Kultur : Laute Staubsauger in freien Versen

Immer gut geerdet: Der Berliner Dichterin, Übersetzerin und Lektorin Brigitte Struzyk zum 60. Geburtstag

Lea Streisand

Ihre Neuköllner Wohnung ist ein buntes Schneckenhaus. Dreimal um die Ecke, zweiter Hinterhof, die Zimmer winden sich umeinander, kleiner werdend. Brigitte Struzyk war Agrotechnikerin, Dramaturgin, Lektorin, Übersetzerin. Und immer Lyrikerin. Seit 1973 erscheinen ihre Texte in Literaturmagazinen. 1978 publizierte sie ihre Gedichte als Heft 134 der legendären Reihe „Poesiealbum“. Ihre erste Prosaarbeit „Caroline unterm Freiheitsbaum“ erschien 1988 in beiden deutschen Staaten. Die Momentaufnahmen aus dem Leben der Frühromantikerin Caroline Schelling waren das Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung Struzyks mit der deutschen Romantik als Lektorin beim Aufbau-Verlag. Die „Ansichtssachen“, so der Untertitel, stellen die gesellschaftlichen Probleme des 18. Jahrhunderts denen des 20. gegenüber: die Widersprüche zwischen Geist und Macht, Moral und Staatsgewalt.

Nach der Wende erschien 1994 „In vollen Zügen. Rück-Sichten“. Autobiografische Szenen beleuchten das Leben in der DDR, ganz ohne Nostalgie. Kritisch betrachtet Struzyk das eigene Werk, berührend verarbeitet sie den Selbstmord der ältesten Tochter. Acht Bücher hat sie veröffentlicht. Nun ist „Die Linde am Rhin“ erschienen, ein Schmuckband mit filigranen Holzstichen von Karl-Georg Hirsch. In Eigeninitiative haben Hirsch und Matthias Gubig, Professor für Buchdruck in Weißensee, die Reihe „zwiedruck“ realisiert. Mit einer winzigen Auflage von 80 Exemplaren ist „Die Linde am Rhin“ ihre zweite Produktion. „Verdienen kann man damit nichts“, sagt die Autorin, „es macht nur Freude.“

Als Struzyk 2004 Stadtschreiberin zu Rheinsberg war, ist ihr „großes Gedicht“ entstanden: eine Meditation über Werden und Vergehen, über Fotosynthese und Zellengewebe, laute Laubstaubsauger und tote Wespen in freien Versen. „Ich schreibe eruptiv“, sagt Struzyk, „ein Wort gibt das andere, wie Steine über dem Fluss, und dann springst du von einem zum nächsten.“ Auch die „Linde am Rhin“ steht in der Tradition romantischer Naturlyrik. Am Anfang „preußisch und nüchtern“ verliert sie ihre Blätter im Herbst und zeigt ihre Wunden. Brigitte Struzyk ist eine geerdete Frau. Das Badezimmer in Pankow hieß Feuchtwanger, nach dem Preis der Akademie der Künste, dessen Geld 1991 die neuen Kacheln finanzierte, die „Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung“ 1992 floss in die Heizung. Vielleicht kann die Autorin nun bald ihre Neuköllner Küche renovieren.

Brigitte Struzyk: Die Linde am Rhin. Holzstich und Schabblätter von Karl-Georg Hirsch. Reihe zwiedruck 2006. Die Berliner Literaturwerkstatt gratuliert der Autorin heute um 20 Uhr in einer Veranstaltung u. a. mit Brigitte Burmeister, Elke Erb und Lutz Seiler.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben