Kultur : „Lear“

Welche Begriffe von Menschlichkeit, Gier und Wahnsinn haben wir heute im Vergleich zum Publikum von vor 30 Jahren?

REIMANN: Ich muss schon wieder „unpolitisch“ antworten: Das ändert sich – und gleichzeitig sind es Archetypen. Als Komponist kann ich mich aus meiner Zeit nicht herausnehmen. Natürlich hat mich die Entführung von Hanns Martin Schleyer 1977 tief bewegt. Ich sitze an der Gloster- Szene – und die Realität spielt mir genau diesen Mord vor! Aber das Politische ist nicht immer nur das Direkte, sonst könnten wir alle Dokumentarfilme drehen.

NEUENFELS: Genau! Erst die ästhetische Umsetzung wirft die delikaten Fragen auf. Mit was kann ich heute schockieren, was heißt es, einen Menschen zu blenden? Darum aber geht es im „Lear“ gar nicht. Isolation, Verzweiflung, der Schrei nach Berührung und Gegenüber, darauf liegt die Betonung. Noch einmal: Wir reden hier von Kunst. Und darüber, dass es eine immer größere Sehnsucht danach gibt – die von den politisch Verantwortlichen nach Kräften negiert wird. Das hat sich seit 1968 und 1978 geändert. Und darauf haben wir verdammt zu reagieren!

REIMANN: Die Leute gehen ins Theater, um Kunst zu erleben. Und die saugt Wirklichkeit an, unweigerlich.

Ist das 2009 nicht eine arg romantische Vorstellung?

NEUENFELS: Kunst muss Zuschauerkunst sein – sie muss schweben. In den „Lear“ können Sie hineinstopfen, was Sie wollen, die Mauer, den Klimaschutz, die Wirtschaftskrise, tote Fußballspieler, die Verblödung der Institution Oper in Berlin, die Stasi, sogar Willy Brandt und Günter Guillaume. Nur darf ich auf der Bühne Herrn Guillaume nicht zeigen! Das wäre Friedrichstadtpalast, eine unerträgliche Verkürzung dessen, was uns Musik und Sprache sagen. Der Künstler darf sich vom Augenblick nicht hinreißen lassen. Er muss auf dem beharren, was nicht ist.

Das Gespräch führte Christine Lemke- Matwey.

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