Kultur : Leben, ich weiß nicht wie

Eine Pille fürs Vorstellungsgespräch: Holger Ernsts düsteres Teenager-Drama „This House is Burning“

Julian Hanich

Nein, das ist kein Film, bei dem man im flauschigen Kinosessel versinkt. Hier hockt man auf Kante. Hier rutscht man unruhig hin und her. Hier wird das Kinoerlebnis zur kribbeligen Angelegenheit. „The House is Burning“ geht buchstäblich auf die Nerven. Und genau das ist das Ziel. Ein ernst zu nehmendes Ziel.

Der deutsche Regisseur Holger Ernst, Jahrgang 1972, hat sich für sein Spielfilmdebüt in die USA aufgemacht und eine Studie über Lower-class-Teenager zurückgebracht. Einen Tag und eine Nacht lang bleibt Ernst einer Gruppe von Jugendlichen auf den Fersen, irgendwo im urbanen amerikanischen Niemandsland. Dabei ist ein dichtes Geflecht von Episoden entstanden. Mike (Joe Petrilla) kämpft mit der Vorstellung, am nächsten Tag mit der Army in den Irak aufbrechen zu müssen. Seine Freundin Valerie (Nicole Vicius) betrügt ihn mit dem Kleindealer Phil (Robin Taylor), der noch am selben Abend sein erstes Großgeschäft durchziehen will. Valeries Freundin Terry (Julianne Michell) bewirbt sich um einen Versicherungsjob – und schmeißt dafür erst mal ein paar Pillen ein. Der pickelige Steve (Harley Adams) macht sich auf die Suche nach einer Knarre. Der Plan: seinen fiesen Schlägervater (John Diehl) umzulegen, von dem wir später erfahren, dass er bankrott und am Ende ist.

Ein paar Jahre vor Ausbruch des Sezessionskrieges hat Abraham Lincoln in einer berühmten Rede Amerika als „house divided“ bezeichnet. Bei Holger Ernst ist das Haus mehr als gespalten. Seine Diagnose lautet: Das Haus steht in Flammen. Der Regisseur erklärt es zum Prinzip, Alltagsgeschichten mit dem Vergrößerungsglas zu betrachten. So entsteht aus dem kleinen Ausschnitt ein Bild von Amerika im Großen. Dafür nimmt er auch die Gefahr der Überzeichnung in Kauf. Seine Teenager sind getrieben, bindungslos und emotional heruntergekommen. Der forcierte Individualismus äußert sich in Ich-Zentriertheit bei gleichzeitigem Mangel an Empathie. Die Männer plustern sich auf. Die Frauen heucheln. Hier regiert, wer die höchste Position in der Hackordnung hat – wer unten liegt, wird getreten. Weil ihnen dabei die Gefühle abhanden gekommen sind, inszenieren sich die Teenager ihr Drama ständig aufs Neue. Das Leben als tägliche Seifenoper mit Sex, Alkohol und Drogen. Holger Ernst nennt das „Fluchtbewegungen vor der eigenen Misere“. Daher die Rastlosigkeit seiner Figuren.

Diese setzt er stilistisch konsequent um. Ernst springt abrupt von einer Episode zur nächsten. Er meidet offene Einstellungen, die einen schweifenden Blick erlaubten. Auf Totale und Halbtotale habe er beinahe komplett verzichtet, sagt er. Bis auf wenige Ausnahmen sei nur mit Schulterkamera ganz nah an den Figuren gefilmt worden. Der Hinweis auf Larry Clark und Filme wie „Ken Park“ oder „Bully“ liegt nahe. Genauer noch trifft der Vergleich mit Harmony Korine, der in den 90er Jahren mit „Gummo“ und dem ersten amerikanischen Dogma-Film „Julien Donkey-Boy“ zwei wichtige Bestandsaufnahmen amerikanischer Verwahrlosung vorgelegt hat.

Dabei stellt sich die Frage, woher ein deutscher Regisseur seine düsteren Einsichten in die verwahrloste amerikanische Teenagerwelt bekommen konnte. Ernst erzählt, dass er fast fünf Jahre in den USA gelebt hat. Er hat Autos repariert, gekellnert, bei einer Zeitung gearbeitet. Nicht unwichtig auch: Es gab zwar ein paar Deutsche im Team (darunter Wim Wenders als Executive Producer). Die wichtigen Stellen sind aber mit Amerikanern besetzt. Und so sprechen aus diesem deutsch-amerikanischen Zwitterfilm Faszination und Aversion zugleich: Ernsts Begeisterung für Amerika schafft erst die Voraussetzung für seinen kritischen Blick. Der Regisseur begegnet etwaigen Vorwürfen so: „Ich bin kein Antiamerikaner.“

Blow Up, Central (OmU), Eiszeit, Neue Kant Kinos

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