Kultur : Leander Haußmann: Schattenallee

Mirko Weber

"Glei kimmt er, Mama!", heißt es auf dem Münchner Marienplatz, wenn der Sensemann sich zum Glockenspiel des Rathauses dreht. Aber die Münchner sind auch nach Ostern längst nicht alle wieder da, und die Fremden fühlen sich alleingelassen. Auf dem Weg zum Bier verliert mancher die Orientierung, da muss er nicht mal aus Manchester sein wie die zahlreichen britischen Fans, die auf das Spiel am Abend warten. Am unübersichtlichsten wirkt München Mittwoch nachmittag an der Ecke Briennerstraße, wo ein Haus steht, das 1861 vom Knopfmacher und Posamentenmeister Ludwig Beck gebaut wurde. Neuerdings heißt Beck "Kaufhaus der Sinne", weil es neben Klamotten auch Sushi und Pralinen gibt. Jetzt braucht das Gesamt-Kunstwerk Beck nur noch ein Theater - die Kammerspiele werden bestimmt noch bis zum Jahre 2015 umgebaut. Jetzt hat es eins, wenn auch nur in drei Schaufenstern und für drei Tage.

Leander Haußmann ist in der Stadt. Haußmann zählt knapp über vierzig Jahre und darf immer noch als der Frühvollendetste aller frühvollendeten Jungregisseure des neuen Deutschland gelten. Haußmann hatte immer viel Spaß, nur am Schluss keinen mehr im Theater. Dann drehte er die "Sonnenallee", posierte als Model und wollte einen Oscar. Nun inszeniert er in einer schattigen Münchner Straßenauslage ein Stück von Marivaux: "Der Streit". Und halb Touristen-München bleibt stehen.

Auf drei rot gelackten Podesten reißen ein paar Leute von der deutschen Schauspielakademie ein Stück herunter, das mit den Fingerspitzen angefasst gehörte, selbst wenn es in der Fußgängerzone gezeigt wird. Es geht im "Streit" darum, wer die Untreue in die Welt gebracht hat, und Marivaux streift detektivisch durch einen Dschungel von Gefühlen. Haußmann hingegen sieht nichts als bunte Tiere aus der Konfektionsabteilung und zückt die Machete. Im Zweifelsfall kommt ein bisschen Schnee über die Szene. Dabei ist es ringsherum kalt genug.

Der eigentliche Sinn dieser seltsamen Veranstaltung dürfte in der Vorstellung eines Teils der Frühjahrskollektion liegen. Das Personal trägt Strenesse, Tony Gard und die Youngster-Kittel von Hugo. Dem "Spiegel" hat der Regisseur diese Woche mit der ihm eigenen pathetischen Ironie gestanden, seine Eltern hätten ihn kürzlich bei der "Verkaufe-niemals-für-einen-Lacher-deine Großmutter-Therapie-Gruppe", angemeldet. Eine Sitzung pro Woche wird im Haußmann-Falle nicht reichen. Um weitere Schwächeanfälle zu vermeiden, wäre vielleicht eine Teilnahme am "Verkaufe-niemals-für-eine-Designer-Unterhose-deinen-Klassikerkurs" anzuraten. Natürlich ganz unverbindlich.

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