Kultur : Lebe wild und gefährlich

Martin SchwickertD
Foto: ddp

Mitten hinein in die Wirtschaftskrisenwirklichkeit platziert Maximilian Erlenwein seinen Film „Schwerkraft“ und erzählt von einem zynischen Banker, dessen Leben aus dem Lot gerät, nachdem sich ein verschuldeter Kunde in seinem Büro erschossen hat. Aber nicht das soziale Gewissen meldet sich bei dem Angestellten Frederik Feinermann (Fabian Hinrichs), sondern die Sehnsucht nach einem anderen, wilderen Leben jenseits abgesicherter Karrierepläne.

Beim Diebstahl einer CD im Mediamarkt trifft er seinen früheren Kumpel Vince (Jürgen Vogel), dessen Lebenslauf sich weniger geradlinig gestaltete als der des braven Anlageberaters. Vince war im Knast, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und hat eigentlich dem kriminellen Gelderwerb abgeschworen. Aber als Frederik beginnt, die Häuser der gut betuchten Sparkassen-Kundschaft auszurauben, steigt Vince als praktischer Unternehmensberater in das illegale Geschäft ein.

Was für den Ex-Knacki nur der Weg zum schnellen Geld ist, wird für den kriselnden Banker zum immer gewalttätigeren Selbsterfahrungstrip. Durch den kriminellen Extremsport steigt das Selbstbewusstsein und so nimmt Frederik wieder Kontakt zu seiner früheren Freundin Nadine (Nora von Waldstätten) auf, die er seit Jahren heimlich beobachtet und fotografiert hat.

In seinem Spielfilmdebüt „Schwerkraft“, das beim diesjährigen Filmfestival in Saarbrücken mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde, zeigt Maximilian Erlenwein einen Mittdreißiger, der mit steigender Wut sein geordnetes Leben ins Chaos stürzt. Fabian Hinrichs spielt den durchgeknallten Banker als schwankenden Tänzer am Abgrund. Ganz dicht liegen hier männliche Allmachts- und Abenteuerfantasien neben den Symptomen von Vereinsamung und fundamentaler Verunsicherung. Im Gewand eines Kumpelfilmes erzählt „Schwerkraft“ von der Krise der Generation 30 plus, die nach einem geradlinigen Karriereverlauf ins Schleudern gerät. Dabei entwickelt Erlenweins Tragikomödie anarchistischen Charme und psychologischen Tiefgang, auch wenn hier das Männerfreundschaftsgehabe gelegentlich übersteuert wird. Martin Schwickert

Babylon Kreuzberg, Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Neue Kant

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben