Kultur : Lausche wild & gefährlich

Komponistin Annie Gosfield weiß, wie aus Krach Kunst entstehen kann – und zeigt es im Berghain.

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Ganz Ohr. Annie Gosfield bei der Klangrecherche. Foto: Josh Gosfield/Berliner Festspiele
Ganz Ohr. Annie Gosfield bei der Klangrecherche. Foto: Josh Gosfield/Berliner Festspiele

Was heißt hier Lärm?! Was da so in den Ohren kratzt, das sind Wildklänge. Und nicht etwa akustisches Unkraut. Wenn es ums Hören geht, kennt Annie Gosfield kein „schön“ und kein „hässlich“. Ihr sind alle Geräusche gleich lieb. Dass man ohne stilistisches Schubladendenken freier denkt, hat sie schon als kleines Kind gelernt. Zu Hause in Philadelphia hörten ihre Eltern alle Genres wild durcheinander, Jazz und Soul, Blues, Rock und experimentelle Musik.

„Wir waren keine von diesen Nussknacker-Familien“, erzählt sie – und meint damit jene Bildungsbürgerhaushalte, in denen die Kinder jedes Jahr zur Adventszeit in Tschaikowskys Ballett geschleppt werden. Trotzdem – oder gerade deshalb? – haben alle vier Gosfield-Sprösslinge künstlerische Berufe ergriffen: Annies Schwester lebt als Blockflötistin in Mailand, der eine Bruder macht Western-Swing, der andere Fotokunst. Und sie selber streift gerne durch Fabriken und belebte Straßen und sammelt Alltags-Sounds.

„Manche nennen es Krach, ich nenne es Inspiration“, lautet das Credo der 1960 geborenen Komponistin, die gerade ein fünfmonatiges fellowship bei der American Academy angetreten hat und am 21. März im Rahmen des Maerzmusik-Festivals einen Querschnitt durch ihr Oeuvre präsentiert. Der Ort für das Porträtkonzert ist gut gewählt: Im Club Berghain geht es schließlich allnächtlich recht phonstark zu.

Privat ist Annie Gosfield übrigens gar kein lauter Mensch. Die Abgeschiedenheit der Wannsee-Villa kann sie durchaus genießen. In New York wohnt sie mitten im Trubel der Lower East Side, in der American Academy blickt sie aus dem ehemaligen Pförtnerhäuschen ins Grüne. Und kann doch jederzeit ihr E-Piano einschalten, um nach frischen Klängen zu forschen. Wenn sie die Inspiration packt, sogar im Pyjama. „Als Kreativer braucht man nur ein oder zwei gute Stunden am Tag“, findet sie. „Die aber kann man nicht erzwingen. Also setzt man sich am Besten nicht unter Zeitdruck an, lässt sich einfach treiben.“

Konzentriert und eindringlich erzählt Annie Gosfield von ihrem künstlerischen Werdegang. Von ihrem ersten Klavierlehrer beispielsweise, einem französischen Résistance- kämpfer, der sich in die USA geflüchtet hatte, und der ihr die Lust an der Improvisation beibrachte. „Wenn du schon die falschen Noten spielst, dann mach es wenigstens auf die richtige Weise!“, herrschte er sie einmal an, als sie unvorbereitet zum Unterricht erschienen war. „Da habe ich gelernt, dass es vor allem darum geht, sich treu zu bleiben, egal, was die anderen sagen.“

Oder ob sie mit Bierflaschen nach einem werfen. In den Punk-Bars in Los Angeles, in denen Annie Gosfield auftrat, nachdem sie 1978 ihr Klavier- Musiktheorie- und Kompositionsstudium an der North Texas State University geschmissen hatte, beschränkte sich das Publikum nicht darauf, Abneigung allein verbal auszudrücken.

Manchmal zogen auch die Clubbesitzer mitten während des Gigs einfach den Stecker raus. Da sollte man als Performer schon Idealist sein – und sich ein dickes Fell zulegen. „Aber ich wollte unbedingt raus und spielen, mit den anderen experimentieren, möglichst ganz ohne Noten.“ Roger Kleier, der E-Gitarrist ihrer Avantgarde-Rock-Band „The Apes of God“, ist immer noch an ihrer Seite, auch privat.

1992 zieht Annie Gosfield nach New York, taucht ein in die Neue-Musik-Szene von Downtown Manhattan, arbeitet mit John Zorn, tritt in der legendären Knitting Factory auf – und arbeitet nebenbei als Hutmacherin. Bald aber kann sie von ihrer Musik leben, erhält Stipendien, wird als Gastprofessorin eingeladen, veröffentlicht CDs beim Label Zadik. Neben den pulsierenden Maschinenrhythmen und archaischen Umgebungsgeräuschen verwendet sie gerne auch den Klang verstimmter Klaviere – oft hergestellt über elektronische Samplingprozesse. Womit der Link hergestellt wäre zu einem der Jubilare, die 2012 bei der Maerzmusik im Mittelpunkt stehen: Neben dem 60. Geburtstag von Wolfgang Rihm wird auch der 100. von John Cage gefeiert. Den Erfinder des präparierten Pianos sieht Annie Gosfield durchaus als einen ihrer geistigen Väter an: „Er hat viel dafür getan, dass Töne, die nicht als Musik gelten, dennoch akzeptiert werden.“

Was ihr noch an John Cage gefällt, ist sein Wagemut, seine Fähigkeit, sich bis zuletzt stilistisch weiterzuentwickeln – und dass er sich nicht so sehr an Details geklammert hat wie viele andere Komponisten. Den Ausführenden vertrauen, das versucht auch Gosfield.

Und während sie so verständig und verständlich über ihre Kunst spricht, fällt einem plötzlich ein, an wen einen die Amerikanerin mit der kunstvoll hochtoupierten Mähne und der taillierten Samtjacke schon die ganze Zeit erinnert. An eine Lady, die auch mal ganz nahe am Punk war: Annie Gosfield – die Vivienne Westwood der zeitgenössischen Musik!

Gosfields „Sonic Arts Lounge“ findet am 21. März um 22 Uhr im Berghain statt.

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