie ein Ferrari, gemessen am Nutzen, den man aus ihm zieht, immer zu teuer. Aber Kunst hat auch ihren ewigen Kern – als werterhaltende Investition. Erfahrene Sammler wissen deshalb, dass man den Kunstkauf nie bereut. Hat man zu viel bezahlt, wartet man einfach, bis die Inflation den Überschuss abgetragen hat, und freut sich ein bisschen länger an seinem Kauf.

Die Kunst aus der Rue de Babylone Nummer 55, wo der Butler von YSL täglich die Lilien erneuerte und nach dem Tee die Giambologna-Bronze auf dem Couchtischchen zurechtrückte, erinnert uns auch daran, dass ein edles Kunstwerk seinen Besitzer ebenso adelt wie ein edler Besitzer das Werk. Diese Symbiose der Provenienz ist es, was große Kunst die Jahrhunderte überdauern lässt und dabei ihre Faszination noch steigert. Die umstrittenen chinesischen Brunnenfiguren gehörten, bevor YSL sie erwarb, nicht nur dem Qianlong-Kaiser, sondern auch der einst von Renoir gemalten polnischen Pianistin Misia Sert.

Für ältere Kunst beginnen wieder gute Zeiten

Der Sensationserfolg dieser Sammlung gibt vielleicht Hinweise auf die Zukunft des Kunstmarkts. Nicht, weil einmal mehr bewiesen wurde, dass Geld für die Kunst immer da ist. „Der Kunstmarkt ist liquide, ohne Zweifel“, freute sich Christie’s Chef Ed Dolman. Bezeichnend ist, dass es sich bei der Sammlung nicht um Zeitgenössisches handelte. Statt frischer Spekulantenware wird Kunst verkauft, die den Test der Zeit schon bestand, bevor sie ihren Weg in die Rue de Babylone fand und dort weiter reifen konnte wie guter Wein in der Flasche. Sammlungen brauchen Zeit. Man kann sie nicht in ein paar Jahren zusammenkaufen, sie müssen mit den Menschen wachsen, die in ihnen leben. So war dies vor allem eine alte Sammlung. Mit ihren Matisse und Picasso und der herrlichen, absolut nicht wiederholbaren Marcel-Duchamp-Parfümflasche „Belle Haleine“ (8,9 Mio. Euro) feiert sie die Geburt der Moderne. Aber die wird in einem Musée Imaginaire der Epochen und Weltregionen verschmolzen mit dem, was vorher war. Unbeachtet vom Rummel der Schlagzeilen wurde hier für sagenhafte Preise die beste Sammlung deutschen Silbers seit Jahrzehnten versteigert – nicht gerade ein reißendes Sammelgebiet in den letzten Jahren.

Ein opulentes Interieur, in dem subtile Geschmacksbögen geschlagen werden und alle Zeiten präsent sind – eine solche Affirmation eines tief wurzelnden „grand goût“ hat man seit den Tagen der großen Rothschild-Sammlungen nicht mehr erlebt. Wenn die Käufer in Paris mit ihren teuren Objekten auch etwas von YSLs nachhaltiger Sammlungsphilosophie erworben haben, beginnen am Kunstmarkt für die ältere Kunst wieder gute Zeiten.

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