Kultur : Laut & Laxness

Es soll Leute geben, die wochenlang im Innern Islands ausharren, mit Zelten und bei enormen Nachtfrösten, nur um dieses unverwechselbare Erlebnis zu haben: das Erlebnis des Überlebens und der Kunst. Denn zu Kunst geworden ist die isländische Landschaft, diese Mischung aus heiß und kalt, aus Geysir und Gletscher, und ausgedrückt wird dies durch leere und karge Weiten, die dem Menschen überlegen zu sein scheinen.

Dass in dieser Landschaft vor allem die Literatur gedeiht, steht außer Frage. An den bewohnbaren Rändern Islands leben nicht einmal 300 000 Menschen, mehr als die Hälfte davon in und um die Hauptstadt Reykjavik, und jeder von ihnen liest und fast jeder von ihnen schreibt Bücher. Es muss etwas mit den extremen Rahmenbedingungen zu tun haben, mit den Temperaturen und dem Licht, das kostbar ist und auf die langen Nächte verweist - und mit dem existenziellen Gefühl des Ausgesetztseins.

Es gibt in Island die meisten Schriftsteller im Verhältnis zur Bevölkerungsanzahl, das Land liegt in dieser Disziplin uneinholbar an der Spitze. Und wenn man die Dichternamen des heute beginnenden Festivals "island hoch" auszusprechen beginnt, teilt sich einem sofort auch die Eigenart dieser Sprache mit: Gudbergur Bergsson, Hallgrimur Helgason, Kristin ¿Omarsdóttir, Steinunn Sigurdardóttir - die Nachnamen weisen die jeweiligen Träger als Sohn und Tochter der betreffenden Elternteile aus, ein archaisches Prinzip, dem das Isländische auch in Lautbildung und Grammatik folgt. Es ist die bei weitem älteste der skandinavischen Sprachen, mit einigen Elementen, die dem Mittelhochdeutschen entsprechen, und ein paar Buchstaben stammen noch aus der Zeit, in der hierzulande das Wessobrunner Gebet getextet wurde.

Heute fällt alles auf einen Tag: der Welttag des Buches, der 100. Geburtstag des größten isländischen Dichters und Nobelpreisträgers Halldór Laxness (der sich aufmüpfigerweise nach dem Hof nannte, auf dem er aufwuchs, und nicht nach seinem Vater) und die Eröffnung eines Islandfestivals in Berlin. Da lässt es sich auch der Bundeskanzler nicht nehmen, ein Grußwort zu sprechen. Denn hier, das wird er fühlen, ist er bei den Quellen, hier bewegt er sich im Ursprünglichen und Authentischen. Sich damit zu konfrontieren: dafür könnte es für ihn vielleicht doch noch nicht zu spät sein.

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