Kultur : Lauter Schmerzen

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Schwäne hört man in hiesigen Gefilden sehr selten singen. Das liegt daran, dass auf unseren Strömen der falsche Vogel unterwegs ist – und dieser Höckerschwan seinen langen Hals lieber tonlos in Richtung Altbrotwerfer reckt. Und so entrückt Franz Schuberts letzter Liederzyklus „Schwanengesang“ den Hörer ins Reich der Fantasie.

Hanno Müller-Brachmann, der junge Bassbariton aus dem Ensemble der Berliner Staatsoper, geht die Sache im Apollosaal viril an. Wo ist man dem Tod schließlich näher als mitten in den Stürmen des Lebens. Im flotten Vorwärtsdrang spielt seine Stimme all ihren Charme mit Leichtigkeit aus, von der schlagartig alle Natürlichkeit abfällt, wenn es getragen und gar verzweifelt wird. Hier rutscht der Fischer-Dieskau-Schüler in einen leicht hölzernen Kunstliedton ab, wie er seit den Sechzigerjahren von deutschen Konzertsaalvertäfelungen widerhallt.

Und das Intime, die erregende Aussicht, das eigene Lied hören zu können – diese zarteste Blume der Romantik welkt im Saal. Zur unfreiwilligen Parodie auf den Opernsänger als Liedgestalter geriet „Der Atlas“, wo „unerträgliche Schmerzen“ in ebenso unangenehme Phonstärken übertragen werden. Eine riesige, leere Opernbühne baut sich vor dem Zuhörer auf, um das Elend eines erschreckend kleinen Herzens vorzuzeigen. Da steht Schubert Kopf. Burkhard Kehring am Klavier löst den Melodienfluss in ein unstetes Pulsen auf, lichtet aus, was nach seinem Verständnis nur unwichtiger Wildwuchs des Melos ist.

Diese vorsätzliche Sprödigkeit potenziert sich im Zusammentreffen mit Müller-Brachmanns Forcieren bei Legato-Bögen zu einem verhärtenen, gar nicht herzlichen Klangbild. Erst ein Ausflug in Mahlers Wunderhorn-Welt führt die Interpreten durch ein reinigendes Gewitter. Dem Sänger gelingen erste Annäherungen an Ironie, dem Pianisten gezielte Kraftentladungen. Da atmet es sich bei der zugegebenen Rückkehr zu Schubert gleich viel freier. Ulrich Amling

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