Kultur : "Le petit voleur": Bäcker sterben nicht

Veronika Rall

Haben Regisseure einen erfolgreichen Spielfilm gedreht, versuchen sie meistens, sich mit ihrem zweiten selbst zu übertreffen. Anders Erick Zonca hat sich direkt vor der Premiere von "La vie revée des anges" in Cannes eine Geschichte ausgedacht, kurz danach wurde gedreht. So blieb keine Zeit für das Prätentiöse. "Le petit voleur" ist ein schneller, direkter, knapper und harter Film, der in nur 65 Minuten eine Spirale der Gewalt in Gang setzt, um sie am Ende einfach anzuhalten. "S." nennt er seinen Held.

Der Film beginnt damit, dass S. von seinem Chef, einem Bäcker, hochkant gefeuert wird. Er habe den Job hingeschmissen, erzählt er später einem Mädchen. Was man behauptet, muss man werden, schnell noch befriedigt er sich in ihrem Bett, dann klaut er ihr den Monatslohn, jetzt ist sein Weg vorgezeichnet, er schließt sich als Kleinkrimineller einer Bande an. Bis er feststellt, dass hier nichts besser ist als im kleinbürgerlichen Leben, wird er verletzt, vergewaltigt und fast ermordet, denn das einzige, was die Ober- von der Unterwelt unterscheidet, ist, dass sie Gewalt nur strukturell ausübt, während jene auf ihrer konkreten Ausübung beruht.

Zoncas Kamera umkreist Gesicht, Körper und Gesten von Nicolas Duvauchelle, einem Laienschauspieler, der S. mimt, wie ein Kampfhund, ständig auf der Lauer, wartend auf einen entscheidenden Moment. Aber den gibt es nicht. Denn hier ist alles Redundanz. Schon zu Beginn ist S. durch eine Schramme über der Augenbraue gezeichnet, später wird er boxen und sich verletzen, er wird spielerisch mit den Möbeln kämpfen und sich eine zweite Platzwunde holen, er wird verzweifelt rauh verputzte Mauern prügeln und bluten, ihm wird der Hals aufgeschnitten werden und wir hören seinen erstickenden Atem.

Man kann "Le petit voleur" als Hommage an die Filme von Scorsese lesen. S. ist der "Taxi Driver", der es der Welt heimzuzahlen versucht, aber zuerst vor dem Spiegel mit sich selbst kämpft. Doch niemals wird er die Energie eines "Raging Bull" aufbringen, alles gegen ein System zu wagen, selbst den eigenen Körper. Und Zonca ist anders als Scorsese kein guter Katholik, der auf die Erlösung spekuliert. Sein Held erwartet den Erfolg im hier und jetzt. Und wenn am Ende trotzdem alles beim alten ist, erschrickt niemand. "Sie haben sich überhaupt nicht verändert", mag man mit Frank Kafka zu S. sagen, wenn er wieder in der Backstube steht. Nicht zu Zonca. Er hat sich verändert und die Hürde eines zweiten Films geschafft - und ist sich selbst treu geblieben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar