Kultur : Lauter kleine Ewigkeiten

Wo bitte geht’s zum Zusammenhang? Nach zehn Wochen enden die Berliner Festwochen mit Stockhausens „Engel-Prozessionen“

Christine Lemke-Matwey

So eng ging’s bislang selten zu. Schulterblatt rieb sich an Schulterblatt, Oberschenkelhals an Oberschenkelhals, und wer Pech hatte, der kriegte auch noch einen Rüffel: Die Klebestreifen am Boden seien bitteschön zu respektieren und keinesfalls zu übertreten – wie sonst sollten sich die Bataillone des grandiosen Niederländischen Rundfunkchores in den nächsten 45 Minuten einigermaßen störungsfrei ihren penibel durchchoreografierten Weg durchs Schiff der Heiligkreuz-Kirche bahnen? Nun denn, Bauch rein, Brust rein und die Tasche unters Kinn. Schließlich stand mit der deutschen Erstaufführung von Karlheinz Stockhausens „Engel-Prozessionen“ (nur drei Tage nach der Amsterdamer Uraufführung!) ein genuines Großereignis bevor, einer jener raren big points im zurückliegenden zweieinhalbmonatigen Berliner Festwochen-Geschehen, die sich selbst genug waren – und die sich nicht darum scherten, ob davor oder danach die Drei Tenöre auftraten oder Morton Feldmans Enkel.

Eine vergleichbare Qualität und Fraglosigkeit erzielten in diesem ersten Jahrgang allenfalls noch Salvatore Sciarrinos „Tödliche Blume“ (eine Coproduktion mit der Zeitgenössischen Oper Berlin) und das Forsythe-Gastspiel an der Schaubühne. Beides hätte sich – abgesehen vom Geld – allerdings auch einfach so zutragen können, an diesem oder jenem angestammten Ort, übers Jahr und ganz ohne Festwochen-Gedöns. Der Kontext als intellektuelle Schimäre? Die Festspiel-Idee als hohle Nuss? Die lang ersehnte Erneuerung eine einzige riesenhafte Enttäuschung? Es ist in den letzten Tagen viel geschimpft und geschrieben worden über das neue Gewand der Berliner Festwochen. Und es ist leicht, daran buchstäblich kein gutes Haar zu lassen. Zu leicht.

Die zeitliche Ausdehnung auf zehn zähe lange Wochen, die den Festspiel-Gedanken gleichsam von innen heraus torpediere, die verwirrende Vielzahl der Veranstaltungsorte in der Stadt, der tote Winkel, dem das neue Festspielhaus an der Wilmersdorfer Schaperstraße seine beklemmende, durch kaum etwas zu vitalisierende Atmosphäre verdanke, das fehlende Marketing, die ach so tristen Plakate, das Ausbleiben des Publikums, und zwar sowohl des so genannten bürgerlichen, das noch zu Ulrich Eckhardts Zeiten die Philharmoniker-Konzerte stürmte, als auch des so genannten jungen, eine Zielgruppe, mit der sich schon wesentlich erfahrenere Berliner Institutionen wie das Hebbel-Theater, das Theater am Halleschen Ufer, das Podewil oder die Sophiensäle schwer tun – dies alles ist so falsch wie richtig.

Gewiss, die Zahlen sprechen eine mehr als deutliche Sprache: 25000 Besucher für 120 Veranstaltungen – stärker kann eine neue Mannschaft, kann ein Konzept das Publikum kaum verfehlen. Und wenn Joachim Sartorius jüngst im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung erklärte, man habe in dieser ersten Festwochen-Saison „ungewöhnliche, auch schwierige Dinge“ zeigen wollen, dann sagt das noch nichts darüber, ob das an Konzerten, an Musik- und Tanztheaterpremieren nach wie vor reiche Berlin in Zukunft überhaupt so etwas wie Festspiele braucht, und wenn ja, welche, und warum hier genau das nicht zu funktionieren scheint, was in Paris oder Amsterdam auf internationalem Niveau seit Jahren für Neid, Furore und klingelnde Kassen sorgt. Weil Berlin in künstlerischen Fragen eben doch „Provinz“ ist (mit Ausnahmen!) und als solche nach wie vor weit mehr mit sich selbst befasst als mit der Welt da draußen? Weil es die Menschen in dieser umtriebigen, umbrüchigen Stadt bis heute nicht gelernt haben, auch im Nicht-Glamourösen, im Offenen und „Schwierigen“ etwas Repräsentatives, nämlich Gemeinsinn Stiftendes und also per se Erfreuliches, ja Festwürdiges zu sehen?

„Die Antwort fällt schwer“, so Sartorius achselzuckend. Um sie zu finden, müssten er und sein Musikchef André Hebbelinck wohl zuallererst etwas mehr Laune und Elan an den Tag legen. Es mag nicht gelungen sein, die Schaufenster-zur-Welt-Funktion der Berliner Festwochen überzeugend neu zu legitimieren. Aber reicht dies schon aus, um panisch nach dem starken Mann respektive der starken Frau zu rufen, nämlich nach Kulturstaatsministerin Christina Weiss, wie Monika Griefahn, die Vorsitzende des Kulturausschusses des Bundestages, es dieser Tage tat? Sicher nicht. Überhaupt ist Weiss, die ihrerseits mit Blick auf die Festwochen „konzeptionelle Probleme“ diagnostizierte, gut beraten, sich weniger in inhaltliche Dinge einzumischen als für stabile Rahmenbedingungen zu sorgen. Und das bedeutet in harten Zeiten wie diesen vor allem: Kunst braucht Zeit, Atem, Vertrauen, Geduld. Kunst ist nichts (und darin wenigstens unterscheiden sich Festivals nicht von der kulturellen Grundversorgung), was auf Anhieb und für lauter kleine Ewigkeiten sitzt.

Kunst bedeutet immer „Risiko“, darin hat Joachim Sartorius nach wie vor Recht. Also beschwere sich keiner, wenn wirklich mal etwas schiefgeht. Insofern nehmen sich Karlheinz Stockhausens „Engel-Prozessionen“ – ein reines Chorwerk und weiterer Baustein seines monumentalen Zyklus „Licht“, genauer: die zweite Szene des „Sonntags“ aus „Licht“ – fast wie ein Versprechen aus. Als Ereignis nämlich besaßen sie Aktualität – und machten nicht, wie die meisten anderen Musiktheaterproduktionen (Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, Kaija Saariahos „From the Grammar of Dreams“) als Aufgüsse eines normierten Tourneegeschäfts in Berlin Station. Und auch ästhetisch sind sie in ihren pfingstwunderlichen Klanggebärden so eigensinnig, so tief verankert in Stockhausens summendem, schnalzendem und schmatzendem Sakraltheater, dass sie es nicht mehr nötig haben, sich mit Albernheiten wie dem Verflüssigen traditioneller Gattungsgrenzen aufzuhalten – im Gegensatz etwa zu den „Zeitmaschinen“ des Hebbelinckschen Konzertprogramms, die damit beschäftigt schienen, die Mauern der Musikgeschichte noch ein Stückchen höher zu ziehen.

Wie oft bei Stockhausen aber wusste man auch hier nicht so recht, ob man angesichts des in bunten Kutten durch die Heiligkreuz- Kirche wandelnden, sich eurhythmisch betätigenden Chores laut losprusten oder den Kopf schütteln sollte. Musik als Glaubensakt: immerhin ein Angebot. Und nicht das schlechteste. Die „Engel-Prozessionen“ übrigens wurden zweimal hintereinander gegeben. Der doppelte Kursus als Schule der Wahrnehmung, das Nocheinmal als simpelste, archaischste Form der künstlerischen Selbstbehauptung. Zur Pause, in der sich das Publikum frei umsetzen durfte, sammelten die Solisten (Isolde Siebert, Janet Collins, Hubert Mayer, Andreas Fischer) die blauen Lilien ein, die die Chorsänger während des Stücks wie Pfeile in imaginären Köchern auf dem Rücken trugen – und versorgten sie in einem großen Bottich mit frischem Wasser. Blumen brauchen Liebe, sagte diese Geste. Festwochen auch.

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