Kultur : Leben an der Klippe der Zeit

Zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist: neue Bücher, neue Deutungen – und alte Rätsel

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Unter falschem Namen reiste Heinrich von Kleist im Herbst 1800 nach Würzburg. Von seinem Aufenthalt dort erhoffte er sich die entscheidende Wendung seines Lebens. Große, aber nicht ganz präsentable, zum Rollenspiel zwingende Absichten müssen ihn umgetrieben haben. In Briefen an die Verlobte Wilhelmine von Zenge finden sich pathetische Verheißungen, in denen die Konturen des Projekts allerdings auch nicht deutlich werden. Er habe auf dieser Reise Wilhelmines „Glück mit unglaublichen Opfern erkauft“ und „vielleicht schon gewonnen“, bald werde „eine Sonne“ über ihm aufgehen und er werde zurückkehren, „geschmückt mit den Lorbeern meiner Tat“. Endlich könne er ihre „heiligsten Ansprüche“ erfüllen.

Wirklichen „Aufschluss“ wollte er der Freundin aber nicht geben, allenfalls „Stoff zu richtigen Vermutungen“. Stoff zu Vermutungen bot er auf jeden Fall der Literaturwissenschaft. Die Würzburger Reise wurde zu einem Mythos der Kleist-Forschung. Die Thesen wucherten, immer mit guten, nie aber mit ganz zureichenden Gründen. Wollte sich Kleist in Würzburg von einer ehehinderlichen Vorhautverengung befreien lassen? Oder unterzog er sich einer „magnetischen“ Therapie? Suchte er Kontakt zu hochrangigen Freimaurer-Zirkeln? Ging es ihm darum, seine chronische finanzielle Misere, ebenfalls ein Ehehindernis, mit einem Coup zu beheben? Wollte der lebenslange Hasardeur in Würzburg die Sonne eines Glückspielgewinns über sich aufgehen lassen? Abenteuerlich klingt die Hypothese, er sei als preußischer Industriespion unterwegs gewesen, eher akademisch dagegen die Vermutung, dass er sich im Schnellverfahren habilitieren wollte.

Die Spekulationen um die Würzburger Reise zeigen nur in krasser Form, was für Kleists Leben im Allgemeinen gilt. Was man überhaupt über ihn sicher wissen kann, weiß man seit langem. Der Rest ist nicht Schweigen, sondern ein sich möglichst seriös gebendes Vermuten, Umschreiben, Annähern und Konstruieren, das viele dicke Bücher füllt. Die ergiebigste Quelle der Biografen sind nach wie vor die etwa 500 faszinierenden Seiten von Kleists brieflichen Selbstauskünften; Briefe an ihn sind dagegen kaum erhalten, denn er wechselte Orte wie das Hemd und verzichtete darauf, sein Leben zu archivieren. Noch 1809 liegt ein halbes Jahr fast völlig im Dunklen. Am besten dokumentiert sind die letzten Stunden vor dem Selbstmord mit Henriette Vogel im November 1811. Über die ungeheuer gute Laune der beiden Sterbelustigen, die sich trotz Novemberkühle einen Tisch ans Ufer des Kleinen Wannsees stellen ließen (der damals noch „Stolper Loch“ hieß) und dort ihren finalen Kaffee tranken, nachdem sie während der Nacht aufgekratzte Abschiedsbriefe verfasst hatten, weiß man dank der polizeilichen Aussageprotokolle genau Bescheid.

Ansonsten ist Kleists hyperaktives Leben voller Rätsel: frühe Kriegserfahrungen, fast noch als Kindersoldat, der plötzliche Abschied von der aussichtsreichen Offizierslaufbahn, die Hinwendung zur Wissenschaft, die in der viel beschworenen Kant-Krise allzu schnell ans Ende des Erkenntnis-Optimismus führt, worauf der Entschluss folgt, Dramatiker zu werden und Goethe zu übertrumpfen.

Als das nicht klappt, will er lieber Landwirt in der Schweiz sein. Mal sucht er den Tod in der Schlacht, mal Ansehen als Herausgeber einer Berliner Tageszeitung. Immer wieder neue Aufbrüche, Pläne, Reisen, ein Schwanken zwischen Aufklärung und Romantik, zwischen der Suche nach Authentizität und der Verhaltenslehre der Verstellung, eine Sandwich-Existenz zwischen Bürgertum und Adel, ein Tanz an der Abbruchklippe der Epoche.

Dieses Leben ist ein Labyrinth, durch das immer neue Biografen einen roten Faden zu ziehen versuchen. Erst vor vier Jahren erschienen die umfangreichen Darstellungen von Gerhard Schulz und Jens Bisky; jetzt kommen die Bücher von Günter Blamberger und Peter Michalzik hinzu. Eine gute Biografie muss sich mit den eruptiv entstandenen Dramen und Novellen beschäftigen, die schließlich der Grund aller Kleist-Faszination sind, ohne dass jedoch die Werke aus dem Leben zu erklären wären oder das Leben aus den Werken. Ein Balanceakt, der Blamberger am überzeugendsten gelingt. Der Kölner Germanist und Präsident der Kleist-Gesellschaft kennt sich unübertrefflich aus in der primären und sekundären Kleist-Welt.

Er schildert ihn als unermüdlichen Projektemacher und existenziellen Experimentator; seine Biografie vermittelt differenziertes Wissen und ist zugleich geprägt von einer nahezu kleistschen Widerspruchslust. Wo sich ein Konsens herausgebildet hat, etwa über Kleists vermeintlich lieblose und oberlehrerhafte Behandlung Wilhelmine von Zenges, geht er dazwischen. Es handele sich weder um Sadismus noch die Errichtung einer Bildungsdiktatur – sondern um pädagogische Liebesbriefe auf den Spuren von Rousseaus „Emile“. Blambergers brillante Werk-Analysen bieten viele Deutungspointen. Gute Kleist-Vorkenntnisse sind allerdings erforderlich, um Spaß daran zu haben.

Die Biografie des Theaterkritikers Peter Michalzik kann eher zu Kleist hinführen. Ihr Duktus ist erzählerischer, anschaulicher, auch wenn der Verfasser seinerseits viel Detailwissen beizusteuern hat – weniger hinsichtlich der literarischen Finessen Kleists und ihrer literaturwissenschaftlichen Hintergründe als in Fragen des preußischen Militärs, das Kleists soldatischen Habitus prägte. Kampf und exzessive Gewalt bestimmen viele seiner Werke, das kommt nicht von ungefähr. Michalzik rekonstruiert die frühen Garnisons- und Kriegserfahrungen Kleists, indem er historische Quellen und Berichte anderer Soldaten heranzieht: So könnte es gewesen sein.

Noch mehr versucht die italienische Germanistin Anna Maria Carpi aus der Quellennot eine Erzähltugend zu machen. Sie dialogisiert die Briefe und vorhandenen Zeugnisse, inszeniert Stimmen und Sehnsüchte und schreibt so den Roman des Kleist-Lebens, konsequent im erlebnisunmittelbaren Präsens. So lässt sie ihren Helden vor dem alten Wieland aus „Robert Guiscard“ lesen: „Heinrich deklamiert mit Eifer, mit Bravour, wie selbstvergessen, mit einer Stimme, die zunächst rauh und dann immer klarer und kräftiger wird. Plötzlich verstummt er. Ich bin fertig, stammelt er, den Blick auf den Boden gerichtet und mit zitterndem Kinn, als wäre er eines Verbrechens angeklagt.“ Das ist etwas für Leser, die auch die fiktionalisierten Biografien Sigrid Damms über Lenz oder Christiane von Goethe schätzen.

Die vermeintliche Homosexualität Kleists, sein gender trouble – das sind Dauerbrenner der jüngeren Forschung. Ausgerechnet der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer warnt nun vor Übertreibungen. Während noch Jens Bisky den berühmten Brief an den athletischen Ernst von Pfuel vom 7. Januar 1805 als „ergreifendsten Liebesbrief eines Mannes an einen Mann“ verstanden hat, schreibt Schmidbauer: „In dem Brief sexualisierte Kleist eine symbiotische Sehnsucht, nicht mehr und nichts anderes.“ Kleists „Symbiosekomplex“, seine Verschmelzungssehnsüchte scheinen plausibel: bis hin zu seiner wiederholten Suche nach einem Partner zum Sterben. Dass über Kleists Kindheit so wenig bekannt ist, macht psychoanalytische Herangehensweisen allerdings noch spekulativer, als sie meist sowieso schon sind. Schmidbauer hält sich vor allem an die Werke, deren Vertrauensbrüchen er frühe Traumatisierungen und soziale Ängste abliest. Kleist habe „Einsichten der Narzissmusforscher“ vorweggenommen (na klar), die Anmaßungen der Pädagogik gerügt und – im grandiosen Essay „Über das Marionettentheater“ – die „Krisen des Selbsterlebens vor dem Spiegel anschaulicher geschildert als Lacan“.

Auch die Essays des Kleist-Herausgebers Roland Reuß sind jetzt in einem Band erschienen. Edition und Deutung hängen für Reuß zusammen: Gerade durch die Aufmerksamkeit auf die „kleinsten scheinbaren Nebensächlichkeiten“ der Textgestalt (etwa abweichende Schreibweisen) ergeben sich Einsichten, die ein „Korrektiv“ bilden können gegenüber den „Verlockungen der jeweils durchs Dorf gejagten Alphadiskurse“ wie Postkolonialismus, Dekonstruktion oder Gender Studies. Reuß, selbst ziemlich dekonstruktiv veranlagt, rühmt bei Kleist die „Kritik instrumentellen Sprachgebrauchs“ (was allerdings mehr nach Frankfurt am Main als nach Frankfurt an der Oder klingt), eine Sprache „im Freien“. Prägnanter und überzeugender klingt immer noch die Definition, die Thomas Mann von Kleists Stil gegeben hat: „Ein Impetus, in eiserne, völlig unlyrische Sachlichkeit gezwungen, treibt verwickelte, verknotete, überlastete Sätze hervor, die geduldig geschmiedet und zugleich von atemlosem Tempo gejagt wirken.“ Die Musikalität Kleists – er spielte virtuos Klarinette in einem Offiziersquartett – macht sich in der eigenwilligen und komplexen rhythmischen Fügung seiner Sprache geltend.

Kleists Werke produzieren immer wieder den Enthusiasmus der Grausamkeit. Wer etwa „Michael Kohlhaas“ liest, wird in der literarischen Identifikation mit dem rechtschaffen-fürchterlichen Rosshändler einen irritierenden Vergeltungswunsch aufkeimen spüren. Auch das kann ja gute Literatur: uns mit unheimlichen, unerwünschten Gefühlen vertraut machen. Heute ist das Verhältnis zur Gewalt extrem ambivalent. Allabendlich vergnügen sich Millionen mit Mord und Totschlag, mit Krimis und anderen Killerspielen. Gleichzeitig wird das Böse in der Realität (etwa auf U-Bahnsteigen) immer schockierender und „unverständlicher“ gefunden, als hätte der anthropologische Idealismus ungebrochene Geltung. Kleists Werke wissen mehr über das jähe, explosive Entstehen von Gewalt als die Handbücher der Sozialpädagogik.

Wenn in seinen katastrophischen Novellen immer wieder das Hirn „sprützt“, dann sind das zugleich, in literaturgeschichtlicher Hinsicht, wuchtige Schläge ins humane Gesicht der Weimarer Winckelmann-Klassik. Die Modernen vor hundert Jahren haben ihre Schadenfreude daran gehabt. Heute sind solche Triumphe allzu preiswert geworden. Provokativ ist im gegenwärtigen Medien- und Theaterkontext nicht mehr die kannibalistische „Penthesilea“, sondern die milde „Iphigenie“. Kleists Ästhetik des starken Gefühls, das durch „die kalte Kruste der Konvenienz bricht“ (so schreibt er in einem Brief), zielt heute nicht mehr auf verblichene Gebote klassischer Dezenz, sondern auf die „gegenwärtigste aller Todsünden“: die „Coolness, die Trägheit des Herzens und des Kopfes“, so Günter Blamberger. Gerade in dieser Unzeitgemäßheit besteht Kleists Aktualität.

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