Kultur : Laut der Zeit

Wo das Chaos lacht: Darren Almond und Albert Oehlen in der Galerie Hetzler

Ulrich Clewing

Wenn es stimmt, dass die Zeit heute lautlos vergeht, dann ist Darren Almond ein altmodischer Künstler. Bei ihm macht die Zeit nämlich einen Höllenlärm. Metallscharniere klacken, Druckventile zischen, die ganze Mechanik teilt dem Besucher unzweideutig mit, dass die Minuten, Stunden und Tage vorüberziehen.

In etlichen Objekten, Installationen und Filmen des 1971 geborenen Briten nehmen Uhren einen prominenten Platz ein. Doch selten waren sie so präsent wie jene, die Almond in der Galerie Max Hetzler aufgebaut hat. Fast vier Meter hoch und sieben Meter breit ist die Konstruktion aus Stahl und Elektromotoren.

„Mono Chrono Pneumatic White“, so der Titel der Arbeit, ist ein riesenhafter Chronograf mit Ziffern im Digital-Stil. Vor allem aber ist sie eine mächtige Geräuschmaschine: Alle sechzig Sekunden drehen sich die Metallpanele in eine neue Position, um die korrekte Uhrzeit anzuzeigen, wobei sie unerbittlich Töne erzeugen. Man kann das Vergehen von Zeit und damit auch die eigene Vergänglichkeit also nicht nur sehen, sondern auch hören – so wie früher, als die Glocke der Kirchturmuhr den Lebenden als Mahnung diente, weil sie den Takt ihres näher rückenden Endes schlug (Preis auf Anfrage).

In der Hetzler-Dependance in der Holzmarktstraße hat Almonds Werk offensichtlich noch eine zweite Funktion. So wie es da steht, ist es auch eine Wand, ein Raumteiler, der den Blick auf das verstellt, was sich dahinter befindet: ein Computer-Gemälde von Albert Oehlen, das bis auf wenige Zentimeter Abweichung genau die gleichen Abmessungen besitzt wie Almonds „Mono Chrono“. Das ist einerseits Zufall, Oehlens „Annihilator“ stammt in der Urfassung aus dem Jahr 2001, ist also fünf Jahre vor „Mono Chrono“ entstanden (und wurde vor zwei Wochen noch einmal überarbeitet, Preis ebenfalls auf Anfrage). Andererseits ist die Ähnlichkeit der Dimensionen ein glücklicher Umstand, denn so fällt es nicht schwer, sich die beiden Werke als direkt aufeinander bezogen zu denken.

Streng genommen ist Oehlens Arbeit das genaue Gegenbild zu Almonds erbarmungsloser Exaktheit im Bemessen von Existenz. Es ist das pure, heitere Chaos, das einem hier entgegenlacht: ein Patchwork aus Farben und Linien, die oft so aussehen, als kämen sie aus der Spraydose. Doch je länger man sich darin vertieft, desto geordneter wirkt die Komposition. Vermeintlich wahllos gesetzte Striche verwandeln sich in Rhythmen, disparate Farbtöne formen einen einheitlichen Klang, Flächen und Ornamente werden zu Räumen. Das alles ist von einer Dynamik, die offenkundig einem bestimmten System folgt, sich mit unabänderlichen Maßeinheiten à la Almond aber nicht einmal im Ansatz begreifen lässt.

So ergibt sich aus der Kombination der beiden Werke fast so etwas wie ein großes, begehbares Kaleidoskop: Was gerade eben noch als Gewissheit galt, ist im nächsten Moment schon wieder obsolet. Wo bei dem einen der Lauf der Zeit einen fortwährenden Verlust beschreibt, ist bei dem anderen die Zeit das Mittel, durch welches sich die Dinge überhaupt erst zusammenfügen. Es ist, als würden die Bestandteile dieser Doppelausstellung bei Hetzler einen seltsamen gemeinsamen Organismus bilden. Während der eine ausatmet, atmet der andere ein. Selten ergänzen sich zwei so unterschiedliche Konzepte zu einer so ätherischen Harmonie.

Galerie Max Hetzler, Holzmarktstraße 15-18, bis 11. März; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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