Kultur : Laut wie Oscar

KEVIN CLARKE

Das Berliner Sinfonie-Orchester mit Mahler im SchauspielhausVON KEVIN CLARKEGäbe es in der Kategorie Sinfonik einen Oscar für die besten Soundeffekte, hätte "Der Titan" gute Chancen auf eine Nominierung.Gustav Mahlers Sinfonie Nr.1 bietet von den einleitenden, mysteriös-flirrenden Flageoletts der Streicher bis zur abschließenden Climax con tutto eine atemberaubende Klangpalette, deren Fülle Michael Schönwandt und das Berliner Sinfonie-Orchester nur andeutungsweise realisieren konnten.Statt majestätisch durch Mahlers gewaltige Klangwogen zu gleiten, geriet die BSO-Crew oft gehörig ins Schwanken, verwackelte Einsätze und spielte ungenau.Erst im monumentalen Finale lief das Orchester zu angemessen großer Form auf, ließ am Schluß mit Paukenwirbeln die Sitze des Schauspielhauses erbeben und lieferte eine Explosion, die kein THX-System einfangen könnte - ein elektrisierendes Live-Erlebnis, das wenigstens teilweise für eine ansonsten kaum unter Starkstrom stehende Wiedergabe entschädigte. Konzentrierter und differenzierter zeigte sich der Klangkörper bei Mozarts einleitendem Klarinettenkonzert A-Dur.Der junge französische Solist Paul Meyer lieferte dazu eine transfigurierte Pantomime.Er schien abgetaucht in die Wunderwelt Mozartscher Musik.Die Augen gen Himmel gerichtet, der Mund lechzend offen, der Körper im Sog der Harmonien wiegend, tauchten die Töne des Bläsers auf wie Signale aus der Tiefe der Inspiration.Leider klangen sie nicht so: Die beachtliche Piano-Kultur Meyers hatte (noch) zu wenig innere Spannung und wurde vom Publikum mit Hustensalven quittiert.Der Eleganz seiner Tongebung fehlte es an Fülle und Sinnlichkeit für Mozarts einprägsame Melodien.Die Erinnerung daran wurde zu schnell von Mahlers titanischem Sinfonie-Sturm weggeweht, dessen Macht, trotz aller Einwände, ungeheuerlich ist: "And the winner is ..."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben