Kultur : Laut die Fanfare blasen, zart die Harfe zupfen

Vor der Präsidentenwahl: Mitglieder der Akademie der Künste über die Krise und die Zukunft der Institution

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Am Samstag will die Akademie der Künste auf ihrer Frühjahrsversammlung einen Präsidenten wählen, nachdem der Schriftsteller Adolf Muschg im Dezember von seinem Amt zurückgetreten war. Streitpunkt war unter anderem die Reform der Satzung, die auf mehr Unabhängigkeit des Akademie-Senats von den einzelnen Abteilungen zielt. In die Kritik ist die Akademie auch wegen ihrer mangelnden öffentlichen Ausstrahlung und des schwierig zu nutzenden neuen Gebäudes am Pariser Platz geraten. Der Tagesspiegel bat Akademie-Mitglieder um ihre Meinung über Aufgaben und Perspektiven des Hauses und des künftigen Präsidenten.

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Walter Jens

Adolf Muschg hat vernünftige Reformvorschläge gemacht, ist dabei aber mit dem Senat der Akademie ins Gehege gekommen. Seine Hauptvorschläge kann ich nur unterstützen: Erstens müssen wir junge Mitglieder gewinnen, die Akademie ist überaltert. Zweitens fehlen Frauen. Drittens muss es uns gelingen, den Abteilungsegoismus zu überwinden. Das ist das Schwerste, da die Konflikte seit Jahren brodeln. Die Abteilungen müssen endlich konsequent und nach außen wirksam zusammenarbeiten, dagegen wurde zu lange gemauert. Die Mitglieder müssen aktiver sein, sie dürfen nicht alles den Mitarbeitern überlassen. Zwar teile ich den Enthusiasmus für Satzungsfragen nicht, sie haben etwas unsagbar Langweiliges. Aber für diese Teamwork muss unter anderem der Präsidialsekretär mehr Vollmachten bekommen.

Auch bei öffentlichen Debatten soll sich die Akademie einmischen und aus ihrer Zentrale heraus wie ein Fokus nach außen wirken. Dabei kommt es auf die Vernetzung mit anderen Künstlern und Wissenschaftlern an. Beim Karikaturenstreit beispielsweise könnte sie auf Theologen zugehen und die Frage „Du sollst dir kein Bildnis machen“ thematisieren. Was den künftigen Präsidenten betrifft: Ich halte nichts von der Trennung zwischen künstlerischer Leitung und Verwaltung, ich halte nichts von Kulturmanagern. Der Präsident sollte ein umfassend gebildeter Künstler sein, der wissenschaftlich zu arbeiten versteht und sehr viel Charme hat.

Walter Jens lebt als Schriftsteller in Tübingen. Von 1990 bis 1997 war er Akademie-Präsident.

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Klaus Staeck

Die Akademie in ihrer jetzigen Verfasstheit braucht Beruhigung und Bewegung zugleich. Dass 300 Jahre bewegte Vergangenheit – zu studieren in den Sedimentschichten eines der bedeutendsten Archive – nach der permanenten Reform rufen, ist wohlfeil und dennoch legitim. Der innere Zustand ist besser als sein Ruf, wenn auch die Mitarbeiter im Strudel der entfachten Emotionen über die ewige Sinnfrage einer Akademie im Hier und Jetzt derzeit Mühe haben, Kurs zu halten. Der anschwellende Eindruck, die Institution sei allzu sehr zur steuerfinanzierten Wärmestube für betagte Künstler mutiert, ist falsch. Und die Suche nach einer erlösenden Lichtgestalt für das Präsidentenamt wird überbewertet.

Richtig ist jedoch, dass die für notwendig gehaltenen Veränderungen auch umgesetzt werden, statt ständig öffentlich über den Reformstau zu schwadronieren. Richtig bleibt, dass man von der Berliner Akademie mit der Freiwilligenarmee ihrer weltweit verstreuten Mitglieder jenseits des allgemeinen TalkshowGeschwurbels Anstöße zu wichtigen politischen Debatten auch als intellektuelle Selbstvergewisserung einer tief verunsicherten Gesellschaft erwarten kann. Diese Verpflichtung ist nicht nur dem neuen Bundesgesetz geschuldet.

Gerade in Zeiten der Refeudalisierung durch fortschreitende Privatisierung nicht nur im Kulturbereich und des zunehmenden Verschwindens öffentlicher Räume als Bühne für die Einübung des Demokratischen braucht man Institutionen wie die Akademie, die in der Lage, aber auch willig sind, sich dem in Wirtschaft und Politik galoppierenden Übermut in den Weg zu stellen. So ist das zweite Standbein am Pariser Platz für die Sozietät der Einzelgänger Herausforderung, sowohl laut die Fanfare zu blasen, als auch zart die Harfe zu zupfen. Die Akademie ist kein Gegenstand für Spekulationen auf dem ohnehin übersättigten Immobilienmarkt.

Klaus Staeck lebt als Künstler in Heidelberg. Er ist Stellvertretender Direktor der Akademie-Abteilung Bildende Kunst.

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Ulrich Matthes

Die Akademie muss sich neben ihren künstlerischen Aktivitäten auch mit kulturpolitischen Fragen öffentlich auseinandersetzen. Das gesellschaftliche Forum Akademie gab es zuletzt quasi nicht mehr. Der Pariser Platz bietet sich als Forum geradezu an, auch wenn der Neubau architektonisch nicht sehr geglückt ist. Eine Entwicklung mehr hin zu einem Eliteklub wäre fatal. Auch wenn Künstler von Natur und Selbstverständnis her Einzelgänger sind und es auch sein müssen. Der Präsident muss dabei die Kraft haben, das auszuhalten und zu vermitteln. Aber die Suche nach einem Superstar oder der großen Lichtgestalt ist zwecklos. Vielleicht gibt es ja eine sanft glimmende Lichtgestalt, ein Glühwürmchen. Manchmal sind dauerhafte Glühlampen besser als der vermeintliche Superscheinwerfer.

Ulrich Matthes lebt als Schauspieler in Berlin.

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Jeanine Meerapfel

Die Akademie der Künste ist und bleibt ein Zentrum für Künstler. Dass sie in die Öffentlichkeit gezwungen wurde, ist kein guter Zustand. Wir müssen das Problem lösen, wie wir mit dem öffentlichen Ort des neuen Gebäudes am Pariser Platz umgehen, ohne unsere Grundsätze zu verletzen. Wir sind kein Werbeunternehmen für die Kunst, müssen uns auch nicht zu jedem Weltereignis äußern, sondern uns zurückziehen und nachdenken können. Wieso eigentlich wird von uns Künstlern mehr Öffentlichkeit verlangt? Umgekehrt stellt sich auch die Frage, wie sich Öffentlichkeit und Politik zur Kunst verhalten. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der um Micha Ullmans Bücherverbrennungs-Denkmal auf dem Berliner Bebelplatz erst eine Tiefgarage gebaut wird und zur WM Buddy-Bären aufgestellt werden sollen. Vom künftigen Präsidenten wünsche ich mir, dass er für das richtige Amalgam unter den Mitgliedern sorgt. Er sollte tolerant, innovativ und mutig sein.

Jeanine Meerapfel lebt als Filmemacherin in Berlin.

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Hans Helmut Prinzler

Die Akademie ist mehr als ein Kaffeekränzchen. Sie ist eine Künstlersozietät, in der man miteinander reden und von der aus man Dinge bewegen kann. Ihre Aufgabe ist es auch, nach außen zu wirken und über Kunst und Gesellschaft zu reflektieren, in Ausstellungen und Veranstaltungen wie kürzlich der Diskussion über den Film „Das Leben der Anderen“, zu der 600 Leute an den Hanseatenweg kamen. In die Akademie werden in der Regel Menschen gewählt, die schon ein Werk vorzuweisen haben. Wobei die Mitgliedschaft kein Verdienstorden für Ältere sein soll. Ein Risiko: Mitglied ist man lebenslang, es gibt keine Probezeit, das führt dazu, dass sich nicht alle Mitglieder so am Akademieleben beteiligen, wie man es sich vielleicht wünscht.

Das neue Gebäude am Pariser Platz polarisiert, aber es ist nicht so schlecht, wie es gemacht wird: Es hat gute Nutzungsmöglichkeiten. Es polarisiert auch deshalb, weil es uns privilegiert. Dass wir in die Hände des Bundes übergegangen sind und ein neues Haus bekommen haben, lässt die Erwartungen in die Höhe schnellen. Der künftige Präsident muss integrieren können, er muss ein kluger Kopf sein, der eine Vision hat und nach außen wie nach innen kommunizieren kann. Dabei ist die derzeitige Debatte um die Präsidentenfrage mit Erwartungen verknüpft, die etwa so hoch sind wie die an den Trainer der Nationalmannschaft. Ihnen kann beim besten Willen keiner genügen.

Hans Helmut Prinzler leitete bis Ende März die Stiftung Deutsche Kinemathek. In der Akademie ist er Direktor der Abteilung Film- und Medienkunst.

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Frank Michael Beyer

Das ist die falsche Frage: Was ist der Sinn einer Akademie? Das wäre so, als ob man fragt, was der Sinn des Lebens ist oder der Kunst. Augenblickliche Aufgabe der Akademie ist das Nachdenken über den Standort einer rein geistigen Arbeit, nicht im luftleeren Raum, sondern auch für die anderen. Wir müssen Fragen nicht schnell beantworten, aber lauthals stellen und mit anderen darum ringen: Fragen, die die Menschen heute bewegen, die mit dem Sozialen zusammenhängen, Fragen einer „geistigen“ Allgemeinheit. Man denke nur an die Schulen, die Hochschulen, die Kämpfe der Orchester, die Frage der Rechtschreibung, die jungen Menschen, die nicht wissen, ob sie in geistigen Berufen überhaupt noch eine Position finden.

Wenn man diese Fragen – etwa die des Urheberrechts als geistiges Eigentum in Zeiten der Globalisierung – richtig stellt, bekommen sie eine eminente Bedeutung. Mein Ziel geht dahin, dass die Akademie ein wirklicher Ort der Austragung dafür wird. Das ist auch der Beratungsauftrag der Bundesregierung gegenüber. Die Fragen werden Weltfragen, es geht über Europa hinaus. Deshalb muss die Akademie auch ein Verbindungsort zu anderen Akademien in anderen Ländern sein. Der Brückenschlag in die allgemeine Verantwortung hinein, da ist die Akademie gefordert. Dabei tritt die Frage nach dem Präsidenten merkwürdigerweise und auch schönerweise fast in den Hintergrund.

Frank Michael Beyer lebt als Komponist in Berlin. Er ist Mitglied des Akademie-Senats.

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Matthias Lilienthal

Die Akademie der Künste am Pariser Platz ist ein super Gegenparlament zum Bundestag. Dies auszutesten, muss in den nächsten Jahren die Rolle der Akademie sein. Bei der Auswahl des Präsidenten sollte man weniger auf die einzelne glamouröse Person schauen als auf das Kollektiv der Mitglieder.

Matthias Lilienthal ist Intendant des Hebbel am Ufer Berlin.

Die 1696 gegründete, ursprünglich preußische Akademie der Künste hat heute 367 Mitglieder und 150 Angestellte, davon arbeiten 76 im berühmten Archiv. Die Mitglieder sind in sechs Abteilungen versammelt: Baukunst, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film- und Medienkunst, Literatur und Musik. Die Akademie verfügt über ein Budget von 18 Millionen Euro , von denen jährlich 3,5 Millionen als Leasingrate für den Neubau am Pariser Platz aufgewendet werden.

Vor Adolf Muschg war der ungarische Schriftsteller György Konrad Präsident. 1993 fusionierten die West- und Ost-Akademien, unter Walter Jens als Präsident im Westen und Heiner Müller im Osten. Die Akademie hat heute zwei Adressen: das Gebäude der West-Akademie im Hanseatenweg und den Neubau am Pariser Platz . Dort war bereits die Preußische Akademie beheimatet. Informationen: www.adk.de

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