Kultur : Lauter Einsen

Modellausbilder: Das Berliner Zentrum Tanz startet einen Studiengang für Choreografie

Sandra Luzina

Was zuerst nur eine kühne Kopfgeburt war, wird jetzt realisiert: Im April 2007 können die ersten Studenten eines neuen Bachelor-Studiengangs für Choreografie loslegen. Somit wird das hochschulübergreifende Zentrum Tanz von einem eher virtuellen Gebilde zu einer Ausbildungsstätte mit Modellcharakter.

Mit dem Pilotprojekt hatten die Berliner sich beim von der Bundeskulturstiftung ausgelobten „Tanzplan Deutschland“ beworben – und auch eine Zusage auf Förderung in Höhe von etwas über einer Million Euro erhalten. Allerdings erschien das Berliner Vorhaben dem Kuratorium als ein derartiges Abenteuer, dass es eine Sicherung einbaute. Nach einer ersten Vorbereitungsphase sollte nochmals evaluiert werden. Am 30. November hat das Kuratorium erneut getagt – und Bestnoten verteilt. Das wird nun für weitere drei Jahre gefördert: Der Kostenaufwand des vierjährigen Projekts beläuft sich insgesamt auf 2,2 Millionen Euro. Es wird zur Hälfte vom Tanzplan Deutschland und vom Land Berlin und den beteiligten Hochschulen getragen.

„Die Berliner haben in knapp einem Jahr eine fantastische Arbeit geleistet“, schwärmte Madeline Ritter vom Tanzplan Deutschland. Bei der Pressekonferenz in der Universität der Künste war denn auch eine verhaltene Euphorie zu spüren, knüpfen sich doch große Hoffnungen an das Projekt, das einen neuen Weg in der künstlerischen Ausbildung von Tänzern und Choreografen beschreitet.

Man merkte den beteiligten Experten ihr Erstaunen darüber an, dass so schnell eine Einigung erzielt wurde. Unterschiedlichste Partner mussten sich aufeinander zubewegen. Getragen wird das Zentrum von den Kunsthochschulen Universität der Künste und Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Aber auch die freie Tanzszene Berlins wird stark eingebunden, um der Ausbildung Praxisbezug zu garantieren. Eine derartige Kooperation hat es bislang noch nicht gegeben. Für die freie Szene bedeutet dies eine Aufwertung und eine Anerkennung ihres innovativen Potenzials – und zwar über den Bereich der künstlerischen Kreation hinaus. Barbara Friedrich von der Initiative „Tanzraum Berlin“ meinte rückblickend: „Am Anfang des Projekts stand die Überzeugung, dass Berlin die besten Voraussetzungen hat, um auch international eine Vorreiterrolle zu übernehmen.“ Die Szene, die lange nur als Bittsteller um mickerige Subventionen in den Blick geriet, hat ihre Kräfte gebündelt und wurde zum ernst zu nehmenden Partner der Kulturpolitik – und so zum Schrittmacher einer rasanten Entwicklung.

Wie das Curriculum des neuen Studiengangs aussieht, skizzierte die geschäftsführende Direktorin Eva-Maria Hoerster. Nicht nur neue Inhalte stehen auf dem Lehrplan, angestrebt sind auch neue Formen des Lehrens und Lernens. Besonderen Wert wird auf die Selbstbestimmung der Studenten gelegt. Mit dem französischen Choreografen Boris Charmatz gehört dem Dreier-Direktorium ein international renommierter Künstler an. In den ersten vier Jahren durchläuft das hochschulübergreifende Zentrum eine Recherche- und Forschungsphase, doch auch die Zukunft scheint gesichert. Der Bestand des Zentrums solle finanziell im Rahmen der ab 2010 geltenden Hochschulverträge abgesichert werden, erklärte der Berliner Bildungs- und Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner. Interessenten für den Bachelor-Studiengang können sich bis zum 15. Januar 2007 bewerben. Ein erster Master-Studiengang wird für den Oktober 2007 vorbereitet.

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